Tradition der Amtsketten Ans Amt gekettet

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Mit Leonberger Hund: Die Amtskette des Leonberger Oberbürgermeisters. Foto: factum/Archiv

Leonberg - Ein Mann im Anzug und goldener Kette um den Hals – das muss ein Bürgermeister sein. Schließlich handelt es sich um ein Amt mit Würde. Wenn am kommenden Sonntag in Rutesheim und Friolzheim, in Böblingen und fünf anderen Kommunen in der Region Stuttgart die Bürgermeister gewählt werden, dann wechseln auch wieder zahlreiche Amtsketten ihre Träger.

Wobei, nicht jede Gemeinde hat ein so ehrwürdiges Glanzstück für den Hals ihres Oberhaupts. Leonberg hat eine, klar, Weil der Stadt auch – und Friolzheim. Das war’s aber schon, jedenfalls, was den Leonberger Altkreis betrifft. Wer immer also am ­kommenden Sonntag in Rutesheim den Sieg davontragen wird, er wird ohne gol­denen Lorbeerkranz auskommen müssen. „Nein“, bestätigt der Rutesheimer Bei­geordnete Martin Killinger. „Eine Anschaffung stand hier, soweit ich weiß, noch nie zur Debatte.“

Der bayerische König hat die Tradition begründet

Ob sich dies ändert, falls Jürgen Beck obsiegen sollte? Er stammt aus Bayern, und die Amtskette ist ursprünglich eine bayerische Tradition. 1818 erließ der damalige König die Verordnung über „die Verfassung der Gemeinden im Königreich Baiern“. Als Zeichen der neugewonnenen Selbstständigkeit durften die Bürgermeister der freien Städte nunmehr „in ihrem Amte und bey allen öffentlichen Gelegenheiten“ eine goldene Kette mit goldener, geprägter Medaille ­tragen. Die Stadt München war die erste, die das sofort umsetzte, der dortige Franz Paul von Mittermayr gilt daher als erster Bürgermeister Deutschlands, der an der Kette hing.

Damit feiert die Amtskette in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag. Bis sie ihren Siegeszug ins schwäbische Heckengäu antritt, dauert es dennoch einige Jahrzehnte. Denn die Leonberger und Weil der Städter Ketten sind gerade mal ein wenig mehr als 50 Jahre alt, wobei das Weiler gute Stück das Rennen um die älteste Kette knapp ­gewonnen hat.

Am 6. August 1962 trifft sich der Weiler Gemeinderat zu einer Sitzung, und einer der Stadträte berichtet Schreckliches: Bei einer Feier bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München hätten ­alle anwesende Bürgermeister eine Amtskette getragen – nur eben der Weiler ­Bürgermeister nicht. Das will man sofort ändern. Der Gemeinderat beschließt an jenem August-Montag, einen Kostenrahmen bis 6000 Deutsche Mark bereitzustellen, um eine würdige Amtskette anzuschaffen. Bei dem Berliner Münzen-Hersteller und Professor Hans Eduard Hanisch-Consée bestellen die Stadträte das gute Stück.

Denn Gelegenheiten gibt es genügend. „Der damalige Bürgermeister Willi Oberdorfer trug die Amtskette wohl zum ersten Mal anlässlich der Partnerschaftsfeier Weil der Stadt-Riquewihr am 8. September 1963, als er den Riquewihrer Bürgermeister ­Julien Dopff traf“, sagt der Weiler Stadtarchivar Lothar Sigloch. Weitere Zeugnisse der Kette in seinem Archiv sind der 400. Geburtstag von Johannes Kepler, als Friedrich Knobloch sich die Kette umhing.

Renningen bleibt kettenlos

Ins benachbarte Renningen schwappte die Tradition nicht über. „Eine Amtskette ändert nichts am Wirkungskreis und der Position des Bürgermeisters“, lässt der ­dortige Amtsinhaber Wolfgang Faißt aus­richten, eine Anschaffung sei nicht geplant. Da hat er recht. Nicht einmal Regelungen zum Gebrauch sind im Din-genormten Deutschland zu finden. „Bestimmungen über die Gestaltung und die Führung der Amtsketten gibt es nicht“, heißt es in einem Kommentar zum baden-württembergischen Gemeindeverfassungsrecht.

Einen Monat nach der Riquewihrer Partnerschaftsfeier wird Leonberg zur Großen Kreisstadt ernannt. Zudem feiert 1963 die Firma Gretsch und Co. (heute Geze) ihr 100-jähriges Jubiläum. Für den Chef Reinhold Vöster eine Ehre, aus diesen beiden Anlässen Leonberg eine Amtskette zu stiften, „der Bürgerschaft von Leonberg zum Geschenk gegeben“, ist noch heute auf der Kette eingraviert. Genauso reich wie die Stadt sind auch die Motive auf der ­Kette: Zunftzeichen sind darauf, das erste Stadtsiegel, der hier geborene Philosoph Schelling, der Leonberger Hund. Am Material (18-karätiges Gold und der Edelstein Jaspis) hat Vöster ebenfalls nicht gespart.

„Die Kette ist sehr bedeutsam“, sagte der Leonberger OB Martin Kaufmann jüngst, als ihn Kindergartenkinder besuchten und auch die Amtskette zu sehen bekamen. Deshalb trage er sie nur selten, etwa bei seiner Amtseinführung oder bei der Altjahrabendfeier. Das geht seinem Amtskollegen in Friolzheim genauso. Hier findet sich die jüngste Kette in der Region, erst 2005 stiftete sie der Spediteur Benzinger zum 900. Geburtstag der Gemeinde. „Damit muss man zwangsläufig aufrechter marschieren“, berichtet Bürgermeister Michael Seiß. Die Kette sei ein wenig zu lang, deshalb müsse er aufpassen, dass sie nicht auf die Gürtelschnalle runterrutscht. „Natürlich spürt man sie auch vom Gewicht her“, sagt Seiß. „Aber Rückenschmerzen bekomme ich keine davon.“

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