Long Covid Wenn das Duschen zum Kraftakt wird

Von Anne Rheingans
Bernd Kauselmann aus Rutesheim leidet nach einer Coronainfektion an Long Covid. Foto: Simon/ranville

Rutesheim. - Wer Bernd Kauselmann fragt, ob ihm eine Mahlzeit gemundet hat, kann den Rutesheimer ungewollt in Verlegenheit bringen. Er kann weder etwas riechen noch schmecken. Seit seiner Corona-Infektion Mitte Oktober ist der 63-Jährige gesundheitlich stark eingeschränkt – und wird es vermutlich dauerhaft bleiben.

Radfahrer geht nicht mehr, arbeiten nur noch wenige Stunden

Bis zu dem ersten positiven Coronatest ist der Großhandelskaufmann ein passionierter Radfahrer. Drei Tage, bevor sich die ersten Symptome der Infektion zeigen, hat der Rutesheimer noch eine größere Tour unternommen. Daran ist nun nicht mehr zu denken. Mittlerweile schafft er mit dem Fahrrad nicht mal den kurzen Weg zur Arbeit. Allenfalls kurze Spaziergänge sind möglich.

Schon nach 15 Treppenstufen ist der früher so bewegungsfreudige 63-Jährige außer Puste. Er leidet unter Konzentrationsproblemen, Schwindelgefühlen und Herzrasen. Zwar geht er wieder arbeiten. Nach vier bis fünf Stunden in der Firma muss der Rutesheimer jedoch Feierabend machen. Selbst kleine Alltagstätigkeiten wie Duschen sind für ihn anstrengend. „Meine Lebensqualität geht gegen null. Ich wünsche es niemanden“, betont Kauselmann. Auch psychisch leidet er, reagiert oft gereizt. Seinen Antrieb hat er verloren. Ständig stößt er an seine Grenzen. „Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich vorher war.“

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Dabei ist der Rutesheimer zweifach geimpft und hat bereits einen Booster-Termin, als der Anruf vom Gesundheitsamt kommt: positiv auf die Delta-Variante getestet. Schon am Vortag hat Bernd Kauselmann die ersten Symptome bemerkt. Nach einem Schnelltest bestätigt ein PCR-Test das Ergebnis. Die erste Woche kann er sich kaum auf den Beinen halten, erinnert sich der Rutesheimer. „Auch danach ging es mir noch immer schlecht“, sagt er. Die Quarantäne verlängert sich um eine Woche, nachdem ein weiterer PCR-Test auch nach zwei Wochen noch positiv anschlägt. Insgesamt fünf Wochen ruht sich Kauselmann zu Hause aus. „Aber auch dann waren die Symptome nicht weg. Es wurde nicht besser.“

Er braucht dringend professionelle Hilfe

Deshalb ist für den 63-Jährigen klar, dass er unbedingt professionelle Hilfe benötigt. Bei Logopädiesitzungen ist es bereits gelungen, seine Stimme, die ebenfalls von der Infektion in Mitleidenschaft gezogen wurde, wieder zu stärken. Hoffnung setzt Bernd Kuselmann außerdem in einen Rehaaufenthalt, der ihm genehmigt wurde. Auch der schriftliche Austausch mit anderen Menschen aus dem Kreis Böblingen, die wie er nach einer Corona-Infektion an „Long Covid“ leiden, tut ihm gut. Bei wem oder wo er sich angesteckt hat, das weiß Bernd Kauselmann selbst nicht. „Ich schlafe jetzt schlecht. Also habe ich mir nächtelang den Kopf darüber zerbrochen, wo es mich erwischt hat“, sagt er.

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Wird er seine Beschwerden jemals wieder los? Auch darüber macht er sich Gedanken. Die Ärzte, mit denen er bisher zu tun hatte, können ihm diese Fragen nicht beantworten. Sie sind sich aber darin einig: Wenn der 63-Jährige nicht geimpft gewesen wäre, wäre er ein heißer Kandidat für die Intensivstation geworden. Deshalb ist es ihm ein besonderes Anliegen, für die Impfung zu werben und andere zur Vorsicht zu mahnen.

Beschwerden sind auch noch nach Monaten da

Doch was genau ist „Long Covid“? Noch Wochen und Monate nach einer Erkrankung an Covid-19 können bei den Betroffenen gesundheitliche Langzeitfolgen beobachtet werden – unabhängig davon, ob der Verlauf schwer oder milde war. Die Beschwerden können je nach Krankheitsverlauf, Alter des Patienten und Vorerkrankungen stark variieren. Noch ist wenig über die genaueren Umstände und Auswirkungen bekannt. Auffällig oft wird andauernde Erschöpfung („Fatigue“) als Symptom genannt. Von Long Covid sprechen Ärzte, wenn Patienten bis zu zwölf Wochen nach einer Corona-Infektion noch unter Beschwerden leiden. Als Post Covid-Syndrom werden Beschwerden bezeichnet, die auch darüber hinaus vorhanden sind und nicht anders erklärt werden können, heißt es seitens des Robert-Koch-Instituts. Somit umfasst der Begriff „Long Covid“ sowohl die ersten vier bis zwölf Wochen nach dem Beginn der Symptome als auch das „Post Covid-Syndrom“.

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