Großer Sohn von Weil der Stadt Wie Johannes Kepler die Welt verändert hat

Von Hans-Joachim Albinus
Zu Johannes Keplers Lebzeiten entstand das Prager Ölgemälde. Foto: Hans-Joachim Albinus

Weil der Stadt - Johannes Kepler, am 27. Dezember 1571 in Weil der Stadt geboren und am 15. November 1630 in Regensburg gestorben, lebte von 1575 bis 1584 in Leonberg (mit Unterbrechungen in Ellmendigen und Eltingen). Er war ein Kind der Renaissance und sein Leben geprägt von den großen Zeitströmungen wie dem Ringen um das richtige astronomische Weltbild, Reformation und Gegenreformation, dem Dreißigjährigen Krieg, der Hexenverfolgung.

Sein Name bleibt in der Astronomie auf immer verbunden mit den drei Keplerschen Gesetzen der Planetenbewegung, in der Mathematik mit Keplerscher Fassregel und Keplerscher Vermutung, Keplerschen Sternkörpern und Keplerschen Logarithmen, in der Physik mit seinem Fernrohr. Doch was für ein Mensch war er, wie verhielt er sich Familie und Freunden gegenüber, mit welchem Ethos betrieb er seine Forschungen, wie entschied er sich in Gewissenskonflikten?

Umzug ins Herzogtum Württemberg als große Chance

Kepler war ein sehr gläubiger Mensch. Der Umzug der protestantischen Familie aus der Reichsstadt Weil der Stadt nach Leonberg ins Herzogtum Württemberg eröffnete dem hochbegabten Erstgeborenen alle Möglichkeiten des württembergischen Bildungssystems, die sogenannte „Schwäbische Laufbahn“ auf Grundlage eines herzoglichen Stipendiums und der Großen Kirchenordnung des Weil der Städter Reformators Johannes Brenz (1499-1570) von 1559/1582.

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Von der deutschen und lateinischen Schule in Leonberg ging es über die Klosterschulen Adelberg und Maulbronn in das Evangelische Stift und die Landesuniversität in Tübingen. Das Stipendium verpflichtete ihn, evangelisch-lutherischer Geistlicher zu werden, was auch sein Ziel war, nachdem seine Begeisterung für Mathematik und Astronomie durch den Mathematikprofessor Michael Mästlin (1550-1631) in den Artes Liberales, dem der Theologie vorgeschalteten Grundstudium, geweckt worden war.

Erste Anstellung als Mathematiker in Graz

Zum Ende seines Theologiestudiums wurde Kepler 1594 in seine erste Anstellung als Mathematiker der steirischen Landstände nach Graz geschickt an die evangelische Stiftsschule. Hatte er bisher von den Errungenschaften der Reformation profitiert, wendete sich nun bald das Blatt, und er geriet immer wieder in die Glaubenskämpfe zwischen Katholiken und Protestanten.

Der Unterzeichnung der Konkordienformel – ursprünglich 1574 nur für Theologen gedacht, inzwischen eine Pflicht aller Amtspersonen und Voraussetzung für eine spätere Rückkehr nach Tübingen – hatte er zwar als junger Magister vor Berufsstart in Graz zugestimmt, später verweigerte er sie jedoch aus Gewissensgründen. Gleichwohl setzte er sich doch stets für eine Wiedervereinigung des Christentums ein; Kepler hielt den Konfessionskampf der drei großen Religionsströmungen – Lutheraner gegen Calvinisten gegen Katholiken – und die mangelnde Kompromissbereitschaft für „eine Geisteskrankheit, die der gütige Gott heilen möge“.

Die Kalenderreform konnte Kepler nicht durchsetzen

Theologische und wissenschaftliche Fragen hat Kepler zu trennen vermocht. So war er 1613 als Sachverständiger für die Kalenderreform Papst Gregors XIII. (1502, 1572-1585) zusammen mit Kaiser Matthias (1557, 1612-1619) auf dem Reichstag in Regensburg. Die Notwendigkeit einer Reform war allseits als astronomisch notwendig erkannt, nur wurde sie, weil der Papst sie veranlasst hatte, von den Evangelischen erbittert bekämpft. Kepler versuchte zu vermitteln – erfolglos, erst 1700 begann man, die Kalender in Deutschland zu vereinheitlichen.

Die wissenschaftliche Wahrheit – letztlich zur Erkenntnis der Grundlagen der göttlichen Schöpfung in der Natur – war Keplers Richtschnur für die eigene Arbeit. Noch während seiner Grazer Zeit war 1596 sein erstes wissenschaftliches Werk erschienen, (Vorbericht kosmografischer Abhandlungen enthaltend das Weltgeheimnis). In ihm beschrieb er sein erstes eigenes kosmografisches Modell der Anordnung der Planeten auf Basis der fünf Platonischen Körper und des heliozentrischen Systems des Nikolaus Kopernikus (1473-1543).

Sein erstes Weltmodell muss er verwerfen

Die Entdeckung war für Kepler ein Schlüsselerlebnis und zugleich der Start seines lebenslangen Forschungsprogramms, das er für einen 25-jährigen erstaunlich selbst- und sendungsbewusst schon im Titel zum Ausdruck brachte (Vorbericht, denen weitere Berichte folgen sollen), nämlich eine vollständige Reform der Astronomie einschließlich der Suche nach den physikalischen Ursachen der Planetenbewegungen.

Dieses eigene Weltmodell, verbunden mit so viel Herzblut, musste Kepler in Prag nach Prüfung gegen die sehr genauen Beobachtungsdaten Tycho Brahes (1546-1601) verwerfen, ganz im modernen wissenschaftlichen Sinne war ihm nichts heiliger als die Wahrheit, für die er bisherige Vorstellungen und Urteile durchaus bereit war aufzugeben.

Für die Berechnung der Marsbahn braucht er neun Jahre

Für die Berechnung der wahren Marsbahn, für die er überheblich acht Tage veranschlagt hatte, und daraus die Herleitung der ersten beiden Keplerschen Gesetze brauchte er als Brahes Nachfolger im Amt des kaiserlichen Mathematikers neun Jahre, für das dritte weitere zehn und weitere neun bis zum letzten seiner Hauptwerke, in das alle seine astronomischen Kenntnisse einflossen, den Tabulae Rudolphinae (1627, Rudolfinische Tafeln). Damit war auch das Kopernikanische Weltbild mit seinen kreisförmigen Planetenbahnen überwunden.

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Kepler war „Rationalist“. Er ging von Naturgesetzen aus, die sich mathematisch beschreiben lassen, als Neuplatoniker suchte er nach möglichst geometrischen Beziehungen und Symmetrien. Diese Haltung war nicht ohne Risiko, so wurden Keplers Epitome Astronomiae Copernicanae (Abriss der kopernikanischen Astronomie) vom Vatikan verboten. Aber für Kepler sind Religion und Forschung kein Widerspruch, Astronomie ist für ihn praktische Theologie – Gott schuf den Kosmos so, dass der Mensch den Schöpfungsplan begreifen kann.

Das Lebenswerk Keplers umfasst 26 Bände

In seiner privaten Selbstcharakteristik von 1597 sagte Kepler, dass er sich gerne den schwierigsten Problemen zuwendet, und beschrieb sich als kleinen Hund, verspielt, sich auf alles stürzend, sich in einen großen Knochen verbeißend, um ihn bis aufs Letzte abzunagen. Untätigkeit war ihm unerträglich.

Kepler pflegte einen ausgedehnten privaten und wissenschaftlichen Austausch, das damalige Mittel unter Gelehrten waren vor allem (offene) Briefe. Allein der erhaltene Briefwechsel macht in der 2017 abgeschlossenen Gesamtausgabe seiner Werke sechs dicke Bände aus (von 26). Uneigennützig stellte er eigene Erkenntnisse anderen zur Verfügung und war umgekehrt begierig, von ihren Ergebnissen zu erfahren.

Galileo Galilei bricht die Zusammenarbeit ab

Diese kooperative Haltung wurde jedoch nicht von allen geteilt. Galileo Galilei (1564-1642) brach den Briefwechsel und die angebotene Zusammenarbeit mit Kepler ab, obwohl dieser als erster, überzeugt von der Richtigkeit der Galileiischen Entdeckung der Jupitermonde, für das Fernrohr als Beobachtungsinstrument eintrat. Galilei, teils auf eigenen Ruhm bedacht, teils aus Unverständnis für Keplers Suche nach den Ursachen der Planetenbewegungen, hielt weiter am Kopernikanischen Weltmodell fest.

Kepler nahm wissbegierig Neuigkeiten auf und ließ sich von anderen Arbeiten ablenken; aus zuerst unscheinbaren Beobachtungen entstanden so neue Veröffentlichungen, wie 1611 die „Neujahrsgabe oder Über den sechseckigen Schnee“ aus einer Betrachtung der Schneeflocken auf der Prager Karlsbrücke oder 1615 „Neue Messkunst der Weinfässer; mit Keplerscher Fassregel“ aus der Beobachtung der Gehilfen des Weinhändlers bei der Abrechnung des Weinverbrauchs nach seiner Hochzeit 1613 mit Susanna Reuttinger (1589-1636). Die Auswahl dieser zweiten Ehefrau betrieb Kepler fast wissenschaftlich-rational aus insgesamt elf Kandidatinnen und machte sich „zwischen Wollen und Nichtwollen aufgespalten“ zum Gespött der Leute. Die Ehe wurde glücklich.

Seine Jahreskalender gelten als treffsicher

Neugier verbunden mit der Suche nach rationalen Erklärungen half Kepler auch bei seinen eher unangenehmen Pflichtaufgaben eines Mathematikers, nämlich der Erstellung von Jahreskalendern mit Prognostiken zu Sonnenauf- und -untergängen, Finsternissen, Mondphasen sowie von Horoskopen.

Seine Kalender wurden gerühmt wegen ihrer Treffsicherheit, der vor allem seine guten astronomischen Kenntnisse, regelmäßige Wetteraufzeichnungen, die richtige Einschätzung der politischen Lage und seine gute Kombinationsgabe zugrunde lagen. Als Astrologe war er gefragt, wobei ihm seine Menschenkenntnis, seine pessimistisch-nüchterne Betrachtung der Menschheit und seine Sammlung von Vergleichsdaten zugutekamen. Er wollte ein Reformator der Astrologie sein („Lutherus astrologorum“).

Für Freunde nimmt Kepler Unannehmlichkeiten in Kauf

Ein wichtiger Aspekt Keplers Charakter sind seine Treue und Redlichkeit. Freunde bedeuten ihm nicht nur beruflich, sondern auch persönlich viel, nachdem er in den Klosterschulen aufgrund seiner überragenden Leistungen oft ein Außenseiter geblieben war. Für sie nimmt er auch Unannehmlichkeiten in Kauf wie 1620 im Ulmer Kometenstreit, in dem er seinem Freund Johann Baptist Hebenstreit (1584-1638), der sich mit einer eigenen Schrift in eine wissenschaftlich falsche Position manövriert hatte, half. Kepler kann bei persönlichen Beziehungen über unterschiedliche berufliche oder theologische Auffassungen hinwegsehen, ungewöhnlich für seine Zeit. Nur Oberflächlichkeit, Dummheit und Polemik wider besseres Wissen sind ihm verhasst.

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Nicht zuletzt hebt sich Keplers selbstloser, langwieriger und kostspieliger Einsatz für seine Mutter Katharina (1547-1622) im Hexenprozess zu Leonberg/Güglingen, der für seinen eigenen Ruf, auf den er stets bedacht war, nicht ungefährlich war, positiv vom Verhalten seiner Geschwister und seines Schwagers ab.

Eine Pockenerkrankung macht ihm zeitlebens zu schaffen

Gesundheitlich ging es Kepler oft nicht gut, als Kind war er an Pocken erkrankt und behielt zeitlebens eine schwache Konstitution und ein Augenleiden zurück, das exakte astronomische Beobachtungen sehr erschweren sollte. Geschwüre und Hautausschläge plagten ihn regelmäßig, seinen letzten Besuch in Württemberg nach dem Hexenprozess, bei der Schwester Margaretha (1584-1650) in Roßwälden (heute Ebersbach), verband er mit einer Kur im nahen Christophsbad (heute Göppingen). Beklagt hat er sich nie, Erfüllung fand er in der wissenschaftlichen Arbeit, manchmal so sehr, dass sich seine erste Frau Barbara (1573-1611) über die „Sternseherei“ beschwerte. Ausgleich fand er in seiner literarischen Produktion; von Keplers Gedichten sind bisher 88 wieder aufgefunden worden.

Neun Bildnisse sind von Kepler bekannt

Wie Kepler tatsächlich aussah, wissen wir nicht; er selbst beschrieb sich als klein, von zierlicher Gestalt, schmächtig. Auf das 16./17. Jahrhundert gehen insgesamt neun Bildnisse zurück, davon hat sich eines 1930 als definitiv falsch herausgestellt. Das künstlerisch wertvollste ist das Prager Bildnis Hans von Aachens (1552-1615), Hofmaler Kaiser Rudolfs II. Wenn die Datierung 1611/1612 richtig ist, dann zeigt es Kepler mit etwa vierzig Jahren als kaiserlichen Hofmathematiker in der Kleidung eines evangelischen Hofbeamten, mit wachem Blick.

Das auch psychologisch feinfühlige Porträt würde Keplers Selbstbeschreibung sowie seiner Lebenssituation entsprechen; er hatte zuvor seine Ehefrau Barbara und seinen hochbegabten Lieblingssohn Friedrich durch Tod verloren, ist jedoch weiterhin fest entschlossen, seine Lebensaufgabe, die Reform der Astronomie und das Manuskript der Rudolfinischen Tafeln, zu vollenden. Während des Drucks des Werks im Frühjahr 1627 in Ulm hatte Johannes Kepler geschrieben: „Gebe Gott, dass ich nicht mitten in der Arbeit erliege!“. Im Herbst konnte er dann mit den ersten Exemplaren zur Frankfurter Buchmesse reisen.

Unser Autor

Hans-Joachim Albinus
ist Mathematiker, Geograf und Informatiker und arbeitete zuletzt als Ministerialrat im baden-württembergischen Innenministerium. Er beschäftigt sich mit Johannes Keplers Leben und Werk, bietet Stadtführungen und Vorträge an, veröffentlicht in Zeitungen und wissenschaftlichen Zeitschriften. Als Mitglied der Kepler-Gesellschaft setzt er sich dafür ein, dass Keplers Andenken lebendig bleibt.

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