Luftbilder-Serie „BW von oben“ Von der Schleuderplatte zur Denkfabrik

Von Sophia Herzog
1968 nur eine Teststrecke: Das Entwicklungszentrum von Porsche in Weissach wuchs erst Anfang der Siebziger ordentlich, als die ersten Bürogebäude entstanden. Foto: Landesarchiv/StAL/EL68IX-3400

Weissach - Seit rund 50 Jahren besteht die Gemeinde Weissach aus den beiden Ortsteilen Weissach und Flacht. Nicht im Gemeindeverzeichnis, aber zumindest im Volksmund hat Weissach allerdings noch einen dritten Ortsteil – und zwar das Porsche-Entwicklungszentrum, das sich hinter dem westlichen Ortsrand wie eine kleine Stadt auftut und inzwischen zur „Denkfabrik“ des Autoherstellers geworden ist. Jeder Porsche-Wagen findet hier seinen Ursprung, in einer kleinen 7500-Seelen-Kommune auf dem schwäbischen Land.

Herbert Linge holte Porsche nach Weissach

Dabei war die Niederlassung von Porsche in Weissach keine lang ausgeklügelte Unternehmensstrategie, sondern: ein glücklicher Zufall. Ende der 1950er-Jahre sucht man in der Region einen geeigneten Standort für eine Rennwagen-Teststrecke, weil das Prüfgelände von Volkswagen in Wolfsburg zu weit weg ist. „Da habe ich mir erlaubt, vor Ferry Porsche zu erwähnen, dass es in Weissach ein Gelände gibt, das gut passen würde“, erinnert sich Herbert Linge. Er war nicht nur erfolgreicher Rennfahrer, sondern damals auch Werkstattmeister bei Porsche – und ist gebürtiger Weissacher.

Dass man sich bei Porsche damals für Weissach entschied, war ein Glücksfall für alle, betont auch Barbara Hornberger, langjährige Leiterin des Heimatmuseums in Flacht. „Weissach war ein armer Heckengäu-Fleck“, sagt sie. Im Strohgäu habe es die besseren Böden gegeben. Mit der Teststrecke habe man eine Fläche, auf der sonst nur Brombeeren wuchsen, sinnvoll nutzen können.

Geschäftsgespräche im Weissacher Wohnzimmer

„Und dann ging alles ganz schnell“, erzählt der heute 93 Jahre alte Herbert Linge weiter. Weil sich damals dort, wo heute das Entwicklungszentrum liegt, nur braches Land erstreckt, wickelt man die Geschäfte auch häufiger mal im heimischen Wohnzimmer der Linges ab. „Es gab ja kein Büro oder Gebäude“, erklärt der ehemalige Porsche-Mann. „Die Käufe der Flächen von den Landwirten, das hat alles bei uns stattgefunden.“ Seine Frau, ergänzt Linge schmunzelnd, hat das zum Glück gerne mitgemacht.

1961 folgt der offizielle Spatenstich auf der Fläche zwischen Weissach und Mönsheim. Ein Jahr später wird die Schleuderplatte fertig – aus der Luft ist dieses „Skidpad“ mit seinen drei kreisrunden Strecken auch heute noch deutlich zu erkennen. Am 15. Oktober 1962 wird die Teststrecke unter anderem mit einer Fahrt des Porsche 356 B eingeweiht. Mit dabei: Herbert Linge. Auf der Strecke bei Weissach werden die Wagen der Firma fortan auf Aerodynamik, Ausdauer und Haltbarkeit getestet.

1971 ist das Geburtsjahr des Entwicklungszentrums

Als erstes Gebäude auf dem neuen Porsche-Gelände errichtet man eine Holzhütte für die Gerätschaften der Tester, 1970 entstehen die ersten Bürogebäude und Werkstätten, schon damals mit dem Ziel, hier eine kleine Denkfabrik aufzubauen. 1971 wird auch der restliche Teil der bis heute existierenden Teststrecke erbaut. Im selben Jahr siedelt schließlich die gesamte Entwicklungsabteilung inklusive Design von Zuffenhausen nach Weissach über – das Entwicklungszentrum ist geboren. Linge wird Betriebsleiter und bleibt bis zu seinem Ruhestand 1987 bei Porsche. Das Automobilunternehmen wächst immer weiter, wird Jahre später in den VW-Konzern eingegliedert. An Bedeutung verliert der Standort Weissach nie.

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Dass sich die Porsche-Niederlassung nahe seines Heimatortes einmal in ihren heutigen Dimensionen erstrecken wird, damit hatten Linge und seine Kollegen nicht gerechnet, als sie Ende der 1950er-Jahre das erste Mal auf dem Feld im Heckengäu standen. „Ursprünglich war nur die Teststrecke geplant“, erinnert sich Herbert Linge. Aber: „Die Aufträge kamen immer schneller und wurden immer größer.“

Für Weissach war Porsche in Segen

Für die Gemeinde Weissach ist die Porsche-Ansiedlung unterdes „ein Segen“, so sieht es auch Barbara Hornberger. Die Wirtschaftskraft des Autoherstellers füllt lange Jahre die Gemeindekasse und verhilft der kleinen Kommune obendrein auch zu überregionaler Bekanntheit. So wie der Standort wächst, bekommt auch Weissach ordentlich Zuwachs. Kritik, so erinnert sich Hornberger, habe es im Zuge der Expansionen des Entwicklungszentrums höchstens wegen Umweltschutzbedenken gegeben – oder, weil die Testfahrten ein wenig laut waren.

Insgesamt steht man dem Entwicklungszentrum in der Kommune aber „super“ gegenüber. „Stolz auf die Technik und die Tüftler“ sei man, sagt Hornberger. Getüftelt und gewerkelt wird zwischen Weissach und Mönsheim auch weiterhin fleißig: Wo früher ikonische Porsche-Modelle ihre Runden auf einer kleinen Schleuderplatte drehten, geht es heute um künstliche Intelligenz und selbstfahrende Autos.

Luftbilder-Serie „BW von oben“

Wandel der Zeit
Wie hat sich der Altkreis Leonberg seit 1968 verändert? Die Serie „BW von oben“ stellt nicht nur die Luftbilder von damals und heute dar, sondern auch die Geschichten, die diese Bilder erzählen. Dafür kooperiert unsere Zeitung mit dem Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung und dem Landesarchiv. Alle Beiträge der Serie sowie die Landkarten ganz Baden-Württembergs von 1968 und von heute werden unter www.stuttgarter-zeitung.de/bw-von-oben gesammelt.

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