75 Jahre TSV Korntal Das Jubiläum findet in aller Stille statt

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Gesellig geht es zu beim Ausflug der AH-Fußballer 1954 in die Schweiz. Foto: privat

Korntal-Münchingen - Es ist nicht so, dass Roman Graser und sein Team niemals die Hoffnung gehabt hätten, den 75. Geburtstag des TSV Korntal feiern zu können. „Es gab durchaus Planungen für das Jubiläum“, erklärt der Vorsitzende des Vereins. Doch letztendlich zieht sich die Coronapandemie zu lange hin, um den freudigen Anlass gebührend zu feiern. „Wir wollen keinen Online-Geburtstag, sondern ein Sommerfest für alle vor Ort auf unserem Sportplatz“, führt Graser weiter aus. Das wird jetzt aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. „Dann laufen die Festivitäten einfach unter dem Namen 75 plus eins oder zwei“, sagt Graser schmunzelnd.

Tatsächlich kann der Vereinsvorsitzende in mancher Hinsicht durchaus positiv gestimmt sein. „Wir haben im vergangenen Jahr zwar 70 Mitglieder verloren, doch keiner ist wegen der Coronapandemie ausgetreten“, freut er sich. Dass der TSV zum 1. Januar nur noch 1101 Mitglieder zählte, sei an der natürlichen Fluktuation gelegen. „Es sind mehr Menschen weggezogen oder haben sich umorientiert als neue Mitglieder eingetreten sind“, erläutert Graser, der sich freut, dass rund die Hälfte der 1101 TSV’ler Kinder und Jugendliche sind. Die Jugendarbeit soll auch in Zukunft ein Schwerpunkt des Vereins bleiben. „Mit unserem Jugendkonzept wollen wir alle Abteilungen in Sachen Kinder und Jugendliche unterstützen“, erklärt Graser.

Besatzer müssen zustimmen

Junge Männer haben auch bei den Anfängen des Vereins eine große Rolle gespielt. Am 26. März 1946 trafen sich 123 Männer und Frauen zur Gründungsversammlung des TSV Korntal im Gemeindegasthaus Landschloss. In deutscher und englischer Sprache stellte der Erste Bürgermeister Willi Seibold ein Gesuch an den Landrat des Kreises Leonberg und an das „Office of Military Government“ zur Eintragung des Vereins. Es dauerte allerdings bis November 1946, ehe die amerikanischen Besatzer ihre Zustimmung zur Eintragung des TSV ins Vereinsregister gaben. „Nichtsdestotrotz hatte der Verein schon im April 1946 mehr als 320 Mitglieder“, weiß Vereinsmitglied Klaus Hilbert, der die Original-Mitgliederliste der Gründungsversammlung von 1946 auf einem Flohmarkt in Friedrichshafen erworben hat.

Der 77-Jährige, der im TSV Zweiter Vorstand, Technischer Leiter, Jugendtrainer und Schiedsrichter war, ist Hobbyhistoriker und bezeichnet sich selbst als den „heimlichen Archivar“ des Vereins. Er weiß nicht nur, dass der Vereinsbeitrag zu Beginn eine Reichsmark betrug (für Jugendliche die Hälfte), und dass im Herbst 1946 schon „140 Erwachsene über 15 Jahre“ und 214 Jugendliche Vereinsmitglieder waren, sondern kann auch so manche Anekdote aus der Vereinshistorie beisteuern. „Nach dem Krieg wollten sich die Heimkehrer sportlich betätigen, was im pietistischen Korntal gar nicht so leicht war“, erzählt er.

5:4-Sieg bei der Premiere

Das erste Spiel bestritten die Fußballer des TSV Korntal bei einer so genannten Werbeveranstaltung im Juni 1946 gegen die SG Weilimdorf und feierten einen 5:4-Sieg. „Weil es damals noch keinen Sportplatz in Korntal gab, wurde auf dem Tachenberg gekickt, wo heute der Tennisverein seine Heimat hat“, weiß Hilbert. Zum Duschen seien die Fußballer ins nahe gelegene Malergeschäft Pfleiderer gegangen.

Die AH-Fußballer können nicht nur kicken, sondern auch feiern. Foto: privat
Gleich zwei bemerkenswerte Geschichten kann Klaus Hilbert aus dem Jahr 1954 beisteuern: Zum einen machte eine Gruppe der AH-Fußballer einen Ausflug in die Schweiz und verfolgte dort einige Spiele der deutschen Nationalmannschaft, der am Ende mit dem Finalerfolg gegen Ungarn das Wunder von Bern gelingen sollte. Zum anderen gibt es Bilder von einem Besuch der Universitätsmannschaft des CF Barcelona in diesem Jahr in Korntal. „Das war vermutlich die Gegeneinladung der Uni Stuttgart, die zuvor in Barcelona zu Gast war“, vermutet Hilbert.

Nationaltrainer von Togo

Dank der Universität Tübingen kann der TSV Korntal sogar den Trainer einer Fußballnationalmannschaft zu seinen Vereinsmitgliedern zählen. Der ehemalige TSV-Jugendspieler Rainer Willfeld, der später Dozent am Institut für Sportwissenschaften war, trainierte sechs Jahre lang die Nationalelf von Togo. Zum Bundesligatrainer avancierte Robin Dutt, der von 1985 bis 1987 und nochmals von 1988 bis 1990 für den TSV Korntal in der Bezirksliga auf Torjagd gegangen war.

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Bekannte Namen gab es auch in anderen Abteilungen. So schlug mit Friedemann Wagner ein ehemaliger Bundesligaspieler (TTC Reutlingen) für die Tischtennisabteilung des TSV Korntal auf. Diese wurde 1947 gegründet und ist neben im TSV Fußball und Handball eine der ältesten. 1949 kam die Leichtathletik dazu. Auch eine Schachabteilung gab es bereits 1947, diese wurde aber 1964 aufgelöst – ebenso wie die Fechtabteilung, die in den 1950er-Jahren eine große Anhängerschaft hatte. Zu den jüngeren Abteilungen zählen da schon Volleyball (1977) und Badminton (1982). „Abgesehen vom Fußball gibt es kaum noch historische Unterlagen aus anderen Abteilungen“, bedauert Hilbert. Einiges sei bei zwei Wasserschäden im Vereinsheim vernichtet worden.

Bundesligahandballer in Korntal

Überörtliche Aufmerksamkeit erfährt der TSV Korntal heute vor allem bei den so genannten Rixe-Spielen der Handballabteilung, die zu Ehren ihres im Rollstuhl sitzenden ehemaligen Trainers und Abteilungsleiters Jörg Riexinger prominente Handballteams wie die Rhein-Neckar-Löwen, die HBW Balingen-Weilstetten oder die SG BBM Bietigheim zu Benefizspielen nach Korntal lockt. Den hochklassigsten Sport bietet die Badmintonabteilung, die SG Feuerbach/Korntal spielt in der vierthöchsten deutschen Spielklasse in der Baden-Württemberg-Liga.

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Und es gibt auch zwei ganz junge Abteilungen beim TSV, mit denen neue Mitglieder erschlossen werden können. Seit Herbst vergangenen Jahres gibt es Drohnensport, seit 2019 eine Steeldart-Mannschaft. „Nur die Coronapandemie hat verhindert, dass das Dart-Team nicht gleich in der ersten Saison aufgestiegen ist“, berichtet Roman Graser. Aber vielleicht kann der TSV das Jubiläum ja in ein oder zwei Jahren gleich zusammen mit dem Aufstieg feiern.

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