KZ-Gedenkstätte Leonberg „Eure Erinnerung hält uns am Leben“

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Eric Spicer hat seinen Namen auf der Wand vor dem alten Engelbergtunnel gefunden. Foto: privat

Leonberg - Ein einziges Mal ist Eric Spicer in Leonberg gewesen. Das war im Jahr 2006. Im Frühjahr 1944 war er für wenige Monate im Arbeitseinsatz an diesem Ort. Jetzt ist er im Alter von 97 Jahren in Australien verstorben. Er hat eine wichtige Botschaft für die Jungen: „Vergesst nie, was geschehen ist. Vergesst den Holocaust nie.“

Die Leonberger KZ-Gedenkstätteninitiative hat vom Tode des in Australien lebenden Eric Spicer erfahren. „Wir wussten nicht, dass er noch lebt“, sagt der Gedenkstätten-Mitbegründer Eberhard Röhm. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Spicer, der mit dem Namen Emmerich Spitzer einst in Ungarn geboren wurde, in einem Seniorenheim, sodass der Kontakt nach Leonberg abgebrochen ist. Aber Eberhard Röhm erinnert sich noch genau an die Begegnung mit Eric Spicer und insbesondere, wie es zum Kontakt mit ihm gekommen ist.

Am 12. März 2006 habe er eine E-Mail aus Wien von Roswitha Klingemann, der Schwester des bekannten österreichischen Schriftstellers Ernst Jandl erhalten und daraus habe sich ein typisches Beispiel der Kontaktaufnahme mit einem ehemaligen Häftling des KZ-Außenlagers Leonberg entwickelt, schildert Röhm. Sie wolle einem gewissen Eric Spicer eine Geburtstagsfreude machen und ihm eine Broschüre über das KZ Leonberg zukommen lassen. Sie habe Spicer bei einem Urlaubsaufenthalt in Australien am Strand kennengelernt. Er hatte ihr erzählt, im Lager Leonberg gewesen zu sein.

Der Anruf aus Wien

Die Initiative hätte großes Interesse, mehr über Eric Spicer zu erfahren, weil sie den Kontakt zu allen noch lebenden ehemaligen Leonberger KZ-Häftlingen suchte, schrieb Röhm nach Wien. „Noch am Abend desselben Tages bekam ich einen Telefonanruf aus Australien, in dem Eric Spicer in bewegenden Worten mir sein Lebensschicksal erzählte, wie wenn er schon seit ewig darauf gewartet hätte, dass ihn danach jemand befragte“, schildert Röhm. Und er sei überrascht gewesen, dass ein Leonberger Bürger nach so vielen Jahrzehnten an seiner Biografie interessiert ist.

Es folgte eine Einladung nach Leonberg. Anlässlich eines ohnehin geplanten Europa-Aufenthalts kam es zu einer mehrtägigen Begegnung im Juni 2006 mit dem damals 82-Jährigen. Spicer war auch bereit, einen Vormittag lang vor Schülerinnen und Schülern des Leonberger Johannes-Kepler-Gymnasiums zu sprechen. Geradezu gerührt war Eric Spicer, als er an der Namenswand vor dem alten Engelbergtunnel seinen Namen Emmerich Spitzer entdeckt hatte, so sein Name bis zur Auswanderung nach Australien.

Protest gegen deutsche Besatzungsmacht

Noch unter dem Geburtsnamen Emmerich Spitzer beteiligte sich der damals 20-jährige, ungarische Jude als Angehöriger der Jungsozialisten im Sommer 1944 in Budapest an einer Protestaktion gegen die deutsche Besatzungsmacht. Recht naiv pinselte er bei Nacht an Häuserwände die Parole „Tod den deutschen Besatzern“. Die Folge war seine Verhaftung und Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe von viereinhalb Jahren. Während der politischen Wirren des Aufstandes von Reichsverweser Admiral Miklós Horty gegen die Deutschen im Oktober 1944 wurde Emmerich Spitzer zusammen mit anderen Häftlingen von den deutschen Besatzern nach Deutschland und in das KZ Dachau verschleppt.

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Er wurde als Arbeitskraft der Firma Messerschmitt in Augsburg zur Verfügung gestellt und befand sich jetzt im Dachauer KZ-Außenlager Augsburg-Pfersee. Von dort kam er in einem Transport am 3. Dezember 1944 nach Leonberg und bekam die Natzweiler Häftlingsnummer 39465. An Typhus erkrankt wurde Emmerich Spitzer schon Ende März nach Dachau verlegt.

Die Frau seines Lebens

Nach einem Todesmarsch erlebte er in Ötztal/Tirol die Befreiung durch US-Soldaten. Anschließend wurde er im DP-Lager Feldafing am Starnberger See aufgenommen. Dort fand er die Frau seines Lebens, Eva Kovacz. Sie stammte auch aus Ungarn. Die beiden fuhren mit einem Repatriierungszug in ihre Heimat, um nach ihren Vätern zu suchen. Beide waren jedoch nicht mehr am Leben. Als Vollwaisen kehrte das Paar nach Feldafing zurück und heiratete dort. Da die Frau erst 18 Jahre alt, also noch nicht volljährig war, fälschte sie ihr Geburtsdatum.

Von 1946 bis 1949 lebten Eva und Emmerich in Paris und schlugen sich notdürftig durch. Emmerich studierte Chemie. „Es war die glücklichste Zeit unseres Lebens“, sagte Eric Spicer später. Im Jahr 1949 folgte die Emigration nach Australien. Dort baute Eric Spicer, wie er jetzt hieß, sich eine Existenz auf. 1956 und 1957 wurde dem Ehepaar eine Tochter und ein Sohn geboren. Die Ehefrau Eva ist früh gestorben. Ein Interview, das Eric Spicer 1995 gegeben hat, schloss er mit den Worten: „Den jungen Menschen von heute möchte ich gerne sagen: Vergesst nie, was geschehen ist. Vergesst den Holocaust nie. Vergesst uns nicht und was wir durchgemacht haben! Denn Eure Erinnerung ist das Einzige, was uns am Leben erhält. Und Eure Erinnerung gibt dem einen Sinn, was wir durchgemacht haben.“

„Eric Spicer ist nun einer der letzten der ehemaligen KZ-Häftlinge gewesen, die wir kennen gelernt haben und von dem wir jetzt Abschied nehmen müssen. Ein Glück, dass wir ihm begegnet sind“, sagt Eberhard Röhm.

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