Historisches Wohnen in Renningen Ein Haus, das Geschichte atmet

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Niedrige Decken und Fachwerk: Unter dem Dach des im Jahre 1680 erbauten Schulhauses ist es urig. Foto: Simon Granville

Renningen - Wenn Roland Gäfgen durch sein Haus im Renninger Stadtteil Malmsheim geht, dann knarren unter seinen Füßen die Holzdielen. Immer wieder zeigt er auf kleine Ecken, in denen ungewöhnliche Details hervorblitzen: Im Flur gibt eine absichtlich ausgesparte Stelle an der neugemachten Wand den Blick auf den alten Putz frei. Im Musikzimmer sieht man noch den Original-Pfosten. Im Bad, wo die Erweiterung des Hauses noch am besten zu sehen ist, hat ein einstiger Bewohner lose Holzstücke in eine Lücke zwischen zwei Querbalken geklemmt. Die provisorische Konstruktion könnte Roland Gäfgen ausbessern – sie erinnert ihn aber auch an die lange Geschichte seines Hauses. „Kleine Blicke in die Vergangenheit“, nennt er Stellen wie diese.

Vergangenheit, die hat Gäfgens Haus allemal: Das Fachwerkgebäude wurde 1680 erbaut und diente als Malmsheimer Schulhaus bis die Schülerzahl 1790 auf über 100 stieg und das Haus erweitert werden musste. Die Schulstube befand sich dann im Untergeschoss, oben lebten der Schulmeister und seine Familie. Weil der Platz aber auch in den Jahrzehnten danach knapp wurde und das alte Gebäude zumal sehr pflegeintensiv war, baute die Stadt ein neues Schulhaus. Die ehemalige Schule wurde verkauft, war lange Zeit in Besitz der Möbelschreinerei Bubser und ging dann an einen Malerbetrieb über. Jeder Bewohner hinterließ seine Spuren. Roland Gäfgen kennt sie alle.

Im Krieg schlug Granate ein

„Das Haus atmet Geschichte“, weiß der Kantor der evangelischen Kirche in Renningen. Davon erzählt er auch gerne. Die historische Tür aus dem 18. Jahrhundert, Steinfliesen aus dem 19. Jahrhundert – mit der Historie jedes noch so kleinen Details ist Gäfgen scheinbar bestens vertraut. 40 Fenster aus vier Jahrhunderten hat das Haus, weiß er etwa.

Und auch den Grund für die sich biegenden Querbalken und krummen Decken im Erdgeschoss kennt er. Das ist nicht etwa der Last der oberen Geschosse geschuldet, sondern einer französischen Granate, die Ende des Zweiten Weltkriegs einschlug und einen tragenden Balken beschädigte. Daraufhin sackte ein Teil des Hauses etwas ab. Heute messen die Decken an gegenüberliegenden Seiten mancher Räume deshalb bis zu 30 Zentimeter Höhenunterschied.

Es sollte ein altes Haus sein

Rund 15 Jahre lang hat der Kantor das ehemalige Schulhaus saniert, dabei auch viel Arbeit selbst übernommen und fast jeden Stein eigenhändig umgedreht. Eigentlich wollte er Restaurator werden, deshalb hatten Roland Gäfgen und seine Frau in den 90er-Jahren ganz gezielt nach einem Haus mit Geschichte gesucht. Sein Inserat: „Junge Familie sucht sehr altes Haus“. 1996 erwarb die Familie schließlich das alte Schulhaus und zog mit den drei jungen Söhnen in das Obergeschoss. 1997 begann Gäfgen Stück für Stück mit dem Renovieren.

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Als „Jahrhundertsanierung“ bezeichnet er diesen Aufwand heute. In den folgenden Jahren wurden unter anderem die Fassaden und ein hölzerner Anbau, das Dach und das Untergeschoss saniert. Dabei stießen Gäfgen und die Handwerker auch immer wieder auf ungeahnte Stolpersteine. So war etwa die Schwelle um das Haus herum weggefault. Einige Holzbalken des Fachwerks hatten Holzwürmer zerfressen.

Mit Blick für Details

Dabei war es Roland Gäfgen besonders wichtig, den historischen Zustand des Schulgebäudes herzustellen – und damit auch einige Arbeiten der vorherigen Besitzer rückgängig zu machen. „Ich musste erst mal das Haus in sich verstehen“, erinnert sich Gäfgen. Wie war hier früher gebaut und verputzt worden? „Das habe ich mir abgeguckt.“ Auch mit besonderem Blick für die historisch akkuraten Details: Einen Rinnenkessel etwa ließ er extra nach dem beschädigten Vorgänger anfertigen. „Das ist einfach meins“, sagt Roland Gäfgen. „Die Details, die so ein Haus bietet.“

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Heute, 25 Jahre nach dem Einzug der Familie in das alte Schulhaus, blickt Gäfgen zufrieden zurück. „Ich würde es noch mal machen.“ Natürlich sei die Sanierung ein Kraftakt gewesen, habe auch viel Zeit in Anspruch genommen, die anderswo gefehlt hat – aber es habe ihm auch Spaß gemacht. „Man hat eine ganz enge Beziehung zum Haus, man kennt die Wertigkeit“, erzählt Gäfgen. „Es ist im Grunde ein Museum.“

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