Inklusionstheater Rutesheim Jeder zieht den anderen mit

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Szenen einer Probe. Foto: Bartek Langer

Rutesheim - Die Vogelscheuche, die offenbar nicht da war, als die Intelligenz verteilt wurde, hat mal wieder keinen Durchblick, der Blechmann, so eingerostet wie er ist, bekommt den Hintern nicht hoch und der Löwe macht sich ordentlich in die Hose – mit gesenktem Kopf schleicht er umher. „Halt, das ist aber kein alter Mann, der über die Straße geht!“, heißt es aus der Regie, bevor kollektives Gelächter losbricht. Beim zweiten Anlauf schaut’s schon mehr nach dem feigen Löwen aus, auch wenn dieser vor Angst nur die Wassernudel aus Schaumstoff einzieht.

Hier sind aber auch keine Profis am Werk, sondern Sechstklässler aus der Inklusionsklasse der Theodor-Heuss-Schule in Rutesheim. Gemeinsam mit zwei Theaterpädagogen proben sie im Musiksaal Szenen aus „Der Zauberer von Oz“. Das ist ein Kinderbuchklassiker aus den USA und handelt von dem Mädchen Dorothy, das sich mit einer Vogelscheuche, einem Blechmann und einem Löwen anfreundet und nur mit Hilfe des mächtigen Zauberers nach Hause kommen kann.

Staatstheater Stuttgart ist mit im Boot

Das Ganze ist ein kulturpädagogisches Projekt der Staatstheater Stuttgart. „Impuls Musik Theater Tanz“ wird von dessen Förderverein sowie der Karl Schlecht Stiftung gefördert. Die Rutesheimer Werkrealschule musste sich bewerben, um daran teilnehmen zu können und bekam als eine von vier Bildungseinrichtungen den Zuschlag. Und das hat auch einen guten Grund. „Das Projekt ist für Klassen angelegt, die einen besonderen pädagogischen Förderbedarf haben“, sagt Tobias Rapp vom Staatstheater.

In der Inklusionsklasse lernen Schüler gemeinsam mit Gleichaltrigen, die eine geistige Behinderung oder Lernschwächen haben – sie kommen von der Karl-Georg-Haldenwang-Schule in Leonberg. Außerdem sind auch noch sechs Flüchtlingskinder dabei. Rob Doornbos spricht von einer „wunderbaren Mischung“. „Klar, bei einer solchen Konstellation stößt man schon an seine Grenzen, und man muss kreative Wege finden, um die Schüler einzubinden“, sagt der Theaterpädagoge. „Aber man kann das sehr gut als Energie nutzen.“

Deswegen sieht er das Ganze sogar als kleinen Vorteil und ist davon überzeugt, dass es einen viel stärkeren Zusammenhalt gibt in dem Klassenverband. „Hier sieht man den Jungen, der erst seit Kurzem in Deutschland ist, wie er den ‘Downie’ anspornt, und umgekehrt ist das genauso“, berichtet Doornbos begeistert. Das sei nicht zu vergleichen mit einer regulären Schulklasse. Selbstverantwortung übernehmen, darauf zielt auch das Projekt ab.

Soziale Kompetenz stärken

Denn es geht nicht nur darum, den Kindern einen Zugang zu Schaupiel, Tanz oder Musiktheater zu eröffnen, sondern auch die sozialen Kompetenzen zu stärken. „Theater vermittelt Selbstverantwortung und stärkt das Selbstbewusstsein“, betont Kathrin Heuer. Die Schüler entwickelten Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und entdeckten Seiten an sich, die sie bislang nicht gekannt hätten. „Neulich hatte eine Schülerin in der Probe zu der ganzen Gruppe gesprochen, und das war für sie ein Wow-Moment“, erinnert sich die Theaterpädagogin und sagt lächelnd: „Sie meinte, sie kann jetzt Lehrerin werden, weil alle auf sie hören!“

Bei den Proben entstehe vieles spontan, und die Schüler hätten weitgehend freie Hand. „Sie haben das Rhythmusgefühl aufgenommen, das ist das Schöne“, findet Heuer. Und ihr Theater-Kollege Doornbos ergänzt: „Wir wollen am Ende kein komplettes Stück auf die Beine stellen, sondern einzelne Szenen, deswegen geht es viel mehr um die Arbeit an sich.“ Die Sechstklässler hatten im Vorfeld das Buch von Lyman Frank Baum gelesen, den Film angeschaut und neulich auch der Theateraufführung beigewohnt.

„Jeder kann nicht alles und tut,was er kann“

Das Bühnenstück vergleicht Gerhard Zweck mit der Werkrealschule. „Jeder kann nicht alles und tut, was er kann“, sagt der Klassenlehrer und spricht von der „Schule für individuelles Lernen, in der jeder nach seinen Möglichkeiten gefördert wird“. In der Inklusionsklasse leiten mindestens zwei Lehrer den Unterricht, was eine gezielte Förderung der Schüler ermöglicht. Das Konzept der Kooperationsklasse, das es seit 2007 an der Theodor-Heuss-Schule gibt, geht voll auf, profitieren doch beide Seiten.

Die Sonderschüler seien deutlich selbstbewusster als jene, die keine Kooperationsklasse besuchten, und die Regelschüler entwickelten eine sehr positive Sozialkompetenz, heißt es. Dennoch muss die Werkrealschule um ihr Fortbestehen bangen. Bei nur drei Anmeldungen konnte im vergangenen Schuljahr erstmals keine neue Klasse 5 gebildet werden. Wenn auch für das kommende Schuljahr nicht mindestens 16 Kinder angemeldet werden, wird das Schulamt die Auflösung einleiten.

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