Foodsharing in Gerlingen Die Lebensmittelretter werden mehr

Von Franziska Kleiner und Stefanie Köhler
Freefood verteilt in Gerlingen in der Urbanstraße Lebensmittel, die sonst im Müll gelandet wären. In Münchingen will der Fairteiler mit Essen gefüllt werden. Foto: Jürgen Bach

Karin Dullat, Klaus Gottschalk und ihr Team haben alle Hände voll zu tun. Wenn die Mitglieder des Vereins Freefood den Umbau der alten Scheune in der Bachstraße beendet haben, dann haben sie etwas für Gerlingen Besonderes geschaffen: ein Foodsharing-Café. Es soll im Herbst öffnen und Lebenswert heißen. „Wir bieten einen Platz für alle, ohne Konsumzwang“, sagt Karin Dullat. Man muss nichts bestellen. Wer dies doch tut, zahlt wenig, 50 Cent, einen Euro, man kann auch mehr geben. Die Lebensmittel, die verteilt werden, sind umsonst. Mit dem Projekt macht Freefood aus dem derzeitigen Fairteiler in der Urbanstraße – ein Sammelpunkt für Lebensmittel, die sonst im Müll gelandet wären – einen Treffpunkt. Vorbild ist die „Raupe Immersatt“ in Stuttgart, die bei der Eröffnung vor drei Jahren das bundesweit erste Foodsharing-Café war. Die genaue Ausgestaltung in Gerlingen, sagt Dullat, müsse der Verein noch besprechen.

Freefood rettet Lebensmittel vor der Tonne. „Wir können nicht verantworten, dass so viel einfach entsorgt wird“, sagt Karin Dullat. Jedes Jahr landen laut Studien bundesweit bis zu 18 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll, wirft jeder Bürger 75 Kilo weg. Bis zum Jahr 2030 will die Bundesregierung die Lebensmittelverschwendung in privaten Haushalten und im Einzelhandel halbieren.

Eine Tonne Lebensmittel in der Woche

Hauptsächlich von Unternehmen holen die Freefood-Mitglieder Lebensmittel ab, aber auch Privatpersonen können spenden. „Wir wissen vorher nie, was wir kriegen“, sagt Karin Dullat. Mal sind es Unmengen Backwaren, mal kistenweise Lauch, mal kistenweise Äpfel. „Es wird immer mehr“, sagt der Vereinsvorsitzende Klaus Gottschalk – bis zu einer Tonne in der Woche. Davon bekommt ab, wer sich anstellt.

Womit sich Freefood – wie die Foodsharing-Bewegung insgesamt – von den Tafeln unterscheidet. Während die Tafeln Lebensmittel nur an bedürftige Personen abgeben – und auch nicht überall kostenlos – und aufgrund ihres deutschlandweiten Logistiksystems große Spendenmengen verteilen können, richtet sich das Angebot von Foodsharing an Bedürftige wie Nichtbedürftige und das in zumeist kleineren Mengen. Durch die Vernetzung beider Organisationen 2015 kommt man Tafel Deutschland zufolge dem gemeinsamen Ziel, die Lebensmittelverschwendung zu stoppen, einen großen Schritt näher. Heute heißt es beim Bundesverband, die Zusammenarbeit funktioniere, eine Konkurrenz gebe es nicht.

Bedürftigkeit nimmt zu

Das sagt auch Karin Dullat aus Gerlingen. Die Tafeln hätten bei den Unternehmen Vorrang. Übrig bleibt trotzdem mehr als genug. Zurzeit kommen 50 bis 80 Menschen, wenn Freefood die Garage in der Urbanstraße öffnet. „Mehr als vor dem Krieg“, stellt die 59-Jährige fest. Sie macht Neulinge, eine steigende Bedürftigkeit und mehr Flüchtlinge aus der Ukraine in der Schlange aus. Reste von Lebensmitteln gehen am Abend an Fairteiler in der Umgebung.

Zur Mitmachzentrale im Hirsch gehört Freefood nicht mehr. Klaus Gottschalk brachte die Idee des Foodsharings nach Gerlingen, ehe im Jahr 2020 der Verein gegründet wurde mit Niederlassungen in Heilbronn und Göppingen. Nach dem Auszug aus dem Hirsch sammelten die engagierten Mitglieder die Lebensmittel erst privat im Auto ein, wo sie sie auch verteilten. Gut ein halbes Jahr lang. „Das war anstrengend“, erinnert sich Karin Dullat.

Forderung nach einem Gesetz gegen Verschwendung

Die Garage in der Urbanstraße konnte der Verein mit mittlerweile rund 55 aktiven Mitgliedern schließlich bis Herbst mieten. Nach langer Suche haben sie die Räumlichkeiten in der Bachstraße gefunden. Der Verein wünscht sich, dass mehr Unternehmen aus Gerlingen Lebensmittel spenden. Geht es nach den Tafeln und anderen Organisationen, kommt ein Gesetz gegen Lebensmittelverschwendung, wie das zum Beispiel schon in Frankreich der Fall ist. Das Thema steht beim Bund auf der Agenda.

Was sich in Gerlingen etabliert hat, beginnt in Korntal-Münchingen gerade. Für einen Fairteiler über Foodsharing Ludwigsburg hat sich der Jugendgemeinderat eingesetzt. Der Kühlschrank steht auf dem Gelände der Altenmietwohnanlage der Awo in der Schmalen Straße in Münchingen. „Wir wollen, dass die Stadt noch nachhaltiger wird“, sagt Anna Zimmer. Es sei so wichtig, Ressourcen nicht zu verschwenden. „Man kann mit kleinen Dingen anfangen“, sagt die 18-Jährige. Mit dem Fairteiler wolle man zeigen, dass der Einsatz für die Umwelt weder schwer noch aufwendig oder teuer ist.

Korntal-Münchingen sucht Helfer

Noch kennen zu wenige Menschen den Fairteiler. Das Ziel sei, dass er von Korntal-Münchingern getragen wird, sagt Anna Zimmer. Daher sucht die Jugend nun viele helfende Hände: Leute, die den Kühlschrank reinigen und Lebensmittel abholen – von im Idealfall ortsansässigen Betrieben. „Es wäre toll, wenn sich viele engagierte Korntal-Münchinger finden würden“, sagt Zimmer.

Die Kooperation zwischen Foodsharing und den Tafeln zeichnet sich auch auf lokaler Ebene im Alltag ab. Im Ditzinger Strohgäuladen hat man bereits Erfahrungen gemacht. „Bisher gibt es ein bis zwei Ehrenamtliche, die überschüssige Lebensmittel an Bedürftige verteilen und so die Entsorgung vermeiden“, sagt Frank Dettinger vom evangelischen Kirchenbezirk Vaihingen-Ditzingen. Der Strohgäuladen bedient Kunden vor allem aus dem Strohgäu, aber etwa auch aus Höfingen. „Die aktuelle Lebensmittelversorgung ist ausreichend, aber relativ knapp. Nach Ausbruch des Ukraine-Kriegs gab es eine große Zunahme an Privat-Lebensmittelspenden“, sagt Frank Dettinger. Diese sei inzwischen abgeflaut. Von Privat werden Spenden angenommen, wenn sie original verpackt sind und das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht abgelaufen ist. Weil sich durch die Ukraine-Flüchtlinge die Zahl der Kunden fast verdoppelt habe, hat der Strohgäuladen die Organisation verändert. „Um den Einkauf reibungslos zu gestalten, wurde eingeführt, dass nicht mehr alle täglich einkaufen können“, sagt Dettinger. Bedürftige, deren Nachname mit einem Buchstaben aus der ersten Hälfte des Alphabets beginnt, kaufen nun an anderen Tagen ein als jene mit Namensbeginn aus der zweiten Hälfte.

Zahl der Kunden hat sich verdoppelt

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