Schulleiter Jörg Fröscher „Es kristallisieren sich einige Verlierer heraus“

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Monatelanges Lernen daheim hat Spuren hinterlassen. Foto: Pixabay

Ditzingen - Dass Homeschooling für Lehrer, Eltern und Schüler eine Herausforderung war, weiß auch Jörg Fröscher, Leiter der Theodor-Heuglin-Gemeinschaftsschule in Ditzingen. „Wir können nicht davon ausgehen, dass etwa in einer Familie mit drei Kindern auch jedes Kind ein eigenes Zimmer hat, um in Ruhe zu lernen“, betont er. Unterschiedliche Gegebenheiten führen nun zu unterschiedlichen Lernständen, die es aufzuholen gilt. Wie Kinder und Schulen dieser Herausforderung nun begegnen, erzählt der Schulleiter im Interview.

Herr Fröscher, wie haben Sie die Stimmung bei den Schülern, jetzt zurück im Wechselunterricht, wahrgenommen?

Bei den meisten überwiegt die Freude, dass sie wieder zurück in die Schule kommen durften. Die Schülerinnen und Schüler waren im Wechselunterricht nicht jeden Tag hier, aber alleine das hat vielen ausgereicht. Und ich vermute auch, dass es ihnen gut getan hat, wieder einen strukturierteren Tag zu haben. Manche Schüler brauchen jetzt wieder etwas Antrieb und Motivation durch die Lehrkräfte. In der Schule ist man eben doch mehr gefordert, als im Homeschooling.

Haben Sie Unterschiede zwischen den Schülern der Grundschule und denen der weiterführenden Stufen gespürt?

Keine großen. Die älteren Schüler nehmen den Start deutlich gelassener. Die Kleinen sind aufgedrehter, bei ihnen merkt man richtig, dass das Toben gefehlt hat. Unser Bolzplatz und das Spielgelände sind durchgängig belegt, die Kinder fordern das richtig.

Gibt es Unterschiede bei Lernständen?

Natürlich, das ist keine Frage. Nicht alle Kinder haben zu Hause gleich viel und gleich intensiv gelernt. Aber das ist für uns gerade nicht das allerwichtigste Thema. Wichtig war für uns erst einmal das Zurückkehren in die Gruppe, der soziale Kontakt. So, wie die Inzidenzwerte sich entwickeln, können wir bald wieder komplett in den Präsenzunterricht zurückkehren. Dann werden wir den Stoff nach und nach aufarbeiten. Man muss aber klar sagen: Es kristallisieren sich tatsächlich einige Verlierer dieses Systems heraus.

Inwiefern?

Wir bekommen derzeit vermehrt Anrufe von Eltern und Schülern, von Gymnasien etwa, die im Homeschooling nicht mehr mitgekommen sind und sich von uns als Gemeinschaftsschule jetzt eine individuellere Förderung erhoffen. Hinzu kommt, dass die Schüler im vergangenen Jahr alle versetzt worden sind und es kein Sitzenbleiben gab. Jetzt stellt sich heraus, dass es für einzelne Schüler doch besser gewesen wäre, die Klasse zu wiederholen.

Wie schnell lassen sich Defizite in den Lernständen denn Ihrer Meinung nach aufarbeiten?

Es ist schwierig, da eine genaue Vorhersage zu machen. Ich gehe schon davon aus, dass wir noch einige Monate, vielleicht sogar bis zum Jahresende, brauchen werden, um alles wieder in ähnliche Bahnen wie vor der Pandemie zu lenken.

Jörg Fröscher Foto: privat

Könnte das die Versetzung einiger Schüler, besonders von der vierten Klasse, in die weiterführenden Stufen gefährden?

Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass Viertklässler, die jetzt in die fünfte Klasse wechseln, mit verschiedenen Lernständen kommen. Und ich denke, wir können jetzt nicht die Kinder darunter leiden lassen, dass die Situation so ist, wie sie ist. Das heißt ganz einfach, dass die Sekundarstufen sich darauf vorbereiten müssen, dass es nicht so laufen kann, wie man das schon immer gemacht hat. Ich glaube aber auch, dass wir noch einiges nachholen und die Kinder gestärkt in die Sekundarstufe entlassen können, wenn wir mit den Viertklässlern nach den Pfingstferien wieder komplett in den Präsenzunterricht zurückkehren.

Vor welchen Herausforderungen stehen Lehrer in den kommenden Wochen?

Der Umstieg vom Unterricht am Computer zum regulären Schulalltag vor Ort ist auch für manche Lehrkräfte, wie eben auch für die Schülerinnen und Schüler, noch schwer. Der direkte Kontakt war über Monate nicht da. Es tauchen jetzt wieder Probleme auf, mit denen sich die Lehrkräfte im Homeschooling nicht auseinandersetzen mussten, etwa in Sachen Disziplin. Aber man muss auch sagen, dass die Kolleginnen und Kollegen wirklich froh sind, dass die Kinder wieder da sind.

Von welcher Seite würden Sie sich denn für die kommenden Wochen nach den Ferien Unterstützung wünschen?

Ich würde sehr dafür plädieren, dass wir mehr personelle Unterstützung bekommen. Wir haben festgestellt, dass das Lernen in kleineren Gruppen während des Wechselunterrichts sehr intensiv war. Da konnten wir sehr viel nachholen, haben nicht nur den Stoff abgehakt, sondern konnten auch auf den einzelnen Schüler schauen. Es ist eben ein Unterschied, ob da 28 Kinder in einer Klasse sitzen oder nur 14. Das wäre gerade in der jetzigen Situation ideal.

Lässt sich dieser Wunsch so einfach umsetzen? Stichwort Lehrermangel?

Das stimmt natürlich. Das Land mag zwar das Geld haben, aber nicht das Personal. Da rächt es sich jetzt, dass man in den vergangenen Jahren die Lehrerausbildung nicht ausgeweitet oder besser beworben hat. Auf der anderen Seite gäbe es schon Möglichkeit, mehr Personal zur Verfügung zu stellen.

Zum Beispiel?

Ich könnte mir etwa vorstellen, bestimmte Themen vom Bildungsplan zu streichen, um mehr Zeit zu gewinnen. Es gibt einfach einige Punkte, die müssten jetzt nicht unbedingt durchgenommen werden, daran würde die Welt nicht zugrunde gehen. Bruchgleichungen sind da mein Lieblingsbeispiel. Außerdem könnte man es Studierenden ermöglichen, an Schulen auszuhelfen. Und wir haben gerade zwei pädagogische Assistentinnen an der Schule, die schwächere Schüler unterstützen. Beide sind in Teilzeit, wären aber jederzeit bereit, in Vollzeit zu wechseln. Das sind alles Dinge, die man relativ flexibel, schnell und unbürokratisch umsetzen könnte.

Kommenden Montag geht die Schule wieder los – mit welchem Gefühl starten Sie in die nächsten Wochen?

Mit einem sehr positiven Gefühl. Dass wir höchstwahrscheinlich wieder alle Schülerinnen und Schüler bei uns haben werden, stimmt mich durchaus optimistisch. Natürlich bleibt eine bestimmte Unsicherheit, ob die Schule nicht doch wieder dazu beiträgt, dass die Inzidenzwerte steigen. Zusätzlich zu den AHA-Regeln und den regelmäßigen Testungen fände ich es deshalb schön, wenn auch Schülerinnen und Schüler bald die Möglichkeit für eine Impfung bekommen.

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