Christian Walter im Interview Arbeitet er noch als Lehrer?

Von Florian Mader

Was machen Sie bis zum 2. November? Arbeiten Sie nochmals als Lehrer?

Ich bin in Abstimmung mit dem Regierungspräsidium. Den Brief mit dem Antrag auf mein Ausscheiden habe ich heute abgeschickt. Davor werde ich noch ein paar Wochen unterrichten. Ich werde auch diese Woche noch bei der Stadt Stuttgart beantragen, dass ich als Gemeinderat Anfang November ausscheide.

Es gibt im September nochmals Gemeinderatssitzungen. Wollen Sie da jetzt schon Einfluss nehmen?

Inhaltlich möchte ich keinen Einfluss nehmen, Herr Schreiber ist noch bis Anfang November im Amt. Ich erwarte aber schon, dass jetzt kurz vor Beginn meiner Amtszeit nicht noch ganz große Entscheidungen gefällt werden.

Was gehen Sie dann als erstes an?

Das sind Projekte, die automatisch auf mich zukommen. Die Entscheidung beim Schul-Campus steht in diesem Jahr an. Dann kommen der Lärmaktionsplan, das Radwege-Konzept und die Gründung der Stadtwerke. Was ich von meiner Seite aus schnell angehen möchte, ist die Informationspolitik und Bürgerbeteiligung. Da bewirkt man mit kleinen Bausteinen viel.

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Also zum Beispiel die App, wie in Tübingen, mit der Bürger über Themen abstimmen können. Welche Frage könnte man da an die Bürger stellen?

Wir könnten fragen, ob in den Teilorten Tempo 30 gewünscht ist…

…ich ahne die Antwort…

…na, ja, das kommt darauf an. Wenn man Auswärtige fragt, ist die Antwort „Nein“. Wenn man Anwohner fragt, ist die Antwort „Ja“. Für den Diskussionsprozess ist es dann spannend zu sehen, ob alle dafür sind oder nur die, die vom Lärm betroffen sind. Es ist dann auch eine Hilfe für die Kommunalpolitik, um Streit zu befrieden. Die Entscheidung, eine Frage an die Bevölkerung abzugeben, trifft aber der Gemeinderat.

Sie sind jetzt Chef von 400 Mitarbeitern. Fühlen Sie sich dem gewachsen?

Viel ist eine Frage des Menschlichen und Zwischenmenschlichen. Über verwaltungsrechtliche Aspekte der Personalführung werde ich mich in den nächsten Wochen sicherlich noch informieren. Es ist aber auch klar, dass ich nicht am ersten Tag alle 400 Mitarbeiter persönlich kennenlerne. Meine Ansprechpartner werden zunächst die Amtsleiter sein.

„Kein Vorwurf an die Mitarbeiter“

Was haben Sie bislang für einen Eindruck von der Stadtverwaltung?

Ein gemischtes Bild. Sicherlich hat sich in den letzten acht Jahren viel zum Positiven gewendet, es wurde ja auch Personal aufgebaut. Es gibt aber bei Bürgerinnen und Bürgern Unverständnis über gewisse Prozesse. Ich traue mir aber von außen noch nicht zu, zu sagen, woran das genau liegt. Ich möchte schon nochmals ein Augenmerk auf die Verwaltung als Dienstleisterin setzen. Das ist kein Vorwurf an die Mitarbeiter.

Die Grünen hatten Sie als ihren Kandidaten präsentiert. Später haben Sie Ihre Parteilosigkeit betont. Wie grün ist der neue Weiler Bürgermeister?

Ich teile mit den Grünen gewissen Themen. Zum Beispiel das Mega-Thema Stadtwerke, die in meinen Augen ein Ansprechpartner für Bürger bei der Energie- und Wärmewende sein sollen. Aber eben alles mit Augenmaß und pragmatisch. Es gibt gewisse Vorbehalte gegenüber den Grünen, Stichwort Verbots-Partei. Ich glaube, ich konnte im Wahlkampf zeigen, dass ich trotz dieser Themen Pragmatiker bin. Ich will keine Autos verbannen, sondern Alternativen fördern.

Wobei das manche Partei-Mitglieder als beleidigend empfinden, wenn man sie in die ideologische Ecke stellt.

Ich denke, die Grenze verläuft auch nicht zwischen ideologisch und pragmatisch. Als Partei-Mitglied signalisiert man aber eine gewisse Unterstützung der Landes- und Bundespolitik, für die ich als Kommunalpolitiker nicht in Mithaftung genommen werden will.

Ein Gegenbeispiel wäre Bürgermeister Schreiber, der vor anderthalb Jahren der CDU beigetreten ist. Selbst die Freien Wähler waren dann beeindruckt, was er mit innerparteilichen Netzwerken alles für die Stadt erreicht hat.

Ich habe ein Bild von Politik und Verwaltung, dass auch bei höheren Ebenen nicht das Parteibuch im Vordergrund steht. Aber durch meine bisherige Arbeit im Gemeinderat habe ich auch Netzwerke in Stuttgart.

24/7 digital erreichbar sein

Traditionell kümmert sich der Bürgermeister um jedes Schlagloch selbst. Sucht da gerade Ihre Generation nach einem neueren Bild des Bürgermeisters, der auch ein Privatleben hat?

Wir müssen die Chancen der Zeit nutzen. Ich muss heute nicht mehr im Rathaus übernachten, ich denke, es reicht, wenn ich digital 24/7 erreichbar bin. Aber natürlich ist das Bürgermeister-Amt ein stressiger Job.

Sie wirken immer sehr ruhig und besonnen. Was bringt Sie auf die Palme?

(schmunzelt) Da gibt es sicherlich was. Meine Emotionen und Aggressionen lebe ich lieber im Handball aus – auch wenn ich es die letzten zwölf Wochen nicht ins Training geschafft habe.

Sie wollen jetzt nach Weil der Stadt ziehen. Am Anfang des Wahlkampfs haben Sie sich noch etwas skeptisch geäußert und gesagt, ein Bürgermeister könnte auch außerhalb wohnen, um sich seinen neutralen Blick zu bewahren.

Ja, ich wollte erst die Stimmung der Bevölkerung abwarten. Fast alle erwarten es aber, dass der Bürgermeister vor Ort wohnt. Ich selbst sehe inzwischen auch die Vorteile, auch wenn ich mich noch nicht auf einen Zeitpunkt festnageln lassen will. Für nächstes Jahr habe ich den Umzug ganz oben auf der Agenda.

Und zum Schluss was für die Sparte Vermischtes: Dürfen die Weil der Städter sich in den nächsten acht Jahren auf eine Bürgermeister-Hochzeit freuen?

Hm, da gehören ja zwei dazu. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist gegeben, ich bin optimistisch.

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