Verkehrswende Kritik am Gerlinger Mobilitätskonzept

Von Torsten Schöll
Die Fahrradinfrastruktur in Gerlingen lässt zu wünschen übrig. Foto: /Jürgen Bach

Wie sollen sich Menschen in der Stadt künftig fortbewegen? Zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit Bussen und Bahnen? Oder doch weiterhin mit dem Auto, vor allem dann, wenn es einen Elektromotor hat? Fest steht: Angesichts der ökologischen Herausforderungen der Zukunft wollen Städte und Gemeinden diese Entscheidung nicht mehr allein den Bürgern überlassen.

Anteil der Verkehrsmittel soll auf Nachhaltigkeit zielen

Viele Kommunen entwickeln deshalb aktuell neue Mobilitätskonzepte. Ganz gezielt soll damit der Anteil der unterschiedlichen Verkehrsmittel an den zurückgelegten Wegen – neudeutsch: Modal Split – zugunsten nachhaltiger Fortbewegungsmittel verändert werden. Umstritten ist dabei fast nie, ob die Verkehrswende notwendig ist. Die kontroversen Fragen sind: Wie schnell kann sie umgesetzt werden und vor allem, wie stark soll diese Entwicklung zulasten des Autoverkehrs gehen?

Aktuellster Fall: Gerlingen. Bis ins Jahr 2035 soll dort der Anteil des motorisierten Individualverkehrs von heute 48 Prozent auf künftig 35 bis 40 Prozent zurückgehen. So sieht es ein Zwischenbericht vor, der vergangene Woche dem Gerlinger Gemeinderat zum Beschluss vorgelegt wurde. Vorausgegangen war dem Report eine Bestandsanalyse des Karlsruher Stadt- und Verkehrsplanungsbüros Planersocietät, das vor zwei Jahren mit der Entwicklung eines kommunalen Mobilitätskonzepts für beauftragt worden war.

Hoher Anteil an Haushalten mit zwei oder mehr Pkw

Dabei kamen in Gerlingen, verglichen mit ähnlichen Kommunen, bemerkenswerte Besonderheiten zum Vorschein: So verfügt in der Bosch-Stadt, wie die Verkehrsplaner herausgefunden haben, mit 37 Prozent „ein vergleichsweise hoher Anteil an Haushalten über zwei oder mehr Pkw“. Zugleich liege aber der Anteil der in der Kommune mit einem motorisierten Fahrzeug zurückgelegten Wege bei nur unterdurchschnittlichen 39 Prozent.

Soll heißen: Obwohl die Gerlinger viele Autos besitzen, werden sie selten dazu benutzt, sich in der eigenen Stadt fortzubewegen. Umgekehrt sind die Gerlinger trotz ihrer vielen motorisierten Fahrzeuge begeisterte Fußgänger. „Im Modal Split ist die überdurchschnittliche Bedeutung des Fußverkehrs zu erkennen“, so die Verkehrsplaner. 31 Prozent aller Wege werden demnach in der Strohgäu-Stadt per pedes zurückgelegt. Auch der Anteil der E-Bike-Fahrer ist in der Kommune sehr groß: Ein Viertel aller Haushalte verfügt demnach über ein elektrisch angetriebenes Fahrrad – durchschnittlich wäre hier ein Wert von nur neun Prozent.

An der Fahrradinfrastruktur hakt es noch

Gleichwohl hakt es in Gerlingen, so die Untersuchung, ausgerechnet an der Fahrradinfrastruktur. Die Qualität des Radverkehrs erhält von den Gerlingen die magere Note 3,1 – ein vergleichsweise schlechter Wert. Der Grund: In Gerlingen müssen sich die Fahrradfahrer nach wie vor noch viel zu häufig den Platz auf der Straße mit Autos oder Fußgängern teilen. „Das Radverkehrsnetz ist für den alltäglichen Radverkehr lückenhaft“, so das Urteil der Experten.

Was daraus folgt, ist freilich im Gemeinderat umstritten: Denn der Zwischenbericht zum künftigen Mobilitätskonzept stellt zwar als zentrales Ziel den Um- und Ausbau der Radinfrastruktur in den Mittelpunkt. Doch geht es um die Zukunft des Automobils, bleibt der Bericht überraschend vage. So heißt es darin: „In Gerlingen – und insbesondere im Innenstadtbereich – soll der Kfz-Verkehr zielgerichtet optimiert werden. Dabei stehen eine Entschleunigung sowie eine ressourcenschonende Entwicklung, auch durch einen verantwortungsbewussten Umgang mit der vorhandenen Fläche, im Vordergrund.“ Eine konsequente Einschränkung des Autoverkehrs liest sich anders.

Klimaneutralität das Ziel im Landkreis

Im Gemeinderat folgte die Quittung prompt: Wie in Gerlingen mit dem Auto künftig umgegangen werden soll, beschreibe der Bericht allenfalls „schwammig“, kritisierte Grünen-Stadtrat Björn Maier. Die Zielsetzung sorge nicht dafür, dass alle Verkehrsarten gleich berechtigt werden. „Der Landkreis Ludwigsburg will bis 2040 klimaneutral werden“, sagte Maier. „Dafür muss der Autoverkehr stärker gesenkt werden.“

Bereits vor der Debatte zum künftigen Mobilitätskonzept im Gerlinger Gemeinderat hatte Stefan Frank vom ADFC gegenüber den Gremiumsmitgliedern kritisiert, dass man bei der Entwicklung des Mobilitätskonzepts zwar „toll gestartet“, nun aber „bei einem ganz kleinen Ziel gelandet“ sei. „Wir haben uns größere Sprünge erwartet“, sagte Frank.

Bürgermeister hält Kritik für ungerechtfertigt

Bürgermeister Dirk Oestringer (parteilos) hält die Kritik für ungerechtfertigt: Die formulierten Ziele seien, so der Rathauschef, „ambitioniert, aber eben auch realistisch“. Das sah auch eine Mehrheit im Gemeinderat so und billigte gegen die Stimmen der Grünen das Vorgehen. In einem nächsten Schritt sollen nun konkrete Maßnahmen entwickelt werden, mit denen die im Mobilitätskonzept definierten Ziele umgesetzt werden können.

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