Interview mit Wolfgang Faißt „Die Gesellschaft hat sich verändert“

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Die Entwicklung des Bosch-Campus gehört zu den größten Veränderungen während Wolfgang Faißts Amtszeiten. Foto: factum/Simon Granville

Renningen - Viel ist passiert in den vergangenen vier Jahren: Das Renninger Wohngebiet Schnallenäcker II wurde voll besiedelt, das nächste große Baugebiet steht in den Startlöchern. Bei der Hesse-Bahn sind alle Beteiligten zu einem Kompromiss gelangt, der Lückenschluss spaltet weiter die Gemüter. Der Renninger Bürgermeister Wolfgang Faißt kann noch einiges mehr aufzählen. 2016 ist er wiedergewählt worden und hat nun die erste Hälfte seiner dritten Amtszeit hinter sich. Inzwischen ist er seit genau 20 Jahren Bürgermeister der Rankbachstadt.

Herr Faißt, streng genommen ist es für Sie gar nicht Halbzeit. Mittlerweile sind Sie immerhin schon seit 20 Jahren Bürgermeister von Renningen. Haben Sie dieses Jubiläum schon gefeiert?

Ich halte mich da an das Sprichwort: Nicht die Jahre im Leben sind wichtig, sondern das Leben in den Jahren. Ich habe mein Zehnjähriges nicht gefeiert und habe das auch beim Zwanzigjährigen am 1. Dezember nicht vor. Das sind Jubiläen, die kann man feiern, muss man aber nicht.

Wie hat sich die Stadt in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Die Stadt hat sich stark verändert. Zum einen ändert sich die Gesellschaft, die Menschen werden kritischer, die Anforderungen und Ansprüche wachsen. Andererseits hat sie sich aber auch sehr zum Positiven entwickelt, wir konnten in den 20 Jahren viele Investitionen in die Zukunft machen.

Was sind die nach außen hin augenscheinlichsten Veränderungen?

Zunächst die Ortsmitte Malmsheim, die hat mich meine komplette erste Amtszeit über beschäftigt. In meiner zweiten Amtszeit kamen der Robert-Bosch-Campus hinzu, die S 60 und das Wohngebiet Schnallenäcker II. Auch meine dritte Amtszeit ist geprägt vom Thema Wohnbauentwicklung mit den Plänen für Schnallenäcker III. Der Ortseingang an der Magstadter Straße und die Hauptstraße werden und wurden ganz neu gestaltet, und die Überarbeitung des Areals Bahnhofstraße bahnt sich an, um nur ein paar Änderungen zu nennen.

Wie haben Sie sich als Mensch beziehungsweise als Bürgermeister in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Zunächst bin ich 20 Jahre älter geworden (lacht). Aber ich glaube nicht, dass ich mich seither als Bürgermeister sehr verändert habe. Ich bin ja nicht unerfahren hierhergekommen, sondern hatte schon viele Jahre als Hauptamtsleiter gearbeitet. In all den Jahren war immer meine Devise: „Bevor du neue Entscheidungen triffst, bedenke das Ende.“ Das habe ich so beibehalten.

Faißts Herausforderer Dennis Metzulat (links) holet bei der Bürgermeisterwahl 2016 aus dem Stand 46 Prozent der Wählerstimmen. Foto: factum/Weise

Ihre erste Wiederwahl 2008 war quasi ein Selbstläufer. 2016 gab es dann einen richtigen Wahlkrimi, Ihr Konkurrent Dennis Metzulat bekam auf Anhieb 46 Prozent der Stimmen. Wie haben Sie diesen Wahlabend verdaut?

Es ist ein Wahlsieg gewesen, das war wichtig. Dass nur wenige Prozentpunkte den Unterschied gemacht haben, das ist so in einer Demokratie. Selbst Konrad Adenauer wurde mit nur einer Stimme Unterschied zum Bundeskanzler gewählt. Natürlich hat mich das Ergebnis durchaus nachdenken lassen, vielleicht haben wir die neuen Medien wirklich etwas vernachlässigt. Es war aber auch klar, wie ich es vorhin gesagt habe, dass sich die Gesellschaft verändert und die Ansprüche immer größer werden.

Was hat sich seither geändert in puncto soziale Medien und Bürgerkontakt?

Öffentlichkeitsarbeit und Bürgerbeteiligung waren mir immer schon sehr wichtig, daran hat sich nichts geändert. Wir haben in den vergangenen Jahren die neuen Medien stärker einbezogen, zum Beispiel über unsere Homepage, die Renningen-App oder unser Angebot „Frag den Bürgermeister“. Im kommenden Jahr möchten wir auch auf Facebook und Instagram neue Wege gehen. Trotzdem müssen Kontakte weiterhin persönlich stattfinden und nicht nur online. Viele erschaffen sich da ein bisschen ihre eigene Realität, indem sie nur die Informationen wahrnehmen, die ohnehin zu ihren eigenen Vorstellungen passen. Wichtig ist aber, dass die Menschen sich breit informieren. Deshalb bin ich auch ein großer Befürworter der Zeitung.

Dennis Metzulat sitzt seit 2019 als Mitglied im Gemeinderat. Ist das ein komisches Gefühl?

Nein, wir haben ein ganz normales Verhältnis, das ist nicht besser oder schlechter als zu anderen Räten. Ich schätze auch seine Rückmeldungen. Er ist natürlich sehr stark in seinem Einsatz für die neuen Medien verhaftet.

Was waren in den vergangenen vier Jahren für Sie die vorherrschenden Themen?

Neben der Wohnbauentwicklung und Kinderbetreuung haben wir viel in Straßensanierungen investiert, die wichtig sind zum Erhalt unserer Infrastruktur. Im Bereich Breitbandausbau hat sich über die Jahre einiges getan, ganz aktuell mit dem geplanten Glasfaserausbau in Malmsheim. Wir werden die Friedrich-Silcher-Schule für 13 Millionen Euro erweitern, wir planen weitere Kitas, und die Riedwiesensporthalle ist auch gerade im Entstehen. Und es gibt noch so vieles mehr.

Auch bei der Hermann-Hesse-Bahn und dem Lückenschluss hat sich viel getan. Sind Sie soweit zufrieden, wie sich alles entwickelt hat?

Bei der Hesse-Bahn haben wir es geschafft, dass sie keinesfalls den Takt der S-Bahn stören darf. Unter dieser Prämisse haben wir die Hesse-Bahn immer befürwortet. Beim Lückenschluss bedauere ich immer noch, dass das Pferd von hinten aufgezäumt und die Autobahn zuerst ausgebaut wird. 2013 hat man von Seiten des Landesverkehrsministeriums gesagt: Die Trasse, die mit allen Beteiligten abgestimmt war, ist nicht machbar. Dann wurde viel Zeit verschenkt, nur um sich später für fast exakt dieselbe Trasse zu entscheiden. Damit kann ich nicht zufrieden sein. Während des Ausbaus der A 81 müssen wir viele Staus erwarten, fürchte ich.

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