Seilbahn in Leonberg Das war’s: Seilbahn schwebt in weite Ferne

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In Grenoble gibt’s eine Seilbahn. Foto: pixabay

Leonberg - Zu langsam, zu umständlich, zu teuer: Das Thema Seilbahn hat sich für Leonberg erledigt. Das ist das Ergebnis einer Studie, die jetzt von drei Experten im Gemeinderat vorgestellt wurde.

Damit endet eine hitzige Debatte, die der Oberbürgermeister vor anderthalb Jahren in Gang gebracht hatte. Im Juli 2018 hatte Martin Georg Cohn im Gespräch mit unserer Zeitung erstmals öffentlich von oberirdischen Gondeln als Lösung für die innerstädtischen Verkehrsprobleme gesprochen und auf andere Städte weltweit verwiesen, in denen Seilbahnen wichtige Verkehrselemente sind.

Machbarkeitsstudie

Nach langem Hin und Her verständigte sich der Gemeinderat vor einem Jahr mehrheitlich auf eine Machbarkeitsstudie, anhand derer die Realisierungschancen überprüft werden sollten. Die Rathausspitze erhoffte sich zudem Hinweise auf die künftige Ausgestaltung einer kommunalen Verkehrspolitik jenseits der Seilbahn. Gegen eine Seilbahn spricht vor allem die Führung über und an Wohnhäusern vorbei. Fahrgäste könnten also in Privatwohnungen oder Gärten schauen. „Das funktioniert in Südamerika, wo der Leidensdruck durch den Verkehrskollaps viel größer ist als bei uns“, sagt der österreichische Seilbahn-Experte Christof Albrecht. In Europa sei das nicht durchsetzbar.

Funktioniert nur in Südamerika

Auch seien die Gondeln mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Stundenkilometern recht langsam. So würde eine Seilbahnfahrt von der Altstadt bis zum Bahnhof sechs Minuten dauern. Der Bus braucht nur drei Minuten.

In eine Gondel passen maximal zehn Menschen, erklärt Albrecht, der in Dornbirn ein Verkehrsplanungsbüro mit Schwerpunkt Seilbahn betreibt. Das sei nicht viel. Auch könnten die Passagiere Angst bekommen: „In einer Höhe von bis zu 40 Metern kann die Gondel schaukeln.“

Personalintensiv sei eine Seilbahn zudem: „An jeder Station braucht es zwei Mitarbeiter, die den Leuten beim Ein- und Aussteigen helfen“, weiß der österreichische Experte. „Da kommen leicht rund 60 Vollzeitkräfte zusammen.“ Albrechts Fazit: „Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist jenseits von Gut und Böse.“

(Lesen Sie hier: Der Traum von der individuellen Mobilität)

Mit der Streckenführung hat sich der Stuttgarter Verkehrsplaner Peter Sautter beschäftigt. Die Seilbahn hätte den Bahnhof, das Leo-Center und die Altstadt miteinander verbunden und außerdem zu den Autobahnabfahrten Ost und West geführt. Direkt am Bahnhof wäre eine Station aus technischen Gründen nicht möglich; der Zustieg erfolgte am Wertstoffhof.

Ein bequemer Umstieg von der Schiene auf die Hochbahn wäre also nicht gegeben. Für einen Park & Ride-Verkehr an den Autobahnabfahrten über die Berliner Straße und die Brennerstraße müssten an den Endpunkten jeweils Parkhäuser gebauten werden, die Sautter mit je 700 000 Euro veranschlagt. Doch ob diese Linien außerhalb der Rushhour ausreichend genutzt würden, bezweifelt der Experte.

Die Busse aus den Umlandgemeinden wären mit einer Seilbahn nicht überflüssig: „Die Stadt hätte damit ein jährliches Defizit von 5,7 Millionen Euro.“

Fixierung auf Bahnhof ein Hindernis

Die jetzige Fixierung des Bussystems auf den Bahnhof ist für Sebastian Beck vom Projektentwickler Drees & Sommer ein zentraler Schwachpunkt. Solange es keine innerstädtische Busverbindung vom Haldengebiet bis Eltingen gebe, „können die Autos ungehindert ihre Qualitäten ausspielen. Es ändert sich nichts“.

Trotz allem haben Seilbahnen auch Vorzüge: „Die Investitionskosten sind gering, die Bauzeiten kurz“, so der Fachmann Albrecht aus Österreich. Die Stationen seien „sehr robust“, mithin kaum reparaturanfällig. Die Planung allerdings sei ähnlich lang wie die einer Straßenbahnlinie. Seilbahnen sind nur für längere Distanzen interessant, sagt der Verkehrsplaner Sautter. Eine Verbindung von der Innenstadt übers Glemstal bis Höfingen wäre so eine. Allerdings akzeptiert der Verkehrsverbund solch ein Projekt nicht, weil es als Konkurrenz zur S-Bahn gesehen wird. Damit wären Fördergelder verbaut.

(Lesen Sie hier eine Expertenmeinung: „Seilbahn ist nicht per se gut oder schlecht“)

Neben den drei Experten hat auch die Firma Bosch die Studie eng begleitet, erweitert doch der Konzern sein hiesiges Zentrum für autonomes Fahren. „Für uns hat der Prozess sehr viel gebracht“, sagt Matthias Buck, der die Entwicklung des Leonberger Standorts leitet. „Wir haben vorher nicht darüber nachgedacht, wie die Verkehrsströme laufen. Die Untersuchungen haben uns die Augen geöffnet.“ „Wir sind Mobilitätsanbieter und Arbeitgeber“, sagt Buck. „Deshalb wollen wir die Verkehrsentwicklung mit unseren Möglichkeiten intensiv begleiten. Die Studie ist nur der Auftakt.“ Lob gibt es für den OB: „Herr Cohn ist sehr offen.“

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