Notariatsreform im Kreis Böblingen Aus vier mach eins

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Freie Notare: André Luithlen, Frank Fessler und Holger Weidenmann. Foto: factum/Bach

Leonberg - Die Farbe duftet noch frisch, die Möbel sind gerade erst ausgepackt. Das Büro ist fertig, es kann am 1. Januar also losgehen. Neu ist nicht nur diese Sozietät, sondern auch das, was die drei Herren hier treiben. Denn vom nächsten Jahr an sind sie freie Notare.

Damit ist die größte Reform des baden-württembergischen Justizwesens vollendet. André Luithlen und Holger Weidenmann spüren das am eigenen Leib. Bisher waren sie „Bezirksnotare“ und als solche Beamte im baden-württembergischen Landesdienst. Luithlen hatte das Amtsnotariat in Weissach geleitet, Weidenmann das in Leonberg.

Bisher, denn den verbeamteten Notar wird es vom 1. Januar nicht mehr geben. „Wir mussten uns entscheiden“, erklärt André Luithlen. Wollten sie Notare bleiben, mussten sie den Staatsdienst kündigen und sich um eine Lizenz als freier Notar bewerben. Drei solcher Stellen hat das Justizministerium für die Region um Leonberg ausgeschrieben. Dritter im Bunde wird dann Frank Fessler sein, der erst zum 1. Januar zum Notar ernannt wird.

Drei Wappen-Löwen auf einem Messingschild, darunter die Aufschrift „Notariat“ – das waren bisher die Hinweise auf die Amtsnotariate, die es in Weil der Stadt, Renningen, Weissach und Leonberg gegeben hatte. Die Kommunen mussten Räume zur Verfügung stellen, die Landesregierung schickte ihre Beamten, die dort ihren Dienst taten. Das war bisher so, übrigens nur noch in Baden-Württemberg.

Zum Jahresbeginn zieht das Land mit allen anderen gleich

Zum 1. Januar wird das Land mit allen anderen Bundesländern gleichziehen. Notare sind dann freiberuflich, genauso wie Rechtsanwälte oder Ärzte. In der Region wird es dann nur noch das Büro in Leonberg geben, das die drei Herren Weidenmann, Luithlen und Fessler derzeit beziehen. Drei verschiedenfarbige Buchstaben WLF auf einer großen Tafel weisen dann den Weg zur Kanzlei im Leonberger Gewerbegebiet, zwischen dem Bahnhof und der Römerstraße gelegen.

„Uns war es wichtig, dass wir verkehrsgünstig liegen“, erklärt Holger Weidenmann. „Hier haben wir zehn Parkplätze, und wir sind auch von Renningen und Weil der Stadt aus gut zu erreichen.“ Seit etwa anderthalb Jahren wissen sie, dass sie sich 2018 als Notar in Leonberg niederlassen würden. „Wir sind dann aufeinander zugegangen“, berichtet André Luithlen. Schnell war klar, dass sie zusammen ein Büro gründen wollen – theoretisch wären auch drei einzelne Kanzleien möglich gewesen. Seit September haben sie die Schlüssel ihres Büros in der Steinbeisstraße. Auch die 18 Mitarbeiter, die die Notare künftig unterstützen, sind bereits eingestellt.

„Das ist etwa doppelt so viel Personal“, sagt Weidenmann. „Der Service für die Kunden – etwa die telefonische Erreichbarkeit – wird sich also deutlich verbessern.“ Das Aufgabenspektrum dagegen wird sich verkleinern. Für Nachlass- und Betreuungsverfahren ist künftig das Amtsgericht Leonberg zuständig. Und um die Grundbücher, die die Amtsnotare bisher verwaltet haben, kümmert sich das Waiblinger Amtsgericht.

„Wir können uns also um unser Kerngeschäft – die Beurkundungen – kümmern“, sagt André Luithlen. Wer ein Grundstück kauft, wer ein Testament oder Ehevertrag verfasst oder eine Gesellschaft gründet, der ist in den neuen Leonberger Fluren also richtig. „Wir sind dabei die Rechtsberater“, erklärt Luithlen. Was wollen die Kunden, was ist für sie das richtige? „Wir achten auf einen fairen Deal“, ergänzt der Notar. „Das ist auch eine friedensschaffende Rolle.“

Die Gebühren bleiben gleich

Gerade der freischaffende Notar ist nicht mehr der, der nur vorliest und danach eine dicke Rechnung schreibt – die drei Herren wissen um dieses Klischee. André Luithlen nennt ein Beispiel. „In Baden-Württemberg ist das notarielle Testament sehr verbreitet“, sagt er.

„Deshalb gibt es relativ wenig Erbstreitigkeiten – das ist ein echter Mehrwert.“ Man kaufe sich also keine Vorlesezeit, sondern Rechtssicherheit, ergänzt sein Kollege Frank Fessler. Die Gebühren bleiben übrigens gleich – nur dass sie jetzt nicht mehr in die Staatskasse, sondern in die freien Kanzleien fließen.

Drei Einheimische werden sich in Leonberg und Umgebung zukünftig um die Vertragsgeschäfte kümmern. Holger Weidenmann kommt aus Gerlingen und ist schon seit 2009 in Leonberg tätig. Der Rutesheimer André Luithlen war seit 2010 in Weissach. Und der jüngste im Bunde, der Gerlinger Frank Fessler, war zwischen 2012 und 2014 in Weil der Stadt als Notarvertreter tätig, kam dann nach Leonberg und wird jetzt selbst Notar.

Die vier früheren Notariate in Leonberg, Weil der Stadt, Renningen und Weissach schließen zum 1. Januar. „Wir fahren auch zu Kunden raus, wenn jemand nicht mobil ist“, kündigt Fessler an. „Service und Kundenorientierung ist uns sehr wichtig.“

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