Leonberg Wenn Stadtgeschichte neu geschrieben wird

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Auf dem Gelände des Krankenhauses (rechts oben) sollte die Garnison entstehen. Gebaut wurden nur einige Kasernen (links). Foto: Stadtarchiv

Leonberg - Dass es für viele Menschen schmerzhaft ist, sich von einem Stück Heimatgeschichte zu verabschieden, diese Erfahrung hat der Historiker Axel Kuhn schon im vergangenen Jahr gemacht. Bei einer Veranstaltung zum Jubiläum „75 Jahre Vereinigung von Leonberg und Eltingen“ hatte er seine Erkenntnisse das erste Mal vorgestellt. Und nicht jedem hatte geschmeckt, dass sich nicht das „braune“ Leonberg das „rote“ Eltingen einverleibt hatte, sondern dass dies vielmehr aus militärischen Gesichtspunkten geschehen war. Seitdem hat der emeritierte Professor für Geschichte weiter in den Archiven nach Hinweisen gesucht und jetzt in einem weiteren Vortrag davon berichtet. Ursprünglich hatte die KZ-Gedenkstätteninitiative in die kleine Bibliothek im vierten Stock des Samariterstifts eingeladen. Doch schnell wird klar, dass die wenigen Plätze dort nicht für die 50 Besucher ausreichen.

Kuhn legt den Schwerpunkt des Vortrags auf die Zeit von 1933 bis 1938. Das gesamte Manuskript wird derzeit in Zusammenarbeit mit Bernadette Gramm vom Leonberger Stadtarchiv bebildert und soll Anfang nächsten Jahres veröffentlicht werden. „Im Moment fehlt uns leider noch eine Karte, die Eltingen und Leonberg im Jahr 1938 zeigt“, erklärt Kuhn das schwierige Unterfangen. „Wir müssen wohl auf ein Luftbild ausweichen und dort die damaligen Grenzen einzeichnen“, sagt Kuhn, was den Historiker nicht zufriedenstellt.

Einteilung der Eingemeindung in zwei Phasen

Kuhn teilt die Geschichte der Eingemeindung in zwei Phasen ein: eine demokratische bis 1933, in der noch die Meinung von Räten und Bürgern gefragt war, und in eine diktatorische Phase, in der die Eingemeindung schließlich zum 1. Oktober 1938 zwangsweise vom Militär verfügt wurde. Sein Fazit: „Wenn sich die demokratischen Kräfte damals in der ersten Phase durchgesetzt hätten, wäre es nicht zur Eingliederung gekommen, sondern Eltingen wäre erst 1975 zusammen mit Gebersheim, Höfingen und Warmbronn nach Leonberg eingemeindet worden.“ Er will vor allem den Perspektivenwechsel deutlich machen, der schließlich zur Zwangseingemeindung durch die Nazis führte und kann diesen anhand von Quellen belegen: „Die Entscheidung zur Eingliederung ist damals im Innenministerium in Stuttgart und im Reichsinnenministerium in Berlin gefallen. Die örtlichen Bürgermeister und Bürger spielten dabei keine Rolle mehr.“ Kuhn möchte damit einen Beitrag leisten, um die Debatte zu versachlichen.

Seine Quellen belegen, dass es rein militärische Gründe waren, die letztlich zur Eingemeindung führten, weil in Leonberg eine Kaserne und eine Flakstellung stationiert werden sollten, um die von Westen aus Frankreich in Richtung Stuttgart einfliegenden Kampfmaschinen abzufangen. Zur Garnisonsstadt Leonberg kam es allerdings nicht mehr, weil nach der Niederlage Frankreichs 1940 von Westen her keine Gefahr mehr drohte. Die Flakstellung wurde nie errichtet. Ein Teil der Kasernen wurde zwar gebaut, aber nie für den ursprünglichen Zweck genutzt. In ihnen waren von 1944 an KZ-Häftlinge und Ingenieure der Messerschmitt-Flugzeugproduktion im Engelbergtunnel untergebracht.

Doch zurück ins Jahr 1933: Am 31. März erfolgte die Zerschlagung der kommunalen Selbstverwaltung durch die Nazis. Die Gemeinderäte wurden aufgelöst und nach dem Verbot von SPD und KPD, die gerade in Eltingen für eine Eingemeindung waren, neu zusammengesetzt. „Die entscheidenden Befürworter wurden so mundtot gemacht“, berichtet Kuhn. „Die häufig vorgebrachte Behauptung, eine Mehrheit der Räte sei gegen die Eingemeindung gewesen, stimmt also nicht. Man muss das vor dem Hintergrund sehen, dass die Befürworter ja aus den Räten entfernt worden waren.“ Die Macht fiel damals den Bürgermeistern und Ortsvorstehern zu, die allerdings nicht mehr gewählt, sondern von der NSDAP eingesetzt wurden. Doch auch unter der neuen Führung konnte keine Einigung erzielt werden.

Entscheidung fällt auf höherer Ebene

1936 setzten Kuhn zufolge die Kriegsvorbereitungen ein, das Thema wurde vertagt. Erst 1938 kam wieder Dynamik hinein. Klar sei damals auch gewesen, dass die Entscheidung auf höherer Ebene fallen werde. Denn in Leonberg sollte mit dem Bau einer Kaserne begonnen werden. Die nötigen Grundstücke befanden sich zu zwei Dritteln auf Eltinger Gemarkung. Schnell seien den Grundstücksbesitzern Pachtverträge unterbreitet worden. Am 15. März 1938 gab das Oberkommando der Wehrmacht in Berlin ganz kurzfristig grünes Licht für die Eingliederung. „Das ist eindeutig ein militärischer Begriff“, erklärt Kuhn, „von demokratischer Eingemeindung, wie sie die Gemeindeordnung vorsieht, war längst keine Rede mehr.“

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