Neubaugebiet Häugern Brunnen- und Regenwasser sichern die Idylle

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Ein Brunnen soll sicherstellen, dass das Wasser im Riedsee nicht unter eine bestimmte Marke sinkt. Foto: factum/Andreas Weise

Weil der Stadt - Bis 2050 gebe es 25 Prozent weniger Niederschlag. „Haben Sie das mitbedacht?“, will der junge Bürger wissen. Er ist zur Bürgerinfoveranstaltung zum Häugern gekommen. Die Stadtverwaltung und die Gutachter haben über den aktuellen Stand dieses größten Neubaugebiets in Weil der Stadt informiert.

Umstritten sind die Auswirkungen auf die Natur. Denn es gibt nicht nur die Pläne für dieses zehn Hektar große Wohngebiet, sondern auch die Idee eines kleinen Gewerbegebiets „Unter dem Weiler Weg“. Beides befindet sich auf freier Fläche zwischen Weil der Stadt und Merklingen – also in der Nähe des Naturschutzgebiets Merklinger Ried, um das sich nicht nur jener junge Mann Sorgen macht. Auch eine Protestveranstaltung der Grünen im November war gut besucht.

„Unsere Aufgabe ist es, die Auswirkungen der Baugebiete auf das Merklinger Ried zu untersuchen“, sagt Christian Schneider, Geowissenschaftler beim Rottenburger Büro HPC. „Die Frage, ob die Baugebiete das Merklinger Ried beeinflussen, konnten wir eindeutig mit Ja beantworten“, berichtet Schneider.

Zwölf Sondierungen, 17 Versickerungsversuche und Wasserstandsmessungen

Um das festzustellen, waren im vergangenen Jahr Geologen, Biologen und Ingenieure auf dem Gelände unterwegs und haben es unter anderem in zwölf Sondierungen, 17 Versickerungsversuchen und Wasserstandsmessungen untersucht. Von der Fläche der beiden Baugebiete „Häugern“ und „Unter dem Weiler Weg“ fließt heute Wasser in insgesamt drei Quellen, die wiederum das Biotop und den See im Merklinger Ried speisen.

„Wenn die Baugebiete realisiert werden, würde sich die Grundwasserhöhe im Ried um etwa 30 Zentimeter reduzieren – ein Verlust von 40 Prozent des Wassers im Riedsee“, berichtet Schneider von den Ergebnissen. „Deshalb empfehlen wir eine Kombination von Maßnahmen, um das auszugleichen.“

Zum einen darf die Stadt im Häugern nicht so viel Fläche versiegeln. Innerhalb der zehn Hektar Baugebiet werden nur sechs Hektar bebaut. Auf der restlichen Fläche sind Grünstreifen, Parks und Gärten geplant. Als zweite Maßnahme werden Hausbesitzer später verpflichtet, das Regenwasser auf dem Dach zu sammeln und an ein spezielles System abzuführen. In eigens dafür vorgesehnen Mulden wird dieses Regenwasser zentral gesammelt und ins Merklinger Ried geleitet.

„Und dann haben wir einen Brunnen untersucht, der im Merklinger Ried schon 1970 gebaut wurde“, sagt Christian Schneider. 50 Meter ist dieser Brunnen tief, er fördert Wasser aus der Kalk- und der Bundsandsteinbodenschicht. Der Geowissenschaftler und seine Kollegen haben eine Wasserstandsmarke im Riedsee definiert, nämlich auf einer Meereshöhe von 385 Metern. „Wenn der Wasserstand im Ried unter diese fällt, springt der Tiefbrunnen an und versorgt das Ried mit 0,3 Liter pro Sekunde Wasser“, sagt Schneider, „das ist vergleichbar mit der Menge eines Wasserhahns“. Er verweist auf Berechnungen, die zeigen, dass das Wasser aus dem Brunnen ausreicht, um das Merklinger Ried stabil zu halten. Seine Schlussfolgerung: „Wir können negative Effekte der Baugebiete vollständig ausgleichen.“ Auch, wenn es weniger regnet, wie der junge Weil der Städter eingangs befürchtet hat.

Dilemma: Große Probleme, aber auch riesige Chance

Der Weiler Bürgermeister weiß, dass die Baugebiete wegen all dieser Auswirkungen nicht unumstritten sind in der Stadt. „Sie sind für uns eine riesige Chance, machen aber auch große Probleme“, sagt Thilo Schreiber am Ende der Bürgerinfo. „Das ist unser Dilemma.“ Weil der Stadt brauche aber mehr Wohnfläche, und der Häugern sei die einzige Stelle im Stadtgebiet, wo noch ein größeres Neubaugebiet möglich ist. „Sie können Weil der Stadt wahrlich nicht vorwerfen, dass wir jedes Jahr zehn Hektar erschließen.“

Dennoch reagiert die Stadtverwaltung. Der Beigeordnete Jürgen Katz kündigt an, den Häugern mit aller Kraft vorantreiben zu wollen. „Aber aus dem Gewerbegebiet ‚Unter dem Weiler Weg’ nehmen wir etwas das Gas weg.“

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