Leonberg Die wundersame Wandlung von Guzzi-Carlo

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Carlo Riva Foto: factum

Leonberg - Schon von weitem hallt den Gästen Hardrock-Musik entgegen. Richtig harte Rocker findet man beim Bikertreff am Glemseck aber nicht. Viele sind mit Frau, Freundin oder der ganzen Familie unterwegs. Nur so manche Motorradkluft erinnert entfernt an das schlechte Image des Rockers. Auch Carlo Riva trägt eine schwarze Lederjacke, schwarze Jeans und schwarzes T-Shirt. Doch mit „Guzzi-Carlo“, wie er in den 70er und 80er-Jahren genannt wurde, hat er nichts mehr zu tun.

Vom Saulus zum Paulus vollzog er eine fast wundersame Wandlung. Heute steht er als Prediger am Glemseck. Es ist eine Premiere. Aber die Idee wird gut aufgenommen: Rund 200 Besucher haben auf Bierbänken Platz genommen, um mit Riva und den Christlichen Motorradfahrern zum Auftakt des jährlichen ADAC-Bikertreffens einen Gottesdienst zu feiern.

Kindheit ist nicht einfach

1956 in den Dolomiten geboren, kommt Carlo Riva 1963 mit seinen Eltern von Italien nach Deutschland. Er hat keine einfache Kindheit, wird oft gehänselt, weil er nicht so gut Deutsch kann. Das Eis aus der Eisdiele seiner Eltern in hessischen Lampertheim mögen die Deutschen, aber er bleibt für sie der „Spaghettifresser“.

Jahre danach ist das schwere Guzzi-Motorrad sein ganzer Stolz. Er wird Mitglied eines Bikerclubs mit zwar wild aussehenden, aber harmlosen Kumpels. Später gründet er selbst das Chapter Frankenthal der Ghost-Riders MC, die später in Outlaws umbenannt werden. Bekannt wird der Club in der Szene durch seine großen und gut organisierten Rallyes, also Motorradtreffen. „Die Rallyes machten Spaß“, erzählt Riva. „Anfangs war absolute Partytime.“

Aber einige der Mitglieder waren kriminell. Die wichtigste Frage war, wie man seinen Lebensunterhalt möglichst ohne Arbeit bestreiten konnte. Da blieben nur Diebstahl, Hehlerei oder auch Zuhälterei.

„Bei den Bandenkriegen war ich dabei“

Immer bedeutender wurde auch die Frage, wie der Club seine Macht ausdehnen kann und wie man sich selbst am wirkungsvollsten gegen andere wehren kann. „Irgendwann hatte ich immer einen geladenen Colt bei mir im Schulterhalfter. Die Zeit der Bandenkriege kam, und ich war dabei“, bekennt Riva. Nachdem er gegenüber einem anderen Motorradfahrer selbst handgreiflich wird, muss er sich wegen versuchten Totschlags verantworten. Er kommt noch weitgehend mit einem blauen Auge davon und erhält eine Bewährungsstrafe wegen schwerer Körperverletzung.

Das bringt die Wende: Carlo Riva überdenkt sein Leben und gibt ihm eine neue Ausrichtung. Der Rocker steigt schließlich aus dem Club aus. Schon früher war er als Messner aktiv. Nun hat er seinen Glauben wiedergefunden. Riva arbeitet im Hauptberuf bei der US-Army. Nebenbei ist er im Ausländerbeirat der Stadt Worms aktiv, setzt sich in sozialen Brennpunkten für die Integration von Migranten ein und sitzt für die SPD im Wormser Stadtparlament.

Und er ist als Prediger bei Biker- und Jugendtreffen in ganz Deutschland unterwegs, um seine Geschichte zu erzählen. Wie jetzt auch in Leonberg. Seine Gemeinde hört andächtig zu.

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