Roter Turm Weil der Stadt Für böse Zungen gab’s die Schandmasken

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Die Nachtwächter Gerd Diebold (links) und Manfred Nittel testen die Schandmasken, die zum Beispiel Säufer als Strafe tragen mussten. Foto: factum/Bach

Weil der Stadt - Sie sind eine Institution in Weil der Stadt: die beiden Nachtwächter Gerd Diebold und Manfred Nittel. Bekleidet mit Umhang und Hose in Schwarz sowie rotem Wams – den Farben der Stadt – und ausgestattet mit Laterne, Hellebarde und Horn ziehen sie regelmäßig abends mit Besuchern durch die Gassen der Stadt. Dabei öffnen sie eine Schatztruhe mit historischem Wissen, die so manchen Gast erstaunen lässt. Und mit Anekdoten bringen sie die Leute auch noch zum Schmunzeln.

Doch die bei Gästen und Einheimischen beliebten Führungen sind nicht das Einzige, was die beiden umtriebigen Ruheständler beschäftigt. Gerd Diebold, der viele Jahre Wassermeister in der Stadt war, „hegt und pflegt auch die Brunnen, Wetterfahnen und Wirtshausschilder im Ort“, so der 79-Jährige über seine vielfältigen Aufgaben. Und zusammen mit seinem Nachtwächter-Kollegen Manfred Nittel hat er in jahrelanger Arbeit den Roten Turm an der Stadtmauer zu einem kleinen Museum ausgestattet. Dieses zeigt Gerätschaften jener Zeit sowohl für den Strafvollzug als auch für die äußere Verteidigung. „Viel Zeit, Schweiß und rund 3000 Euro an selbst verdientem Geld“, so der 69-jährige Nittel, haben sie in die Nachbildungen gesteckt, die nun in dem 1421 gebauten Turm zu sehen sind.

Das Skelett ist ein Berliner

Der markante Schalenturm mit Kegeldach steht an der Nordostecke der Vorstadtmauer. Diese Mauer entstand von 1408 bis 1409, erklärt Gerd Diebold. Der Rote Turm heißt im Volksmund auch Diebs­turm, weil im dortigen Verlies mutmaßliche Verbrecher bis zu ihrer Aburteilung eingekerkert wurden. Heute sehen Besucher ein Gerippe dort unten liegen, das sie erschaudern lässt. Dieses ist allerdings neueren Datums und stammt aus einem Berliner Krankenhaus, wo die Nachbildung als Anschauungsmaterial diente. „Rose Schnaufer, deren Tochter in dieser Klinik arbeitet, hat es uns 2002 geschenkt“, sagt Gerd Diebold.

Was die Besucher nun bei den Führungen im Roten Turm zu sehen bekommen, erinnert daran, wie hierzulande früher mit Menschen umgegangen wurde. Da gibt es ein Richtbeil, große Richtschwerter, einen Richtblock – „der stammt vom Großvater und war früher für Hühner gedacht“, erklärt Manfred Nittel augenzwinkernd. Weiter gibt es Räder, einen Pfahl, eine Säge und eine Zuchtbank. Schandmasken aus Eisen mussten diejenigen tragen, die schändlich gehandelt haben. Einige Schilder an der Wand nennen Beispiele dafür: „Säuffer und Raufbold“, „Diser hat des Pfaffen Magd geschwengert“, „Straf einer Hadermetze“, „Spieler und Flucher“ und schließlich „Straf der bösen Zungen“.

Sollte all dies der Aufrechterhaltung der inneren Ordnung dienen, so wurden Leiter, Armbrust und Morgenstern zur Verteidigung gegen Angriffe von außen genutzt. Aber auch mit alltäglichen Gegenständen wussten sich die Bürger im Notfall zu helfen, mit einem Flachsrechen etwa oder einer Spitzlanze, mit der sonst das Heu kontrolliert wurde.

Anregungen aus dem Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber

„Als wir den Turm im Jahr 2002 bekamen, hatte er einen Lehmboden und war voller Dreck und Spinnenweben“, erinnern sich die Nachwächter. Da hieß es erst einmal aufräumen. Von 2005 bis jetzt haben sie an den Ausstellungsstücken gearbeitet. Bei der Ausstattung des kleinen Museums legten Gerd Diebold und Manfred Nittel viel Wert auf historische Genauigkeit. Anregungen holten sie sich im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber. Vom Leiter des Strafvollzugsmuseums in Ludwigsburg ließen sie sich bestätigen, dass alles seine Richtigkeit hat, was sie im Turm zeigen. Gerd Diebold hat außen an dem alten Gemäuer noch eine Laterne angebracht, die so richtig nach Mittelalter aussieht. „Das ist eine Nachbildung aus dem Musical ‚Der Glöckner von Notre Dame‘, die ich selbst gemacht habe“, sagt er schmunzelnd.

Gerd Diebold und Manfred Nittel bringen nicht nur Besuchern die Geschichte Weil der Stadts näher, sie sind auch international unterwegs: Sie gehören der europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft an, in der „Berufskollegen“ aus neun Nationen vertreten sind, die sich immer wieder treffen. Eine Besonderheit gilt aber nur für die beiden Weil der Städter: Als Mitglieder der Narrenzunft dürfen sie als einzige Nachtwächter in Europa an der Fasnet im Gewand mitlaufen, worauf sie besonders stolz sind.

Führungen

Die Ausstellung im Roten Turm ist im Rahmen des Nachtwächter-Rundgangs zu sehen. Immer im Sommerhalbjahr führen Gerd Diebold und Manfred Nittel durch das Städtle. Den nächsten Rundgang gibt es am 3. Mai 2019 um 21 Uhr.

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