„Drehmoment“ der Kulturregion Der Friedhof wird zum Mittelpunkt des Festivalbeitrags

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Auch Grabpflege verändert sich. Foto: Andrea Wilhelm _AdobeStock

Ditzingen - Was hat die Friedhofs- und Bestattungskultur mit einem Drehmoment zu tun? Auf den ersten Blick nichts. „Thema verfehlt!“, polterte Dieter Schnabel deshalb am Montagabend. Im Ausschuss für Finanzen, Kultur und Soziales kritisierte er den geplanten Festivalbeitrag der Stadt zum Produktionskunstfestival der Kulturregion. Dieser habe rein gar nichts mit dem Veranstaltungstitel „Drehmoment“ zu tun. Die Stadt will sich in ihrem Beitrag mit der Bestattungs- und Friedhofskultur befassen.

Kunst und Produktion treffen aufeinander

Trauer sei nichts, was einem im Zusammenhang mit einem Kulturfestival „sofort ins Auge springt“, räumte der Oberbürgermeister Michael Makurath ein, der zugleich für die SPD im Regionalparlament sitzt. „Aber es ist ein Alleinstellungsmerkmal“, warb er für den thematisch ungewöhnlichen Beitrag. Schließlich wird Ditzingen nicht die einzige Stadt im Landkreis sein, die sich an dem Projekt der Kulturregion m Oktober beteiligt. Das Kunstfestival geht der Frage nach, was geschieht, wenn Kunst und Produktion aufeinandertreffen. Nationale und internationale Künstler arbeiten in Industrie- und Handwerksbetrieben und entwickeln unter Einbeziehung der Belegschaft neue Werke.

Benjamin Heidersberger, der künstlerischer Leiter des Festivals, will zeigen, „dass die Zusammenarbeit von Kunst und Produktion zu einer beidseitigen Inspiration führt, Neues und Unerwartetes für den Menschen anregt und somit die künstlerische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Region Stuttgart fördert“. Der 1957 in Braunschweig geborene Künstler lebt in Berlin und Stuttgart.

Über den Wandel der Bestattungskultur

Doch nicht einmal der kunstsinnige Dieter Schnabel, der der Chef der Unabhängigen Bürger im Gemeinderat ist, brachte Verständnis für das Projekt auf, und er zwang den Oberbürgermeister mehrfach, den Zusammenhang darzustellen. Das Drehmoment, erklärte Makurath geduldig, sei nicht nur ein physikalischer Begriff, der mit einem Achtzylindermotor in Verbindung zu bringen sei. Es stehe für die Kraft der Veränderung, auch für die Veränderung der Gesellschaft, die sich auf Bürger und Arbeitswelt gleichermaßen auswirke. Die Globalisierung zwinge die Menschen zur Mobilität. Das habe auch Auswirkungen auf die Friedhofskultur.

Im Kern geht es bei dem Ditzinger Beitrag um den Wandel der Bestattungskultur. Was brauchen die Menschen, wenn Trauer und Trost nicht mehr an das Grab der Angehörigen gebunden ist, weil dieses unerreichbar fern ist? Die Frage sei, was im Rahmen der Bestattungskultur künftig zuzulassen sei, so die Verwaltung.

Die Ditzinger arbeiten für das Projekt mit der Stuttgarter Kommunikationsdesignerin Maike Sander und dem Ditzinger Steinmetzbetrieb Machmer zusammen. Sander befasst sich mit Trauerkultur in aller Welt. Ulrike Sautter (Grüne) äußerte Zweifel daran, das schwere Thema Bestattungskultur mit einem heiteren Kunstfestival zu verbinden.

Sander erwiderte, dass das Konzept von Beginn an alle anspreche. Von Mai bis September werden Projekte in Schulen und Workshops für alle angeboten. Ziel ist es einen Platz der Trauer auf dem Friedhof zu konkretisieren, der alle anspricht. Auch wenn dort kein Angehöriger bestattet ist. Letztlich stimmten die Räte für das Vorhaben – alle, bis auf einen: Dieter Schnabel.

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