Lebensmittel-Rettung in Gerlingen Tausende Joghurts vor dem Müll bewahrt

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In der Mitmachzentrale wird Brot und Joghurt deponiert. Im Bild: Monika Knödler und Klaus Gottschalk Foto: factum/Jürgen Bach

Gerlingen - Klaus Gottschalk öffnet die Tür des Kühlraums. Dutzende Kartons sind darin sauber gestapelt. Ihr Inhalt: Tausende Joghurtbecher. Joghurt mit Himbeergeschmack, mit Kirsche, mit Mango, jeweils 100 Gramm. Rund 7000 Stück. Die müssen schnell weg, damit der Kühlraum wieder frei wird. Am Freitag und Samstag ist dazu eine gute Gelegenheit. An diesen Nachmittagen ist Abholzeit im Hirsch, beziehungsweise in der Abteilung Freefood der Mitmachzentrale.

Klaus Gottschalk, 50, hat sich einem besonderen Hobby verschrieben: Er rettet Lebensmittel vor dem Müll. Und gibt sie kostenlos an Menschen ab, die es nötig haben – und die sich nicht scheuen, Joghurt, Brot oder Würstchen nach dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) noch zu essen, wenn diese noch genießbar sind.

Eine besondere Einrichtung

Der Hirsch, jahrzehntelang eine beliebte Pizzeria im Ort, ist im ersten Dreivierteljahr seines neuen Bestehens zu einer besonderen Gerlinger Einrichtung geworden. Das war durchaus so geplant. Alles dreht sich darum, Menschen in der Stadt zur Mitarbeit bei Projekten zu motivieren – von der Renovierung und Einrichtung der Räume, über das Angebot von Computerkursen und die Mitfahrzentrale bis zur Rettung von Lebensmitteln. Klaus Gottschalk macht mit – und er nutzt seine Kontakte zu Firmen. Der Norddeutsche ist seit mehr als fünf Jahren Mitglied von „Foodsharing“ und in der Stuttgarter Gruppe tätig.

Gottschalk hat einen Ableger in Gerlingen gegründet und „Freefood“ genannt. Meistens donnerstags oder freitags werden die Lebensmittel gebracht, die dann am Freitag- und Samstagnachmittag von der Bevölkerung abgeholt werden können. Das ging freilich nicht von alleine. Rund zehn Personen arbeiten in der Gruppe mit. Und wer mit Lebensmitteln umgeht, muss Mindeststandards einhalten.

„Wir sind der einzige Verteiler, der die volle WKD-Abnahme hat“, erzählt Gottschalk nicht ohne Stolz. Mitte Juli war ein Fachmann des Wirtschaftskontrolldienstes (WKD), also der amtlichen Lebensmittelüberwachung, zur Beratung im Hirsch. Danach wurden Nebengebäude zu ordentlichen Lagern hergerichtet, mit Regalen, vorschriftsmäßigem Wand- und Bodenbelag, Arbeitsflächen und Handwaschbecken ausgestattet. Auch für kühlpflichtige Artikel gibt es genug Platz.

Kein sortierter Supermarkt

Und es wurde eine Struktur eingerichtet für die Abgabe der Lebensmittel: Freitags ist von 12 bis 21 Uhr geöffnet, samstags von 12 bis 18 Uhr. „Freefood“ ist aber kein wohlsortierter Supermarkt: Es gibt, was da ist. Auch zu den Tafelläden gibt es Unterschiede. „Die Tafeln wollen jene Menschen mit Lebensmitteln versorgen, die es sich nicht leisten können, normal einzukaufen. Wir wollen Lebensmittel retten, die weggeworfen würden“, erklärt Andreas Käde, der auch für andere Angebote im Hirsch aktiv ist.

Als Grundsatz gilt: „Wir nehmen nicht mehr an, als wir lagern können.“ Von wem? Firmennamen sind tabu – denn die meisten Hersteller wollen nicht, dass ihr Name in diesem Zusammenhang in der Öffentlichkeit bekannt wird. Denn die Mengen der Überproduktion beschränken sich nicht immer auf wenige Kartons.

Die Maßeinheit ist meist die Europalette – also Hunderte bis Tausende Packungen pro Artikel. So waren von den Joghurtbechern rund 80 000 Stück geliefert worden. „Wir können selbst entscheiden, was und wie viel wir annehmen“, erläutert Klaus Gottschalk, „nichts wird ungefragt auf den Hof gestellt.“ Auch dieser Grundsatz sei einer der Unterschiede zu den Tafelläden. Wenn es zuviel fürs Verteilen in Gerlingen ist, gibt er Ware weiter an andere Foodsharing-Stationen.

MHD individuell sehen

Das MHD wird bei Freefood nicht so eng betrachtet wie in Supermärkten. „Man muss das für jeden Artikel individuell sehen“, sagt Gottschalk. Alle erhitzten Milchprodukte würden lange über das MHD hinaus halten. Eines sollten die Gerlinger wissen: Die Mitarbeiter von Freefood kontrollieren alles. „Bestimmte Waren wie Fisch und unverpacktes Fleisch nehmen wir nicht an, auch nichts, was angefault oder angeschimmelt ist.“ Und sie sagen jedem, er solle die Dinge probieren und nutze sie auf eigenes Risiko.

Jetzt hoffen sie im Hirsch nur, dass sich weitere Betriebe zum Mitmachen entschließen. Denn die Abgabe an Menschen, die Lebensmittel verwerten, sei besser als die Lieferung in Biogasanlagen.

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