Kolumne Kreis Böblingen Eine Win-Win-Situation mit Verlierer

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Ein schöner Bürgermeister-Moment für Matthias Schöck: die Wiederwahl beschert ihm einen Geschenke-Korb zur Fußball-Weltmeisterschaft Foto: factum/Bach

Böblingen - Es gibt schöne Bürgermeister-Momente und weniger schöne. Den schönsten von allen hat Matthias Schöck am Sonntag in Hildrizhausen erlebt: Fast 97 Prozent Zustimmung bei einer Wahlbeteiligung von 46 Prozent. Normalerweise sind Bürgermeisterwahlen eine traurige Veranstaltung, wenn der Amtsinhaber antritt. Neuerdings gibt es zwar das Phänomen der jungen Herausforderer aus dem Kreis Böblingen, die alte Politikprofis aus dem Rathaus fegen. Was der Grüne Stefan Belz in Böblingen gegen Wolfgang Lützner (CDU) vormachte, glückte kurz danach auch dem Parteilosen Martin Horn aus Sindelfingen in Freiburg gegen den nun gewesenen Rathauschef der Grünen, Dieter Salomon. Dabei handelte es sich in beiden Fällen übrigens gleichzeitig um schöne und weniger schöner Bürgermeister-Momente.

Sehr, sehr dankbar für einen Korb voller WM-Leckereien

Aber in Hildrizhausen erhielt Matthias Schöck von 1337 nur 40 Gegenstimmen. Angesichts solcher Zahlen konnte sich jeder viel versprechende Kandidat vermutlich schon im Vorhinein seine Chancen ausrechnen. Als „glücklich, zufrieden und sehr, sehr dankbar“ beschrieb sich der Wahlsieger logischerweise hinterher. Schließlich hat er noch an jenem Abend ein großes, mit den Deutschlandfarben verziertes Geschenk erhalten: einen Korb voller Leckereien wie Chips, Schokolade und Pasta in Ball-Form für die diese Woche beginnende Fußball-Weltmeisterschaft!

Geschenke werden diese Woche auch in Böblingen verteilt. Die im Familienzentrum am Paul-Gerhardt-Weg betreuten Kinder haben eine neue Schaukel erhalten. Sie ist eine Spende des Vereins Kiwanis Böblingen-Sindelfingen. Wie der Auflauf bei der Übergabe des Geräts zeigte, handelt es sich dieser Art von Anlässen auch um einen der schöneren Bürgermeister-Momente. Denn neben einem Vereinsvertreter und der Leiterin der Einrichtung waren noch der Oberbürgermeister Stefan Belz persönlich und sein Amtsleiter für Soziales, Klaus Feistauer, zugegen. Das Geschenk ist ein Wunderding, „für die Entwicklung der Grobmotorik und eines physikalischen Gespürs von großer Bedeutung“, heißt es in der Mitteilung der Stadt. Die 1250 Euro-Spende von Kiwanis ist also reine Talentförderung für künftige Taten.

Undankbare Aufgaben auf die lange Bank geschoben

Undankbarere Aufgaben sind im Böblinger Rathaus zuletzt offensichtlich auf die lange Bank geschoben worden. Besser gesagt: in die Nachbarkommune. Weil die Stadt keine Unterkünfte für die Anschlussunterbringung von Flüchtlingen mehr hat, will sie sich nun einfach in Holzgerlingen Zimmer mieten. Böblingen müsste nach dem Verteilungsschlüssel in diesem Jahr zusätzlich 155 Personen aufnehmen, 21 von ihnen wurden untergebracht, für den Rest gibt es jedoch keinen Platz. Mit der Übernahme von zwei bestehenden Wohnheimen vom Landratsamt soll das Problem gelöst werden: „Wir kaufen uns dort ein“, beschrieb der Erste Bürgermeister Tobias Heizmann den Stadträten den Deal und bezeichnete ihn als Win-Win-Situation für Stadt, Land und Flüchtlinge. Denn die in Holzgerlingen wohnenden Menschen können dadurch bleiben, wo sie sich bereits eingelebt haben. Die soziale Betreuung bleibe die gleiche, es werde keine Pendelfahrten nach Böblingen geben.

Allerdings hat Tobias Heizmann die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und diese Erkenntnis war für Ioannis Delakos sicherlich kein schöner Moment. Holzgerlingens Bürgermeister erklärte der Lokalzeitung, dass die Stadt zwar prinzipiell bereit sei, zu helfen. Ihre Zustimmung zu dem Geschäft hat sie aber noch nicht gegeben. Und um die Betreuung müsse sich Böblingen schon selbst kümmern, wenn es die Holzgerlinger Flüchtlinge zur Deckung der eigenen Quote will. Ioannis Delakos hat nämlich nichts zu verschenken und fordert vom Nachbarn eine Menge Pendelei: Ehrenamtliche müssten nach Holzgerlingen, die Kinder in Kindergärten und Schulen nach Böblingen gebracht werden. Immerhin könnten sich manche von ihnen dann auf einer neuen Schaukel vergnügen.

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