Ermittlungen in Pleidelsheim War die Messerattacke versuchter Ehrenmord?

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So sah der Tatort nach dem Angriff aus: Die 18-jährige Frau ist in dem Friseursalon in Pleidelsheim angestellt, sie überlebte die Attacke auf sie schwer verletzt. Foto: KS-Images

Pleidelsheim - Es ging blitzschnell: Die Mutter betrat am vorigen Donnerstag gegen 19 Uhr den Friseursalon am Pleidelsheimer Hindenburgplatz. Sie lief in Richtung ihrer 18-jährigen Tochter, deren Freundin und Arbeitskollegin, zog ein Messer und stach zu. Mehrfach traf sie die beiden jungen Frauen. Die 41-Jährige ist in Untersuchungshaft und schweigt.

Doch vier Tage nach der Tat wird immer deutlicher, was das Motiv gewesen ist. Nach gesicherten Informationen unserer Zeitung war es ein Streit um die Familienehre. Die Mutter stammt aus der Türkei, und der Konflikt innerhalb der Familie schwelte schon lange. Offenbar war man mit dem Lebensstil und dem Verhalten der 18-jährigen Tochter nicht einverstanden.

Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür nicht, die Ermittler äußern sich bewusst zurückhaltend. „Die Familienehre als Hintergrund kann ich nicht ausschließen“, sagt der Polizeisprecher Peter Widenhorn. Jan Holzner, der Sprecher der Staatsanwaltschaft, erklärt lediglich: „Wir gehen von niederen Beweggründen aus.“ Deswegen wird gegen die 41-Jährige wegen Mordversuchs ermittelt und nicht wegen versuchten Totschlags. Niedere Beweggründe sind ein Mordmerkmal, und ein Konflikt um die Ehre fällt in diese Kategorie. Heimtücke wäre ein weiteres Mordmerkmal – weil sich die jungen Frauen nicht wehren oder nicht mit dem Angriff rechnen konnten.

Die Ermittler haben rekonstruiert, dass die Mutter am Abend der Tat zu dem Friseursalon gefahren war, der bereits geschlossen hatte. Zunächst beobachtete sie das Geschäft, in dem sich nach Ladenschluss nur noch wenige Personen befanden. Dann schritt sie zur Tat. „Es war ein handelsübliches Messer“, sagt der Polizeisprecher Peter Widenhorn. Die beiden Mädchen wurden schwer verletzt und kamen ins Krankenhaus, inzwischen sind sie nicht mehr stationär in Behandlung.

Angriff mit einem Küchenmesser

Allerdings werden sie, wie aus dem Umfeld zu hören ist, rund um die Uhr von Polizeibeamten bewacht. Von der Mutter geht zwar keine Gefahr mehr aus, sie wird bis zum Prozess in der Justizvollzugsanstalt bleiben. Da es aber um die Familienehre geht, gelten die Opfer noch immer als gefährdet. „Die Verdächtige verweigert bislang jede Aussage“, sagt Widenhorn. Noch seien auch nicht alle Familienangehörigen vernommen worden. Klar ist inzwischen allerdings, dass die Attacke der Tochter galt, ihre Freundin war nur zufällig am Tatort. Gerüchte, wonach die junge Frau zu Hause ausziehen wollte und ihre Freundin einen „unguten Einfluss“ auf sie gehabt haben soll, werden nicht bestätigt.

Die Betroffenheit in Pleidelsheim ist groß, der Bürgermeister Ralf Trettner hatte schon am Freitag sein Erschrecken bekundet. Auch in der beschaulichen Nachbarschaft des Friseurladens mit einem italienischen Restaurant und einem Dönerimbiss ist man schockiert. In der 6300-Einwohner-Gemeinde leben Einwanderer und Einheimische friedlich miteinander, Gewalttaten sind selten. Der Friseursalon ist seit der Tat geschlossen, obwohl die Spurensicherung abgeschlossen wurde.

Die 41-jährige Mutter erwartet eine langjährige Haftstrafe. Kommt es zu einer Anklage wegen versuchten Mordes, liegt die Mindeststrafe bei drei Jahren, eine Bewährung ist damit ausgeschlossen. Theoretisch könnte sogar eine lebenslängliche Freiheitsstrafe drohen. Letztlich hängt dies vom Motiv ab – Polizei und Staatsanwaltschaft sind dabei, weitere Hintergründe zu ermitteln. In den vergangenen Jahren hat es im Kreis Ludwigsburg zwei Fälle von Ehrenmordversuchen gegeben: Im Dezember 2016 hatte der Vater einer kosovarischen Familie mit einer Pistole auf seine Tochter geschossen, als diese in Kornwestheim mit ihrem Freund in einem Auto saß. Die 28-Jährige erlitt ein Durchschuss der Wange, überlebte jedoch. Der Mann wollte die Tochter für ihren „unehrenhaften Lebenswandel“ und die Verletzung der Familienehre bestrafen. Im Jahr 2011 wurde der in Ludwigsburg wohnende, frisch vermählte Ehemann einer türkischen Frau von deren Onkel in Heilbronn angeschossen.

Ehrenmorde in der Region Stuttgart

Esslingen
Im Jahr 2004 lässt sich eine türkische Frau von ihrem Mann scheiden und lebt danach mit einem anderen Mann zusammen. Ihr Bruder stellt ihren neuen Freund zur Rede und tötet ihn mit 40 Stichen. Er wird später zu neun Jahren Gefängnis verurteilt.

Stuttgart Ein Italiener ersticht in Bad Cannstatt 2008 seine Ex-Frau wenige Wochen nach der Trennung – vor den Augen seines Sohnes.

Schorndorf Im Jahr 2012 erschlägt ein Mann aus Pakistan seine griechische Ex-Freundin mit einem Hammer in einer Gartenlaube.

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