Leonberger Altstadt Stadtkirche braucht Orgel und Sanierung

Von Arnold Einholz
Besonders an dem vier Ecken mit den Löwen sind die Steine des Kirchenturmes stark verwittert. Foto: Stadtkirche

Leonberg - Es wird ein Kraftakt für die evangelische Kirche in Leonberg. Mit gleich drei Großvorhaben startet sie dieses Jahr. Eines davon ist ein lang gehegter Wunsch, das andere eine Notwendigkeit, die sich daraus ergibt. Das dritte ist eine böse Überraschung, die der Zahn der Zeit und wohl auch die Umweltbelastung verursacht haben. Die beiden ersten sind der Neustart der Spendenaktion für den Orgelneubau und für die Renovierung der evangelischen Stadtkirche. Das letzte ist die Sanierung des Kirchturmes.

Corona bringt Spendenaktion ins Stocken

Corona hat die Spendenaktionen für eine neue Orgel in der Leonberger Stadtkirche ausgebremst. Aber die Kirchengemeinde muss, bevor eine Orgel kommt, die Kirche renovieren und braucht dafür auch viele Spenden und Zuwendungen. Im Herbst 2018 startete die Kirchengemeinde unter dem Motto: „Herzenssache – die Leonberger Stadtkirche benötigt eine neue Orgel“ eine Spendenaktion.

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„Das Spendenbarometer hat bis heute die Summe von rund 275 000 Euro erreicht“, ist der Dekan Wolfgang Vögele erfreut. „Das zeigt eine große Identifikation der Leonbergerinnen und Leonberger mit ihrer Stadtkirche“, sagt die Pfarrerin Heidi Essig-Hinz. Erreich wurde das durch Pfeifenpatenschaften, Benefizkonzerte, die besonderen „Eins zu Eins“-Konzerte und zahlreiche Spenden.

Neue Orgel soll 2026 eingeweiht werden

„Es ist das erklärte Ziel, dass die neue Orgel im Jahr 2026 eingeweiht wird und zum ersten Mal in den ehrwürdigen Mauern der Stadtkirche erklingt“, sagt Kirchenmusikdirektor Attila Kalman. Mit dem Orgelsachverständigen Thomas Haller sei es trotz Kostensteigerungen gelungen, dass der Kostenrahmen von einer Million Euro nicht überschritten werde. Doch bevor nicht die Hälfte der Kosten auf dem Konto sind, erlauben es die Statuten der Württembergischen Landeskirche nicht, das Vorhaben konkret in Angriff zu nehmen.

Dann trudelte aber eine gute Nachricht ein: Das Leonberger Unternehmerehepaar Heidi und Hannes Burgdorf – unter anderem auch als Stifter des Hannes-Burgdorf-Preises für Kunst bekannt – hat eine beträchtliche Großspende in Aussicht gestellt, sodass das Kriterium erfüllt ist.

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„Damit kann noch in diesem Jahr mit der Ausschreibung der neuen Orgel begonnen werden“, sagt der Dekan. Die äußerst großzügige Zuwendung gebe dem Orgelprojekt einen enormen Schub. Bis in einem knappen Jahr werde feststehen, wie das neue Instrument konkret aussehen und welche Orgelbaufirma es bauen wird. „Es wird eine Universalorgel mit einer Mischung aus Barock und Deutscher Romantik sein, nachdem wir eine im Stil der Französischen Romantik in der katholischen Johanneskirche haben“, sagt Attila Kalman. Sie werde 40 Register und rund 3000 Pfeifen haben. Ausgestattet wird sie mit einer sogenannten Englischen Trompete. „Für diese ‚Tuba Leo-Montana’ haben wir bereits einen Spender“, sagt der Leonberger Kirchenmusikdirektor. Dafür hat dieser Teil des Instruments sogar einen eigenen Namen erhalten.

Kirchenschiff muss umgestaltet werden

Warum kommt die neue Orgel erst 2026? Ein Grund sind natürlich die fehlenden Finanzen, die aus Spenden aufgebracht werden müssen. Denn für den Bau einer Orgel gibt es keine Kirchensteuermittel. Dies ist immer ein Bürgerprojekt. Ein weiterer Grund liegt darin, dass vor einem Orgeleinbau die Stadtkirche renoviert werden muss. Die letzte groß angelegte Erneuerung fand von 1962 bis 1965 statt. Nach sechzig Jahren müssen Elektrik und Beleuchtung erneuert werden. Die Bänke brauchen eine Auffrischung und die wertvollen Kunstgegenstände, vor allem der barocke Hochaltar und die Kanzel, müssen restauriert werden.

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Außerdem wird die zweite Empore, auf der heute die Orgel steht, abgebaut, damit die neue Orgel einen akustisch optimalen Platz auf der ersten Empore findet. Für die Innenrenovierung werden 800 000 Euro benötigt. Dabei kann damit gerechnet werden, dass etwa die Hälfte dieser Kosten von der Landeskirche und vom Kirchenbezirk getragen werden. Auch ein Zuschuss des Denkmalschutzes wird erwartet.

Am Turm bröckeln Steine ab

Der große Schock für die Kirchengemeinde kam aber im Sommer 2021, als am Kirchturm unter dem Rundgang der Turmbläser gravierende Schäden festgestellt wurden. Der Turm wurde vom Steinmetzbetrieb Geisselhardt aus Leonberg begutachtet. „Dabei wurden rund 300 Kilogramm loses Steinmaterial abgenommen, was besorgniserregend viel ist“, sagt der Dekan. Auch eine Inschrift „Wilh. Mörk und Paul Ludmann 1905“ wurde dabei entdeckt. „Das ist mein Großvater gewesen und die Steine sind aus unserem ehemaligen Steinbruch am Bildstöckle“, sagt der Leonberger Architekt Hansjörg Ludmann.

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Die Kirche hat eine Bauberatung beantragt, mit dem Fazit, dass die Außensanierung des Turms dringlich ist, um weitere Schäden zu verhindern und die Verkehrssicherheit rund um die Kirche zu gewährleisten. Die geschätzten Kosten liegen bei 945 000 Euro. Dabei hofft die Kirchengemeinde, dass sich die Stadt Leonberg – wie bisher üblich – an den Kosten der Sanierung des Kirchturms beteiligt. Gehört die Stadtkirche doch zu den ältesten Bauwerken der Stadt und prägt mit ihrem charakteristischen Turm das Stadtbild. Natürlich sind auch Spenden der Bürgerschaft willkommen. Derzeit laufen die Planungen und die Ausführung soll von 2023 bis 2025 erfolgen.

Zahlt die Stadt die Hälfte?

Aber da greift auch noch eine alte sogenannte Kirchenvermögensausscheidungsurkunde aus dem Jahr 1891. Im Kriegs- und Feuerfall hatte der Kirchturm früher auch die Funktion als Ausguck, die Kirchenglocken wurden auch als Alarmglocken genutzt. Die Uhren am Turm dienten den Menschen zur Zeitmessung. So wurde seinerzeit von dem Oberamt Leonberg, dem Dekanatsamt und den umliegenden Gemeinden die besagte Urkunde unterzeichnet.

Die besagt auch, dass sich Leonberg in Zukunft zur Hälfte an den Unterhaltungskosten des Kirchturms, der Uhr und der Glocken zu beteiligen hat. Das württembergische Kirchengemeindegesetz aus der Zeit König Wilhelms II. dient seither als rechtliche Basis für kommunale Beteiligungen an Sanierungskosten der Kirchtürme, -uhren und -glocken in Höhe von 50 Prozent. So geschehen auch an der Kirche in Warmbronn.

Musikliebhaber können ein privates „Eins-zu-Eins-Benefiz-Orgelkonzert“ buchen. Kirchenmusikdirektor Attila Kalman oder Kantor Mathis Hilsenbeck spielen für bis zu vier Personen ein 15-minütiges privates Orgelkonzert. Termine, Werkauswahl und Buchung sind möglich im Internet unter www.bzk-leonberg.de.

Mit Musik zu mehr Spenden

Mit Benefizkonzerten unter dem Motto „Stunde der Kirchenmusik“ wird die Spendenaktion für die Orgel der Stadtkirche neu gestartet:

Ein Orgelkonzert zu vier Händen und vier Füßen gibt es am Samstag, 26. Februar, 19.30 Uhr, in der Stadtkirche. Kirchenmusikdirektor Attila Kalman und Kantor Mathis Hilsenbeck spielen klassische und moderne Orgelwerke sowie Jazz und Improvisationen. Das Spielen auf der Orgelempore wird unten im Altarraum auf Leinwand übertragen. Das Grußwort spricht Oberbürgermeister Martin Georg Cohn, und das Spenderehepaar Heidi und Hannes Burgdorf gibt die Höhe ihrer zugesagten Spendenbeträge bekannt. Der Dekan Wolfgang Vögele gestaltet die Liturgie.

Das Bläserensemble nACHTmusik aus Frieder Haakh, Christian Schittenhelm (Oboe), Bernhard Ernst, Peter Hemmer (Klarinette), Thomas Nonnenmann, Claudius Burg (Horn), Ulrike Tsalos, Paul-Gerhard Martin (Fagott), Axel Fricker (Kontrabass) gastiert an Samstag, 23. April, 19.30 Uhr, in der Stadtkirche. Gespielt werden Werke von Haydn, Krommer und Amadeus Mozart.

Ein Orgelkonzert mit dem Leipziger Gewandhausorganisten Michael Schönheit findet am Mittwoch, 12. Oktober, um 19.30 Uhr, in der katholischen Kirche St. Johannes der Täufer in Leonberg statt. Er gibt große Werke von Bach, Liszt, Schumann, Mendelssohn Bartholdy und Franck zu Gehör.

Ein Konzert der Orgelschüler im evangelischen Kirchenbezirk Leonberg mit Werken aus verschiedenen Musikepochen rundet am Sonntag, 23. Oktober, um 19.30 Uhr in der Stadtkirche die Veranstaltungsreihe ab.

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