Ölmühle Weissach Wohnen zwischen Natur und Historie

Von Sophia Herzog
In der historischen Ölmühle etwas außerhalb von Weissach arbeiten und wohnen heute über 30 Menschen. Foto: Jürgen Bach

Weissach - Folgt man dem Lauf des Strudelbachs aus Weissach heraus und weiter nach Osten, immer entlang der Landstraße 1177 in Richtung Heimerdingen, taucht zwischen den Wipfeln der Bäume bald die Spitze eines Hausdaches auf. Mitten im Strudelbachtal, umgeben von grüner Natur und nicht viel mehr, liegt die historische Weissacher Ölmühle – wer sie erreichen will, muss eine kleine, steinerne Brücke über den Bach überqueren, der sich einmal um das Gelände windet. Hinter den Bäumen tauchen bald mehrere Gebäude auf, die alle zum Mühlgelände gehören, Fachwerk blitzt hinter wucherndem Efeu hindurch, Vögel zwitschern.

Mühle wurde 1846 erbaut

Kaum zu glauben, dass dieser idyllische Ort vor wenigen Jahrzehnten noch ganz anders ausgesehen hat: 1994 übernahm der Architekt Hansulrich Benz die 1846 erbaute Mühle von seiner Großtante. Diese hatte den Gebäudekomplex mehrere Jahre lang an eine psychosoziale Einrichtung verpachtet, die Häuser waren heruntergelebt. Der Hof der Mühle, eben ein ehemaliger Gewerbebetrieb, war zubetoniert. Außer wenigen kahlen Bäumen war von Natur kaum etwas zu sehen. „Ich kam zufällig bei meiner Tante vorbei und erkundigte mich“, erinnert sich Hansulrich Benz heute an das Jahr 1994. Schnell war ihm klar: „Das muss ich jetzt in die Hand nehmen.“

Heute wohnen und arbeiten in der Ölmühle über 30 Menschen. Mehrere Mietwohnungen wurden in den einzelnen Gebäudeteilen untergebracht. Zwei Künstler haben hier ihre Ateliers, auch eine Praxis für Ergotherapie gibt es. Hausherr ist der Architekt Hans-ulrich Benz, der ebenfalls in der alten Ölmühle wohnt – und sein Architekturbüro betreibt.

Das Haus wie eine Zwiebel geschält

Über mehrere Jahre hinweg hat er die alten Gebäude, größtenteils in Eigenregie, saniert und umgebaut. „Ich war eigentlich noch Student und hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung“, erzählt Benz von der Anfangszeit. „Der arme Irre“, hätten sich derzeit sicherlich viele gedacht, sagt er. Für den Architekten wurde die Ölmühle zur Experimentierfläche. „Wie eine Zwiebel geschält“ habe er die Häuser – alte Wände und Kanäle freigelegt, das letzte verbleibende Mühlrad zum Laufen gebracht. Eine große Trafostation, die früher den Hof der Mühle prägte, wurde abgerissen. „Wichtig war mir, die alte Substanz zu finden“, erklärt Benz. „Und was nicht mehr da war, mit zeitgemäßen Mitteln zu ersetzen.“

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Diese Kombination aus Alt und Neu sieht man heute überall: Große, moderne Fenster lassen im Inneren des Hauptgebäudes Licht auf historische Holzbalken strahlen. Neben freigelegtem Backstein windet sich eine schicke Wendeltreppe in die oberen Stockwerke. Und neben dem historischen Mühlrad gibt eine moderne Veranda den Blick auf den Ölmühlen-Hof frei.

Klimawandel ist auch hier zu spüren

Balance, zwischen Moderne und Historie, zwischen Natur und Menschengemachten – die ist für Hansulrich Benz essenziell. Aus dem einst brachliegendem Hof ist über die Jahre ein grüner Fleck Erde geworden. Nicht unweit des Gebäudekomplexes liegt nun das größte Amphibienproduktionswasser des Strudelbachtals. Der Eisvogel hat auf dem insgesamt rund vier Hektar großen Grundstück ein dauerhaftes Zuhause gefunden, auch mehrere Spechtarten, ausgefallene Insekten und Schlangen hausen hier. „Weil es auf engstem Raum viele Strukturen, etwa nasse und trockene Stellen, gibt“, erklärt Benz.

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Die Nähe zur Natur macht aber auch sensibler für ihre Verletzlichkeit. So hat sich das einzige überlebende Mühlrad – früher gab es zwei – schon länger nicht mehr gedreht, weil nach trockenen Jahren zu wenig Wasser durch den Kanal fließt. „Das Grundwasser hat sich nicht erholt“, so Benz. Dabei pocht gerade hier das Herz der Ölmühle: „Das Mühlrad und der Wasserlauf definieren die Landschaft.“

Demut gegenüber der Natur gelernt

Und wie lebt und arbeitet es sich in der Ölmühle? „Super“, sagt Hansulrich Benz. „Ich will an einem Ort arbeiten, wo mich nichts stört. Und das ist hier so, mit Blick in die Natur.“ Auch den restlichen Mietern gefällt es, so sein Eindruck. „Es fällt den meisten nicht leicht zu gehen.“ Wohnfläche in der Ölmühle kostet, je nach Größe der Wohnung, rund acht bis 11,50 Euro pro Quadratmeter. „Ich will hier jedem die maximale Freiheit geben“, erklärt der Architekt. „Die Menschlichkeit versuche ich hochzuhalten.“ In seinen Jahren in der Ölmühle sei er disziplinierter geworden, besonders ob der aufwendigen Pflege des Geländes, aber auch toleranter. Und die Demut gegenüber der Natur, die sei gestiegen. „Aber das passiert automatisch, wenn man ein empathischer Mensch ist“, sagt Benz noch. „Die Natur prägt.“

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