Renningen Gymnasiasten beschäftigen sich mit Rassismus

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Die Renninger Schüler diskutieren mit Aminata Touré. Foto: /privat

Renningen - Warum bloß nehmen Menschen den lebensgefährlichen Fluchtweg über das Mittelmeer auf sich? „Die Gründe dafür finde ich persönlich teils noch erschreckender als die miserablen Zustände auf den Schlauchbooten selbst“, sagt Liana Koschka, die das Erlernte immer noch zu verdauen hat.

Über die Flucht übers Mittelmeer hat die Schülerin des Renninger Gymnasiums aus erster Hand erfahren. Friedhold Ulonska, Kapitän auf einem Seenotrettungsschiff, hat sich übers Internet per „Webinar“ nach Renningen zugeschaltet und von seiner Arbeit erzählt. „Besonders eindrucksvoll waren seine Erzählungen über die Momente, die ihm bis heute präsent sind“, erinnert sich die Renninger Schülerin Liana Koschka. Das ging von unterernährten Kleinkindern bis zu der Freude, die die Flüchtenden an Bord eines Rettungsschiffes verspüren.

„Schule ohne Rassismus“ verpflichtet

Seit Dezember ist das Renninger Gymnasium eine sogenannte „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. „Das verpflichtet uns, regelmäßig Aktionen durchzuführen, die im Zeichen von Toleranz und Achtung der Menschenrechte stehen“, erklärt die Lehrerin Kerstin Janser. Geplant war eigentlich, den Film „Mission Lifeline“ zusammen mit Kapitän Friedhold Ulonska in der Schule anzuschauen und darüber zu diskutieren.

Das ging jetzt in Zeiten von Homeschooling natürlich nicht. „Unsere Schüler wollten aber nicht warten, bis außerschulische Veranstaltungen wieder erlaubt sind“, sagt Janser. Also organisieren sie eine ganzen Reihe von Online-Veranstaltungen und zeigen, dass Lernen übers Internet nicht nur Manko sein muss, sondern einen echten Mehrwert bietet, wenn man es richtig angeht.

Dann können die Jugendlichen nämlich schnell mal einen Auslug nach Kiel machen, ohne lange und kostspielige Reisen unternehmen zu müssen. Aminata Touré (Grüne) ist seit einem Jahr Vizepräsidentin des Landtages von Schleswig-Holstein. Die 27-Jährige war jetzt ebenfalls zu Gast bei einem Online-Gespräch mit den Renninger Gymnasiasten. „Seit den Unruhen in Amerika ist sie eine gefragte Interviewpartnerin in den Medien“, weiß die Lehrerin Kerstin Janser. „Umso begeisterter waren die Schüler, dass Aminata Touré ihnen gleich zu Beginn das Du angeboten hat.“ Touré war selbst als Schülerin an ihrer Schule in Projekten gegen Rassismus und mit Courage engagiert. „Es ist aber wichtig, sich nicht auf einer solchen Auszeichnung auszuruhen, sondern unermüdlichen Einsatz gegen Rassismus zu zeigen“, gab die Politikerin den Schülern mit auf den Weg.

Das wissen sie. Solche Begegnungen per Internetleitung bringen sie auch in ihrer politischen Sozialisation weiter. Da kommen die Renninger Schüler ins Diskutieren. „Mir stellt sich die Frage, warum die EU-Kommission und die EU-Mitgliedsstaaten die Flüchtlinge als Feinde sehen“, sagt der Schüler Guilherme Oliveira. „Warum halten es viele Regierungschefs und Mandatsträger für richtig, diese Menschen sterben zu lassen, ihnen Folter, Leid und Erniedrigungen zuzuführen?“

Bundestagsabgeordnete spricht über Black-Lives-Matter

Fragen, die sich die Schüler nicht nur selbst, sondern auch gleich den Verantwortlichen stellen. Dritter Web-Gast war deshalb der Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe (SPD) aus Recklinghausen (NRW), der Sprecher für Menschenrechte seiner Fraktion ist. Die „Black-Lives-Matter-Bewegung“ und Flüchtlingscamps in Griechenland waren Themen des Gesprächs mit ihm, aber auch der Klimawandel und das Wahlrecht ab 16. Dabei hat er einen sehr persönlichen Einblick in seine Arbeit im Bundestag und in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats in Straßburg gegeben. „Auf alle Fragen hat er sehr freundlich, ehrlich und aufschlussreich geantwortet, sodass die Teilnehmer des Webinars wirklich sehr viel mitnehmen konnten“, berichtet Kerstin Janser.

Das tun die Teilnehmer auf allen Ebenen. Interessiert haben sie verfolgt, dass der Renninger Gemeinderat im Juni beschlossen hat, die Stadt als „sicheren Hafen“ für Flüchtlinge auszuweisen. „Als sicherer Hafen haben wir uns dazu verpflichtet, Druck auf die Bundesregierung auszuüben“, findet Guilherme Oliveira. „Selbst, wenn wir nicht mehr Menschen zusätzlich zur Quote aufnehmen, können wir dazu beitragen, dass sich etwas verändert. Viel mehr Kommunen sollten diesen Schritt gehen.“ Und sein Mitschüler Philipp Zschau sagt: „Veranstaltungen dieser Art sind ein erster wichtiger Schritt zur Sensibilisierung der Bürger in der Umgebung.“ Denn leider, stellt er fest, gibt es immer noch viel zu viele Menschen ohne Toleranz und Empathie. Dabei seien gerade die persönlichen Begegnungen ein Schlüssel. „Das führt zu Toleranz und Empathie gegenüber den Flüchtenden“, sagt Philipp Zschau.

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