Drückjagd in Weil der Stadt Die Horde von 20 Wildschweinen kann fliehen

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„Das Ergebnis kann sich sehen lassen“, sagt Bodo Sigloch, der zur Drückjagd in den Merklinger Wald geladen hat. Foto: factum/Granville

Weil der Stadt - Es macht Knall, dann ist alles vorbei. Das Reh liegt da, bereit zum Abtransport. Eben noch kam es angehumpelt, am hinteren Bein verletzt. „Wo ist ein Jäger?“, ruft es durch den Wald. Sofort ist einer zur Stelle und erlöst das Tier.

Denn Jäger hat es am Samstag so einige im Merklinger Wald. Bodo Sigloch hat zur großen „Drückjagd“ eingeladen. „Letzte Woche hab ich viele Sauen gesehen, ich ­hoffe, dass sie noch da sind“, sagt er frühmorgens. Wildschweine sind der Hauptgrund für solche Drückjagden, die landauf landab derzeit überall stattfinden.

„Sauen sind einfach intelligent“, erzählt Elke Marko. Die wüssten, wenn Vollmond ist, dann bleiben sie in ihrem Versteck. Vom Jägerstand also sind die großen, braunschwarzen Tiere also kaum zu jagen.

Darum ist auch Elke Marko in den Merklinger Wald gekommen, hat den orange-auffälligen Schutzoverall übergestreift, den kleinen Hund eingepackt. „Zehn Meter Abstand Bitte“, ruft Karl-Heinz Waidelich, der zusammen mit Bodo Sigloch das Jagdrevier hier gepachtet hat. 28 Männer und Frauen stellen sich so nebeneinander auf dem Waldweg auf – sie sind die „Treiber“. Streng durchgetaktet und organisiert ist so eine Drückjagd, ein Waldballett mit verteilten Rollen.

Wildschweine unter Himbeer-Sträuchern

Denn neben den Treibern gibt es die „Jäger“. 34 davon hat Bodo Sigloch heute eingeteilt und mit seinem Pritschenwagen zu ihren Positionen, quer verteilt im ganzen Wald, gefahren. Dort warten sie jetzt auf die Tiere. Los geht es also für die Treiber, quer durch den Wald, immer geradeaus. „Klopf hier“, weiß einer, „unter den Himbeer-Sträuchern machen es sich die Wildscheine oft bequem.“ Das Ziel heute: Sie sollen aufgescheucht werden, durch den Wald rennen – bis sie vor die Flinte einer der 34 wartenden Jäger laufen. „Eine Horde von 20 Schweinen ist da drüben gerannt“, munkelt ein anderer. Ob man die heute erledigen kann?

Denn die Bestände an Rehen, Wildschweinen und Füchsen in den baden-württembergischen Wäldern ist zu hoch, das hat im Frühjahr selbst der Nabu-Landesverband eingeräumt. Der bei Wildscheinen beliebte Mais nimmt zu und die Winter werden milder. „Such“, ruft Elke Marko ihrem kleinen Jagdhund zu. Er ist ausgebildet, kann Spuren lesen, scheucht das Wild in Verstecken auf, wo es Menschen schwer haben. Elke Marko hat selbst einen Jagdschein, auch wenn sie heute Treiberin ist. „Ich hab eine Weile gebraucht, bis ich bereit war, die Waffe einzusetzen“, erzählt sie. Denn natürlich bedeutet das Hobby auch, am Ende Tiere zu erschießen. „Aber wenn ich Fleisch essen will, muss ich auch bereit sein, das Töten auszuhalten“, sagt die Merklingerin.

„Halt“, ruft einer. „Links aufrücken!“ Die Treiberkette muss immer gleichmäßig durch den Wald ziehen – egal, ob da dornige Sträucher, dichtes Junggehölz oder triefnasse Pfützen lauern.

Ein Highlight selbst für Jäger

Die Jäger dürfen derweil der Sicherheit wegen nicht von ihrem festgelegten Punkt wegrücken. 31, 32, 33, einer fängt schon an, die Schüsse an diesem Vormittag zu zählen. Einen davon setzt Philipp Kuntze ab – es ist ein Wildschwein. „Das ist schon ein Highlight“, freut er sich. Kuntze ist zwar erst 24 Jahre alt, hat aber schon seit drei Jahren den Jagdschein. Warum? „Ich hab einen Grund gebraucht, oft in den Wald zu ­gehen“, sagt er. „Und man lernt bei den Lehrgängen so viel.“

Jetzt hilft er Bodo Sigloch hier im Merklinger Revier, nicht nur, wenn die große Drückjagd ansteht. Seine Altersgenossen jedenfalls machen regelmäßig große Augen, wenn er von seinem Hobby erzählt. „Viele sind dann neugierig und wollen mal mitkommen“, berichtet Philipp Kuntze.

Um dann etwa bei der Drückjagd den Treiber zu spielen. Bodo Sigloch hat sich da schon längst auf den Weg gemacht, die Jäger samt Beute wieder einzusammeln. „Das Ergebnis kann sich sehen lassen“, gibt er schließlich bekannt, als sich alle nach fünf Stunden wieder treffen. Drei Wildscheine, sieben Rehe und vier Füchse liegen am Ende auf Tannenzweige gebettet. Nochmals kommen alle zusammen, Jäger und Treiber. Die Jagdhornbläser geben den Tieren die letzte Ehre. Nur die Rotte mit den 20 Sauen, die konnte noch rechtzeitig fliehen.

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