Lange Kunstnacht Leonberg Ausbruch aus dem Diktat der Geschwindigkeit

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Besuch aus dem Weltall: Steffanias Stelzenfiguren bringen den Leonberger Menschen und Hunden intergalaktische Grüße in die Altstadt. Foto: factum/Granville

Leonberg - Blütenstaub liegt in der Luft statt Feinstaub wie sonst, Fliederduft statt Autoabgasen, und Leonberg ist im Kunstrausch. Der Bus in die Altstadt spuckt die Fahrgäste genau vor der Kreissparkasse aus . Im Foyer ist dort das Höfinger Kunstportal zu Gast. Der Liedermacher Thomas Felger, übrigens Absolvent des JKG, spielt hier samt Gitarre und Mundharmonika wie Bob Dylan persönlich.

Ellen Deiwick-Lindloff verblüfft mit sehr poetischen Bildern aus gepressten Weidenblättern, die einen „Vogelzug“ zeigen. Ulrike Wimmer hat gerade ihre „blaue Phase“, und auch ihr Ehemann blickt fasziniert auf ein Bild ohne Titel aus Kunstharz mit Acryl mit großzügigen Schlieren.

Barbara Junker malt einen Seerosenteich, aber nicht den von Claude Monet in Givenchy, sondern ihren eigenen auf der schwäbischen Alb in Ölfarbe. Uwe Freund ist „schwungvoll“ unterwegs: Fotodruck – ein Mohnblumen-Feld – auf Leinwand, ein anderes Motiv auf Holz. Helene Koll­hammer wirft Gesichter in kühnen, ganz wenigen Strichen in Acryl auf die Leinwand – eines könnte Audrey Hepburn sein

In der Nähe hat Schreiner Kai Bartholomaeus seine Werkstatt geöffnet. Wo sonst hochwertiges Mobiliar entsteht, sieht man Fotokunst von Julien Fincker. Marcel Wache ist mit seinem Modelabel „Holywhat“ zu bestaunen. Wer einen Schuss Gesellschaftskritik in der zeitgenössischen Kunst sucht: Bei Poll-Immobilien wird er fündig!

Symbol für gefallene Soldaten

Die „Poppy-Serie“ von Manfred Alex-Lambrinos stellt die Mohnblüte („poppy“) der Schlachtfelder des 1. Weltkriegs in Flandern ins Zentrum. Ursprünglich Symbol für gefallene Soldaten, benutzt er sie in Acryl auf Leinwand als Signatur für die ­Terroranschläge auf dieser Welt. Irgendwo erscheint ein heller „Lichtblick“, von roten Blutstropfen umgeben: Ein kleiner Hoffnungsschimmer im Strudel der Gewalt.

„Man kann hier die Künstler fragen, sich etwas erklären lassen. Das findet man im Museum nicht“, freut sich ein Besucher.

Bei Hans Mendler warten fossile Wesen aus ferner Urzeit: Beutelsterne aus der ­Familie der Stachelhäuter, die seine Frau Marta, inspiriert durch den Naturforscher Ernst Haeckel, in mühevoller Arbeit von sieben Jahren (900 Stunden) aus Wolle „genadelt“ hat. Vor dem Atelier, wie fast überall, plaudern die Besucher bei einem Glas Wein. Sie sind ständig in Bewegung, erleben immer neue Perspektivenwechsel: Sie nehmen wahr und stellen sich zugleich selber aus. Sie entziehen sich dem zeitgeistigen Diktat der Geschwindigkeit. Bei südlichen Temperaturen erleben sie eine neue Lebensqualität.

Die Leonberger Hunde beobachten auf dem Marktplatz lammfromm die grazilen Stelzengängerinnen in planetarisch funkelnden Gewändern, die bei einbrechender Dunkelheit unterwegs sind. Von der endlos weit entfernten Lumi-Wata-Galaxie kommen sie und sind dem Dach des alten Rathauses gelandet. Sie haben Leonberger sowohl als Hunde wie auch als Menschen vorgefunden, wundern sie sich. Fragil und mit wenig Bodenhaftung erzählen sie vom Universum, und die Besucher haben ihren Spaß an den charmanten Plaudereien. Sogar ein Planetentanz wird sehr kreativ und ohne Absturz vorgeführt.

Schon von Weitem hört man die Schülerband der Musikschule Hortus Musicus aus Weissach: Pink-Floyd. Hier trifft der Besucher die Mal-Gruppe K-maeLeon.

Auch das kulinarische Angebote ist vielfältig

Wer vom vielen Schauen und Staunen hungrig geworden ist, findet vielfältige kulinarische Angebote. Seien es die Suppen am Marktplatz oder Dimis wunderbare Souvlaki am Kunstkiosk des Malers Peter Feichter. In lockeren Gruppen stehen Menschen, man spürt die Leichtigkeit des Seins bei einem Gin Wild Berry oder Retsina und die ausgelassene Lebensfreude.

Das Künstlerhaus liegt etwas abseits, dennoch finden die Besucher in großer Zahl den Weg dahin. Brigitte Guggenbiller präsentiert „Blattformen“ in leuchtendem Rot, Gelb, Grün und „Objects trouvés“. ­Karin Albrecht zeigt abstrahierte Landschaften mit kantigen Felsen .

Chris Heinemann, mit seinen Ar­beiten viel zu versteckt, hätte mehr Aufmerksamkeit verdient. Er vergleicht einen alten Merian-Stich von Leonberg mit der heutigen Sicht und bedauert die „Tragödie eines Stadtbildes“: Die einstige Silhouette – für zehn Jahre einmal wieder sichtbar gewesen – ist wieder zugebaut.

Ganz oben im Künstlerhaus verliert man zusehends Übersicht: Unendlich viel Disparates steht und hängt in den Räumen. Ganz oben nach engen, steilen Treppen steht an der Wand: „Die Wissenschaft ist der Verstand der Welt, die Kunst ihre Seele.“

Noch höher hinaus geht es in der Stadtkirche – bis in den Dachstuhl. Um diesen außergewöhnlichen Blick zu genießen, stellt man sich gerne in eine Warteschlange. Der Exkurs in himmlische Höhen ist denn auch der Geheimtipp von Alexa Heyder. Zum ersten Mal hat die neue Kulturamtsleiterin eine Kunstnacht organisiert. Mit dem glückselig machenden Ergebnis kann sie mehr als zufrieden sein.

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