Ein Blick hinter das Gitterportal Kerker-Haft im Roten Turm

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Arg tief und feucht sei der Rote Turm, befindet der Stadtrat und überlegt sogar, eine Zwischendecke aus Holz einzuziehen. Heute noch erlaubt das Gitter einen Blick hinab. Foto: factum/Bach

Weil der Stadt - Vergebens ist alle Hoffnung. Am 10. September 1754 um zehn Uhr morgens räuspert sich der Bürgermeister der Heiligen Reichsstadt Weil und verliest, was eben sein Rat und er geurteilt haben: „Dir armer Sünder Jakob Debler tun wir kund und lassen wissen, dass Du bis nächsten Freitag sterben sollst.“

Jakob Debler sitzt gefesselt im Rathaus, ihm gegenüber zwei Gemeinderäte und der Stadtschreiber Kessler, der alles akribisch protokolliert, was der Bürgermeister wettert. „Du kannst also deine arme Seele befehlen, fleißig beten und deine Todesstunde in Geduld erwarten.“

263 Jahre später blättert Lothar Sigloch in den Protokollen. Der Weiler Stadtarchivar hat die Akten zu diesem Prozess ausgegraben. „Das war das einzige Todesurteil in Weil der Stadt seit dem 30-jährigen Krieg“, erklärt er. Sigloch hält einen dicken Band in den Händen, allein 188 Beilagen sind der Akte beigefügt. „Die Leute haben damals sehr akribisch gearbeitet, sie haben es sich mit dem Todesurteil nicht leicht gemacht.“

Aufwenig und langwierig haben der Bürgermeister und sein Rat ermittelt. Begonnen hat das Unheil am 30. März 1754. Es ist Samstag, der Stadtrat kommt zu seiner Sitzung zusammen. Vier Münzen liegen auf dem Ratstisch. Eine davon ist zweifelsfrei eine Dreibatzen-Münze kurpfälzischer Prägung. „Erstere sind viel leichter im Gewicht“, notiert der eifrige Stadtschreiber Kessler.

Falschgeld in Weil der Stadt – eine Katastrophe

Der Fall ist klar: Bei den drei leichteren Münzen muss es sich um eine Fälschung handeln. Falschgeld in Weil der Stadt – eine Katastrophe! Die Stadträte schäumen vor Wut, sogar bis nach Leonberg dringt die schlimme Nachricht. Schon zwei Wochen später trifft ein Brief des Leonberger Vogts ein: Im ganzen Amt kursieren die falschen Dreibätzer, das Gerücht kursieren, dass sie aus Weil stammen – und was man denn zu tun gedenke, will der Vogt wissen.

Die Stadtverwaltung reagiert sofort. Schultheiß Raithle, Stadtschreiber Kessler und die Stadträte Hermann und Eble werden mit den Untersuchungen und Befragungen beauftragt. Schnell verdichtet sich ein Verdacht. Der Sohn des Hecht-Wirts nämlich war es, der versucht hat, die falschen Münzen bei der Witwe Mauch zu wechseln.

Da kann es also nur der Hecht-Wirt Jakob Debler sein! Die Ratsdiener der Stadt bekommen daher den Auftrag, den 50-Jährigen Wirt zu verhaften. Ab ins Kerker-Verlies mit dem Verbrecher! Ein solches Gefängnis zu finden indes ist in der Reichsstadt mit den vielen Mauern und Türmen kein Problem.

Man bringt Jakob Debler zunächst im Schelmenturm unter. Der lag damals südlich des Judentors, heute gibt es ihn nicht mehr, allenfalls in der gleichnamigen Fasnetsgruppe hat der Schelmenturm noch überlebt. Das gefällt Debler überhaupt nicht, er beantragt die Verlegung, weil der Schelmenturm „verschrien“ sei. Schließlich landet Jakob Debler in dem tiefen Verlies des Roten Turms. Weil der aber doch ein bisschen arg tief und feucht ist, wollte man ursprünglich eine Ebene aus Holz einziehen, macht das aber dann doch nicht. Soll der Verbrecher doch dahinmodern, wenn ihm der Schelmenturm nicht gefällt!

Während der Scharfrichter noch dabei ist, die halbstündliche Nachtwache zu organisieren, ermitteln die Stadtherren schon längst. Wobei – was tut man eigentlich mit so einem Falschmünzer? „Die Gerichtsordnung von Kaiser Karl V. sah für dieses Delikt sehr differenzierte Strafen vor“, sagt der Weiler Stadtarchivar Lothar Sigloch. „Auch in anderen Städten gab es Fälle, die Strafen reichten von der Todesstrafe bis zu Bewährungsstrafen, je nach Richter.“

Jakob Debler leugnet die Tat bis zuletzt

Es war also juristischer Sachverstand gefragt, den kann das kleine Reichsstädtlein nicht aufbieten. Die Stadtoberen beauftragen daher den Juristen Marchtaler aus Esslingen. Umfangreiche Verhöre stellt er an und durchsucht Häuser. Bei Jakob Debler wird man schließlich fündig: Schmelztiegel und verschiedene Quarzsande und sogar noch eine weitere Falschmünze liegen da im Hause des Hechtwirts.

Jakob Debler leugnet die Tat bis zuletzt, die konfiszierten Gegenstände sprechen aber eine eindeutige Sprache. Und auf die Frage Marchtalers hin, woher denn die Gegenstände in seinem Haus kommen, kann er keine plausible Antwort geben. Dem Rat platzt deshalb die Geduld. Im August, also fünf Monte nach der Verhaftung, geht es daher schlag auf Schlag. Bei den Rechtsgelehrten Schöpff und Mögling aus Tübingen holt der Rat noch ein juristisches Gutachten ein.

Am 10. September kommt er nochmals zusammen und fällt das Urteil – um des begangenen „landesverderblichen Verbrechens des falschen Münzens“ solle er sterben. Kreidebleich sitzt Jakob Debler da, zusammen mit einem Geistlichen bringt man ihn schließlich wieder zurück in den Roten Turm.

Drei Tage hat er noch zu leben. Es ist der 13. September – ausgerechnet – als sich der Rat um 7 Uhr morgens auf dem Marktplatz versammelt. Das Urteil wird nochmals verlesen, es gibt eine Henkersmalzeit und der Schultheiß bricht den Stab über Debler. Dann überlassen die sechs als Helfer bestellten Männer Jakob Debler dem Scharfrichter „in seine Hand und Bann“. Bei ihm sind nur noch Stadtpfarrer Johann Grau und der Kapuzinermönch Kaplan Adalbert. Vom Turm ertönt das Armesünderglöcklein. Eine Viertelstunde nach 10 Uhr tritt der Stadtschultheiß vor die versammelte Bevölkerung: Die Hinrichtung ist gelungen. Es war die letzte, die Weil der Stadt erlebt hat.

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