Sommerführung in Gerlingen Vom Waldschütz und dem Dichterfürst

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Etwa 1925 haben sich Waldarbeiterinnen in den „Schaffkitteln“ fotografieren lassen. Foto: Stadtarchiv Gerlingen

Gerlingen - Klaus Herrmann, der Leiter des Stadtarchivs, lädt für Ende August zum 20. Mal zur Sommerführung ein, die zwei Stunden dauert. Er wird auf die ihm eigene humorige Art Fakten, Geschichten, gemeinhin Unbekanntes und Kuriosa aus dem Wald verbinden.

Die Sauhütte

Es ist kein Gebäude aus Holz, und das Bauwerk war auch nicht für Schweine gedacht – sondern für Sauhirten. Die „Sauhütte“ liegt etwa 30 Meter entfernt von einem der Hauptwege, den die Gruppe gehen wird. Hinter viel Unterholz und jungen Bäumen ist ein halbrundes Gewölbe zu sehen. Dies ist als Trockenbau ohne Mörtel konstruiert, gut zwei Meter breit und etwa dreieinhalb Meter tief im Gelände. Der Unterstand stamme aus dem 18. Jahrhundert, vermutlich noch aus der Zeit vor Herzog Carl Eugen, erklärt Herrmann. Der Herzog hatte nicht nur viele Gerlinger Bauern zu Frondiensten beim Bau des nahen Schlosses Solitude verpflichtet, sondern auch im Wald daneben seine Jagden abgehalten.

Nachbars Vieh zum Füttern im Wald

Der Gerlinger Wald wurde einst nicht nur von den Gerlingern genutzt – weniger zur Erholung wie heute, sondern zur Weide für das Vieh. „Eicheln waren gutes Schweinefutter, Sträucher, Kräuter und Gras gut für Rinder, Schafe und Ziegen“, erklärt Herrmann. Die Ditzinger trieben ihre Herden über den Herdweg, die Stuttgarter ihre Tiere über den Bernhardsbach, der die Grenze darstellte. Streit gab es oft.

Der Gerlinger Kopf

Was den Stuttgartern ihr Grüner Heiner in Weilimdorf, ist den Gerlingern ihr Gerlinger Kopf. Beides sind Auffüllberge. Der Gerlinger Kopf entstand von 1961 bis 1972 als Mülldeponie in einer tiefen Klinge. Auf 600 000 Kubikmeter Müll wurde doppelt so viel Erde aufgeschüttet, der Gipfel liegt auf 502 Metern Höhe – der zweithöchste Punkt Gerlingens. Die Auffüllung ist insgesamt 75 Meter hoch, ihre Grundfläche so groß wie 15 Fußballfelder.

Straßen und Wege

Die Straßen und Wege im Gerlinger Wald wurden in ihrer Grundstruktur zur Zeit von Herzog Eberhard Ludwig angelegt, im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert. Es überwiegen schnurgerade Alleen, die zum Teil sternförmig verlaufen. Sie haben drei Schnittpunkte: das Planhaus, den Großen Stern und den Kleinen Stern. Diese Bezeichnungen findet man heute noch in Karten. Wo heute der Gerlinger Wald steht, lag einst die Römerstraße vom Kastell in Cannstatt nach Straßburg.

Der Waldschütz bei Schiller

Was heute die Förster sind, waren früher die Waldschützen – Pfleger und Aufseher zugleich. Im 18. Jahrhundert, als die Familie Schiller auf der Solitude lebte, versahen viele Männer aus der Familie Schweizer das Amt des Waldschützen. In Schillers Drama „Die Räuber“ heißt eine der Hauptpersonen Schweizer. Hat Friedrich Schiller womöglich dem Gerlinger Waldschütz ein literarisches Denkmal gesetzt? Herrmanns Frage ist nicht unberechtigt.

Frauen arbeiten im Wald

Arbeiten im Wald ist eigentlich eine Männerdomäne. In Gerlingen waren über Jahrzehnte aber auch Frauen im Wald tätig, wie ihre Kinder – aus einfachem Grund: Damit wurde das Familieneinkommen aufgebessert. Die Arbeiterinnen mussten säen, Pflanzen vereinzeln und Gras jäten. Das Stadtarchiv bewahrt Gruppenaufnahmen, darunter welche von 1910 und 1925, auf denen Waldarbeiterinnen posieren. Mit Felgen, den breiten Hacken, und im „Schaffschurz“.

Friedhof im Wald

Wer den Wald so liebt, dass er ihn noch nach dem Ende des irdischen Lebens um sich haben will, hat dazu die Möglichkeit: Auf dem Gerlinger Waldfriedhof ist die Bestattung unter Bäumen möglich. Die Abteilung wurde 2009 angelegt und jüngst neu gestaltet und erweitert.

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