Weil der Stadt Grüne sehen Merklinger Ried gefährdet

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Auch einen Bergfink kann man in dem Naturschutzgebiet entdecken. Foto: /Merklinger Vogel- und Naturfreunde

Weil der Stadt - Es sei ein „magisch schöner Ort“, schreibt jemand in einem Reiseblog im Internet. Er präsentiert dort das „wunderschöne Naturschutzgebiet Merklinger Ried“ – ein Tipp für den Sonntagsausflug, das Touristen und Einheimische auch rege nutzen.

Genau dieses Idyll sehen die Grünen aber bedroht. „Das Ried ist hoch gefährdet“, schreibt die Partei in einer Anzeige im örtlichen Amtsblatt. Am Samstag laden sie deshalb zur „Begehung“ ein. Bernd Murschel (Grüne), der Landtagsabgeordnete, hat sich angekündigt, dazu Vertreter der Naturschutzverbände.

Die Anzeige hat im Städtle, im Rathaus und bei den anderen Parteien für Wirbel gesorgt. Alfred Kappler, der Fraktionschef der Grünen im Gemeinderat, findet aber, dass es an der Zeit ist, die Öffentlichkeit zu informieren. Konkret geht es um das Wohngebiet Häugern und das neue ­Gewerbegebiet „Unter dem Weiler Weg“. Beide Neubaugebiete liegen in unmittelbarer Nähe zu dem Naturidyll.

„Unsere Befürchtung ist, dass wir mit diesen Projekten das Naturschutzgebiet gefährden“, erklärt Kappler. Anlass für die Aktion sei ein Gutachten gewesen. Im Sommer hat die Stadtverwaltung dieses Papier den Gemeinderäten zur Kenntnis gegeben – allerdings zunächst nicht­öffentlich. Das heißt, bis jetzt bekommen nur die Lokalpolitiker Einblick in dieses ­Naturschutz-Gutachten. Darin wird untersucht, welche Auswirkungen die beiden Baugebiete Häugern und Unter dem Weiler Weg auf das Ried haben.

Stadtverwaltung schließt andere Schlussfolgerung

Auf Nachfrage bestätigt Jürgen Katz, der zuständige Beigeordnete der Stadtverwaltung, dass dieses Gutachten fertig ist. Seine Interpretation des Ergebnisses klingt freilich anders: „Wenn ich eine Schlussfolgerung ziehen soll, würde ich sagen: Durch unsere Maßnahmen sichern wir den Bestand des Rieds langfristig“, ­berichtet Katz.

Genau diese „Maßnahmen“ scheinen der springende Punkt zu sein. Klar ist, der See im Merklinger Ried speist sich aus Wasser, das von jenen Stellen zum Naturschutzgebiet fließt, wo künftig Häuser und Firmen gebaut werden sollen. In dem Gut­achten werden daher Vorschläge gemacht, wie das Wassersystem in den Neubaugebieten künftig so gestaltet wird, dass trotzdem genügend Wasser ins Ried fließt.

Diese Systeme muss man aber bauen und später kontrollieren. Alfred Kappler befürchtet, dass das nicht klappt. Er nennt zwei Beispiele: In anderen Gebieten gebe es die Pflicht der Dachbegrünung oder die     Pflicht, Bäume zu pflanzen. Beides geschehe seiner Beobachtung nach nur ­unzureichend. „So viel zum Thema Nachsorge“, schimpft der Fraktionschef.

Über all das will er am Samstag informieren. Beim Häugern sind alle Verträge indes schon unterschrieben. „Wir fordern deshalb, dass man jetzt erst mal den Häugern abwartet, bevor man den Weiler Weg erschließt“, sagt der Grünenpolitiker. „Die Sicherungssysteme sind sehr, sehr arbeitsintensiv. Wir wollten erst abwarten, ob das funktioniert, bevor wir weiterbauen.“ Das künftige Gewerbegebiet „Unter dem Weiler Weg“ liegt neben dem ehemaligen Baumarkt, auf der Wiese Richtung Merklingen. Auf einem Teil dort soll sich der Baumarkt, falls er wieder eröffnet wird, vergrößern können. Auf einem anderen Teil will sich eine andere Firma ansiedeln.

CDU: „Das ist ein schlechter Arbeitsstil“

„In Weil der Stadt herrscht akuter Mangel an Gewerbeflächen“, sagt der ­Beigeordnete Jürgen Katz. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die Verwaltung den festen Willen hat, diese etwa zwei Hektar Acker im Weiler Weg in Gewerbeflächen umzuwandeln. Bei einer Umfrage habe sich ergeben, dass allein Weil der Städter Firmen einen Erweiterungsbedarf von 4,5 Hektar haben. Es liegen zudem Anfragen im Umfang von 19 Hektar von auswärtigen Unternehmen vor. „Wir haben die Aus­wirkungen auf die Natur untersuchen ­lassen“, betont Katz nochmals. Er vertraue auf die Gutachter.

Der Vorstoß der Grünen habe ihn überrascht, gibt der Beigeordnete zu. Dasselbe sagen auch Vertreter der anderen Fraktionen im Gemeinderat auf Nachfrage. Was ihnen sauer aufstößt: Ein paar Tage vor Erscheinen der Amtsblatt-Anzeige sind sind sie bei der Klausurtagung des Gemeinderates alle noch zusammengesessen – und die grünen Ratsleute hätten kein Wort gesagt. „Wir sind extrem überrascht und vor den Kopf gestoßen“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende Martin Buhl. „Das ist ein schlechter Arbeitsstil, so geht man nicht miteinander um.“ Er wünsche sich, dass man Probleme erst im Gemeinderat bespricht, bevor man mit Aktionen an die Öffentlichkeit geht.

Auch der Fraktionschef der Freien Wähler, Jürgen Widmann, findet es „schade“, erst aus dem Amtsblatt davon erfahren zu haben. „Aber jeder kann Stellung beziehen, wie er möchte“, sagt er. „Wir stehen aber zu den Neubaugebieten, die enorm wichtig für Weil der Stadt sind.“ Hans Dieter Scheerer (FDP) fordert, jetzt den fairen Stil im Umgang miteinander beizubehalten: „Wir müssen uns jetzt ­inhaltlich damit auseinandersetzen.“

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