Caro in Ludwigsburg Nestlé-Mitarbeiter fühlen sich hintergangen

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Viele Mitarbeiter waren stolz, in Ludwigsburg für Nestlé zu arbeiten, zuletzt produzierten sie in der Caro-Fabrik den Gerstenkaffee Orzoro. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Am Tag nach dem angekündigten Ende der Fabrik für Caro-Röstkaffee in Ludwigsburg ist der Schock immer noch groß. Das Ende einer Tradition, die 150 Jahre zum Bild der Stadt gehörte, und die Zukunft der 100 Mitarbeiter stehen im Mittelpunkt. Zu allem Überfluss gibt es in dem Werk Angestellte, die eigens nach Ludwigsburg gezogen sind, weil sie sich dort eine dauerhafte Perspektive erhofften. Etwa ein Mitarbeiter, der nach der Schließung der Nescafé-Produktion in Mainz im Dezember 2017 eine Stelle im Ludwigsburger Werk antrat.

Mit Sack und Pack nach Ludwigsburg

„Er ist mit Familie, Sack und Pack nach Ludwigsburg gekommen. Jetzt steht er ein zweites Mal vor einem Scherbenhaufen“, erzählen Kollegen vor dem Werkstor. Nestlé-Pressesprecher Alexander Antonoff aus Frankfurt beteuert dazu, zum Zeitpunkt der Schließung in Mainz sei diejenige in Ludwigsburg nicht absehbar gewesen. Im Hinblick auf die betroffenen Arbeitnehmer sagt er: „Das wäre ansonsten ja alles andere als redlich gewesen.“

„Nach dem ersten Schock fängt für die Beschäftigten jetzt die Realität an“, erklärt Hartmut Zacher, Regionalgeschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG). „Manche wollen die Endgültigkeit der Nachricht noch nicht wahrhaben“, berichtet der Gewerkschafter von einer Betriebsratsversammlung am Mittwochvormittag. So habe es verzweifelte Vorschläge zur Rettung des Standortes gegeben – etwa durch Verzicht auf Urlaubsgeld. „Zum Vergleich: Weil ihm die Umsatzrendite von 15 Prozent nicht reicht, hat Nestlé-Chef Mark Schneider erst kürzlich verkündet, dass er sie auf 18,5 Prozent steigern will“, merkt Zacher an.

Am Mittwoch ist wieder normal gearbeitet worden

Nachdem am Dienstagnachmittag und in der Nachtschicht die Produktion stillgestanden hatte, wurde am Mittwoch wieder gearbeitet. Wie es weitergeht, darüber herrscht Unklarheit. „Jetzt ist der Arbeitgeber am Zug. Bevor Kündigungen ausgesprochen werden können, muss erst einmal ein Sozialplan her“, so Zacher. Es sei rätselhaft, wie der zeitliche Ablauf aussehen solle. „Geschlossen werden soll das Werk Ende des Jahres, aber viele Mitarbeiter haben sieben Monate Kündigungsfrist“, sagt er.

Um die Zukunft der Mitarbeiter drehen sich auch die Sorgen des Ludwigsburger Oberbürgermeisters Werner Spec. „Uns ist es ein zentrales Anliegen, mit der Agentur für Arbeit nach Lösungen zu suchen“, sagt er. Dessen ungeachtet denkt er bereits darüber nach, welche städtebaulichen Entwicklungsmöglichkeiten es gibt. Die Stadt verhandelt mit dem Nestlé-Konzern über das 21 000 Quadratmeter große Areal, das zum Teil leersteht. Spec kann sich vorstellen, dass ein Privatunternehmer das Areal kauft – und eine Art Existenzgründerforum oder eine Plattform für kleine Dienstleistungsunternehmen oder Softwarefirmen entstehen könnte. So ähnlich, wie das der Unternehmer Max Maier im Werkzentrum Weststadt gemacht hat. „Dabei ist uns wichtig, dass die denkmalgeschützten Gebäude erhalten bleiben“, sagt Spec.

Im Visier der Stadtplaner

Und noch eine zweite Chance eröffne sich. Schon seit Längerem will die Stadt eine zweite Fußgänger-Unterführung beim Bahnhof schaffen. „Wenn zwei Züge gleichzeitig halten, herrscht drangvolle Enge“, sagt der OB. Die Pläne hatten jedoch bislang immer einen Pferdefuß: Die Unterführung hätte mitten auf dem Nestlé-Gelände sozusagen als Sackgasse geendet. Nun könne ein durchgehender Tunnel in Richtung MHP-Arena und Weststadt gebaut werden. „Wir werden in den Gesprächen mit einem künftigen Eigentümer darauf hinwirken, dass dies so eingeplant wird“, sagt Spec, der froh ist, mit dem Lebensmittelkonzern darüber verhandeln zu können.

Das Gelände direkt am Bahnhof war schon häufiger im Visier der Stadtplaner. So hatte man im Rathaus etwa die Idee, das Staatsarchiv in ehemaligen Kaffeefabrikgebäuden unterzubringen, um den Standort in der Innenstadt anderweitig zu nutzen. Für die Mitarbeiter von Nestlé, die über die Grundstückspekulationen äußerst vergrätzt sind, ist dies zweitrangig – es geht jetzt darum, wovon sie künftig leben sollen.

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