Fußball-Verbandsliga Der Trainerstuhl als Schleudersitz

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Wer muss als Nächstes seinen Platz am Spielfeldrand räumen? Hält der Trend an, könnte es eine Rekordsaison geben. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Fußball - Es ist eine alte Fußballer-Weisheit: Im Herbst, wenn die Blätter von den Bäumen fallen, fallen auch die ersten Trainer. Aber gleich so viele? Die Saison in der Verbandsliga ist gerade einmal zweieinhalb Monate alt, da steht der Zähler heuer bereits bei vier. Vier Coaches, die schon ihren Hut nehmen mussten – zu einem solch frühen Zeitpunkt ein rekordverdächtiger Wert. Es scheint so, als wirkte sich Corona auch in dieser Hinsicht aus, zumindest indirekt. In Anbetracht der aus der Viruskrise entstandenen Sondersituation, dass es im aktuellen Spieljahr jeweils sechs oder sieben Direktabsteiger geben wird, leidet offenbar die Geduld der Verantwortlichen und wächst zugleich die Nervosität.

Notbremse Trainerwechsel – freilich mit noch offenem Ausgang. Ob das erhoffte Heilmittel wirkt beziehungsweise ob der Effekt nicht nur kurzfristig, sondern nachhaltig ist, wird sich erst nach dem derzeitigen Lockdown der Amateurkickersparte sagen lassen, also frühestens von Dezember an. Einstweilen ein Überblick über die bisherigen Fälle.

TSG Hofherrnweiler

Nach dem 6. Spieltag: Sie sind nicht die Ersten, die diese Erfahrung machen: dass das zweite Jahr nach einem Aufstieg das schwerere wird. So krass hatte man sich das beim Ostalbclub allerdings nicht vorgestellt: nur ein Punkt aus den ersten sechs Spielen – dies bei 1:19 Toren. Es ist eine Negativbilanz, die eine treue Seele den Job kostet. Benjamin Bilger muss nach insgesamt fünfeinhalb Trainerjahren im Verein seinen Posten räumen.

Seither heißt der Chef Patrick Faber. Der ehemalige Oberliga-Kicker und bisherige Bilger-Assistent ist eigentlich nur als Interimslösung vorgesehen, sammelt aber mit einem 2:1-Überraschungssieg bei seinem Ex-Verein Normannia Gmünd die entscheidenden Argumente für eine dauerhafte Beförderung. Bereut hat man die Entscheidung noch nicht. Überhaupt ging die Formkurve zuletzt nach oben. Bislang bestätigt sich im Aalener Teilort eine weitere Weisheit der Branche: Neue Besen kehren gut.

SKV Rutesheim

Nach dem 8. Spieltag: Die nächste Pleiten-, Pech- und Pannenvorstellung beim 0:6 in Gmünd bringt das Fass zum Überlaufen: Jens Eng erhält beim auf den 18. Tabellenplatz abgestürzten Vorjahressechsten den Laufpass. Da helfen auch die mildernden Umstände nichts mehr. Was kann der Trainer dafür, dass beide neu eingeplanten Torjäger vor der Runde kurzfristig noch abgesprungen sind? Gemeint sind Daniele Cardinale (vom Staffelrivalen Calcio Leinfelden-Echterdingen abgeluchst) und Nesreddine Kenniche (doch weiter VfB Neckarrems). Ersatz für Eng ist schnell gefunden: Der Vorgänger wird auch zum Nachfolger.

Rolf Kramer, zuvor schon acht Jahre lang im Amt und dabei Aufstiegs­coach, erklärt sich bereit, bis zur Winterpause einzuspringen. Danach, das ist inzwischen klar, übernimmt ein weiterer „Ex“: Marcel Pfeffer, aktuell noch beim Bezirksligisten SV Gebersheimunter Vertrag, wird einsteigen. Einstweilen fällt Kramers Comeback-Bilanz ordentlich aus. Sie lautet bislang: sechs Punkte aus vier Spielen. Ob für den 39-Jährigen mehr dazukommt, hängt auch von Corona ab. Momentan weiß keiner, ob der Ball in diesem Kalenderjahr noch einmal rollt.

SV Fellbach

Nach dem 10. Spieltag: Eine weitere Finanzspritze des Hauptsponsors Wohninvest macht es möglich: Der SV Fellbach rüstet seinen Kader wie schon in der vorangegangenen Wintertransferperiode prominent auf – und avanciert so quasi über Nacht vom Vorletzten der alten Saison zu einer Mannschaft, in der manch einer gar bereits einen Geheimfavoriten auf den Meistertitel sieht. Dummerweise nur mittels Argumenten auf dem Papier, auf dem Rasen stellt sich die Sache dann anders dar. Groß ist die Ernüchterung unter dem Kappelberg, als von den ersten zehn Saisonspielen nur zwei gewonnen werden. Zu wenig, finden die Vereinsverantwortlichen inklusive erwähntem Geldgeber. Den Trainer Giuseppe Greco ereilt der Abpfiff, den Sportlichen Leiter Ioannis Tsapakidis eine zusätzliche Aufgabe. Letzterer, der zum eigenen Erstaunen trotz seines Postens nur telefonisch über Grecos Rauswurf unterrichtet wird, fungiert „bis auf Weiteres“ auch als Coach. Sein Einstand: Siege gegen Friedrichshafen und in Wangen.

TSV Heimerdingen:

Nach dem 12. Spieltag: Und nun auch noch Heimerdingen. Das Schlusslicht steht für den neuesten Eintrag auf der Schleudersitz-Liste. Der Vorstand hat entschieden: Jens Härter ist raus – was einerseits nicht überrascht. Siehe Tabellenstand. Siehe jüngstes Ergebnis: ein 0:8 gegen Hollenbach. Andererseits aber doch, schließlich schafft der Verein damit ein Novum. Eine Trainerentlassung beim Ditzinger Teilortclub? Hatte es zuvor noch nie gegeben. Aber irgendwann ist dann offenbar immer das erste Mal. Wie gesagt: unter den diesmaligen speziellen Ausgangsbedingungen wächst vielerorts die Nervosität und kommen schneller Sorgen auf. Wer Härter beerbt, steht noch nicht fest. Das will man in Heimerdingen nun in Ruhe klären. Zeit ist da. Stichwort Corona-Zwangspause.

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