Alpakas im Heckengäu Hier leben Weissachs flauschigste Bewohner

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Ab auf die Weide: Jeden Morgen lässt Martin Kilpper die Forchenhof-Alpakas aus dem Stall und auf ihre grüne Wiese Foto: Simon Granvill/e

Weissach - Pank, Sepp, Peaches und McGregor zucken kaum mit den Ohren, als plötzlich zwei Menschen interessiert in ihr Zuhause spähen. Sepp, der sich in einer Ecke auf dem Heu hingelegt und den langen Hals flach nach vorne gestreckt hat, öffnet nicht einmal seine Augen. Falls er die Besucher bemerkt hat, die plötzlich um die Ecke kommen, lässt er sich das nicht anmerken. Nur Peaches dreht den Kopf und nimmt Blickkontakt auf, während er langsam auf etwas Stroh herumkaut. Ein Stängel hängt ihm aus dem Mundwinkel und wackelt im Rhythmus der Kaubewegungen auf und ab.

Dann zückt Anke Kilpper eine Plastikdose voller Kraftfutter. Sepp öffnet ein Auge. Kaum ist das Scharnier zum Gehege offen, sind alle auf den Beinen. Kurz tritt bei einigen der flauschigen Stallbewohner Verwirrung auf, irritierte Blicke wandern zu Martin Kilpper, der an der hölzernen Gehege-Umrandung lehnt. „Ich hab‘ nichts“, beteuert er. Seine Frau wackelt lautstark mit dem Eimer, in den sie etwas Kraftfutter gefüllt hat. Kurz darauf stecken vier weiche Alpaka-Nasen in dem Plastikbehälter.

Pferde bekommen flauschige Nachbarn

Die vier Alpakas – allesamt Hengste, wie man die männlichen Tiere nennt – sind die neusten Bewohner des Forchenhofs am Rande von Weissach. Am 1. April sind sie bei Familie Kilpper eingezogen. Gerade verbringen die Alpakas die meiste Zeit im Stall oder auf der mit knöchelhohem Gras überzogenen Weide. Einmal die Woche allerdings nehmen die Kilppers Sepp, Pank, Peaches und McGregor mit auf kleine Wandertouren und Spaziergänge durch das Heckengäu. Dabei können sich die Alpakas an die Strecke und an das Tragen des Halfters gewöhnen – denn in naher Zukunft sollen auch andere Besucher mit den Andentieren wandern gehen.

Dass auf dem Forchenhof gerade Alpakas eingezogen sind, hat zumindest indirekt etwas mit der Coronapandemie zu tun: Den Hof, der früher ein Milchbetrieb mit mehreren Kühen war, hat Martin Kilpper von seinen Eltern übernommen. Der große Stall des Hofes stand lange leer. „Wir wollten, dass er wieder mit Leben gefüllt ist“, erinnert sich Anke Kilpper. Seit rund zehn Jahren vermieten sie deshalb Stallflächen an Pferdebesitzer, erst in Vollpension, inzwischen nur an Alleinversorger, die sich selbst um ihre Tiere kümmern.

Anstoß kam von jüngster Tochter

Seit einigen Jahren bieten Anke und Martin Kilpper außerdem Outdoor-Teamevents für Firmen an, in Form einer Bauernolympiade etwa. „Damit sind wir 2018 sehr erfolgreich gestartet“, erinnert sich Anke Kilpper. „Corona hat das dann schnell wieder ausgebremst.“ Eine andere Lösung musste her: Alpakas. „Wanderungen mit den Tieren ist auch Teambuilding für kleine Gruppen“, erklärt Anke Kilpper ihr Konzept.

Den Anstoß für die Anschaffung der Alpakas kam schlussendlich von der jüngsten Tochter. „Sie war ein großer Alpaka-Fan“, berichtet Anke Kilpper. Nach einem Besuch auf der Nürtinger Alpaka-Farm und mehreren Trips zum Alpaka-Züchter war die Familie überzeugt: Die Alpakas sollen auf dem Forchenhof einziehen. „Uns haben die Wesen dieser Tiere so begeistert“, sagt Anke Kilpper. „Egal, wie gestresst man ist, man kommt einfach runter, wenn man Zeit mit den Alpakas verbringt. Das geht auf Körper und Geist.“

Wanderungen sind schon ausgebucht

Für vier Hengste haben sich die Hofbesitzer auf Empfehlung des Züchters entschieden, weil die Wanderungen, die in Zukunft angeboten werden sollen, eher selten mit weiblichen Alpakas vorgenommen werden. „Die sind manchmal ein bisschen zickig“, erklärt Martin Kilpper. „Wie bei Pferden.“

Obwohl die Alpakas vor gerade einmal knapp zwei Monaten auf dem Forchenhof eingezogen sind, hat sich schon herumgesprochen, dass Weissach vier neue, flauschige Bewohner hat. „Für Juni und Juli sind wir ausgebucht“, sagt Anke Kilpper. Teil des Angebots sind etwa eine einstündige Heckengäu-Wanderung mit halbstündigem Kennenlernen am Alpaka-Stall. 25 Euro kostet das pro Person, jeder „Alpaka-Führer“ darf außerdem eine Begleitperson kostenfrei mitnehmen. Ein exklusiverer Ausflug ist etwa die Tour „Lieblingsmensch“ für Zwei – mit zwei Alpakas. Wer nicht gut zu Fuß ist, kann sich alternativ auch für Kaffee und Kuchen in einen Holzpavillon auf der Alpaka-Weide setzen.

Im Galopp auf die Weide

Auf die Alpaka-Weide geht es jetzt auch für die Tiere selbst: Martin Kilpper öffnet das große Schiebetor neben dem Alpaka-Gehege und trennt den restlichen Teil des großen Stallgebäudes mit einem Zaun aus Draht. Peaches, Pank, Sepp und McGregor merken genau, was gleich passiert, und drängen sich aufgeregt an die Tür zu ihrem Gehege. Als Martin Kilpper den Riegel aufschiebt, können sie ihr Glück scheinbar kaum fassen – zögerlich verlassen sie den Stall in Richtung Ausgang. Dann schnuppern sie aber doch die Frischluft, nehmen Geschwindigkeit auf und rasen an der Pferdekoppel vorbei hin zu ihrer Weide. In Höchstgeschwindigkeit sieht es fast so aus, als würden die Alpakas mit ihren Hufen den Boden kaum mehr berühren. „Manchmal“, erzählen die Kilppers, „hüpfen die Alpakas vor Freude über die Wiese.“

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Mit den vier neuen, flauschigen Bewohnern des Forchenhofs kommt auf das Ehepaar Kilpper aber auch ein ganzer Batzen mehr Arbeit dazu – die Touren etwa möchten sie selber leiten. Hinzu kommen die Aufgaben, die im täglichen Hofalltag und in der Landwirtschaft anfallen. Das Ehepaar ist außerdem noch berufstätig.

Anke Kilpper würde sich aber niemals anders entscheiden. „Für uns ist das keine Arbeit“, erklärt sie, und schwenkt mit ihrem Arm Richtung Stall. „Das ist es nie, wenn man es so gerne macht.“

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