Woll-Studio in Leonberg Selbstgestricktes ist im Kommen

Von Nathalie Mainka
Heiderose Schwenk „lebt ihren Laden“, verkauft nicht nur die Wolle in allen Farben und Materialien, sondern gibt ihren Kunden auch handwerkliche Tipps. Foto: Simon Granville

Leonberg - Ihr Woll-Studio, das sie im Leo-Center nun schon mehr als 44 Jahre führt, hält die Inhaberin Heiderose Schwenk definitiv jung und geistig fit. Sie verkauft ihren Kundinnen – auch einige strickende Männer finden den Weg zu ihr ins Geschäft – nicht nur das Material, sondern steht ihnen mit Rat und Tat beiseite. Wie etwa der Dame mittleren Alters, die gerade mit dem fertig gestrickten Rückenteil ihrer Jacke zu ihr in den Laden kommt und nicht weiß, wie sie weitermachen soll. „Ohne die Tipps von Frau Schwenk wäre ich verloren“, sagt sie fast entschuldigend.

Stricken ist Mathematik und Kreativität

Gemeinsam schauen sie sich die zuvor erstellte Skizze mit allen Maßen und der benötigten Zahl der Maschen an und vergleichen dann, ob bislang alles richtig umgesetzt wurde. „Die erste Voraussetzung für das Stricken ist Mathematik, um die optimalen Maße berechnen zu können. Der Rest ist Kreativität“, sagt Heiderose Schwenk, die vor vielen Jahren ihr Hobby zum Beruf machte. „Sie leben Ihren Laden“ – das ist eines der schönsten Komplimente, das sie einmal von einer Kundin bekommen hat.

Die mittlerweile 76-Jährige stammt aus Balingen und wächst in einer kreativen Familie auf. Schon als Kind beginnt sie, animiert von der Mutter und der Oma, mit dem Stricken und Häkeln. Auch die Tante teilt das Hobby. Der Opa ist Schneidermeister. So liegt es nahe, dass sie nach der Schule die private Hohenstein Academy in Bönnigheim besucht, um Modedesign zu studieren. Dort, wo ein Semester über ihr auch der Designer, Filmemacher und Skirennläufer Willy Bogner sein Handwerk erlernt.

Eine winzige Anzeige gibt vor 44 Jahren den Anstoß

Nach dem Studium arbeitet Heiderose Schwenk in verschiedenen Bekleidungsfirmen, erstellt Schnitte und entwirft Mode. Bis sie in einer Fachzeitschrift eine winzige Anzeige erblickt: Eine französische Wollfirma sucht Interessenten, die deren Produkte in einem Laden verkaufen wollen. „Ich wusste, das ist es“, erinnert sich Schwenk. Eine Woche später führt sie bereits Gespräche. Im Leo-Center, das zu diesem Zeitpunkt bereits seit vier Jahren besteht, ist dann auch die ideale Verkaufsfläche gefunden. „Ich kannte Leonberg damals nur vom Vorbeifahren, und anfangs, bis ich eine Wohnung gefunden hatte, bin ich von Balingen nach Leonberg durch den Schönbuch gependelt, da gab es die A 81 noch gar nicht.“

Im Leo-Center organisiert sie die erste Modenschau für ihre Kunden. „Da habe ich viele Nächte durch gestrickt. Das Schöne daran ist, das Teil entstehen zu sehen.“ Auch die Auslagen für die Schaufenster fertigt sie selbst. Besonders ins Auge stechen die Pullis und Jäckchen für Kinder in den buntesten Farben, verziert mit originellen Knöpfen. Die Leute sollen sehen, wie das Produkt aussieht, wenn es verarbeitet ist. Die Regale im Laden sind voller Wollschätze, in allen möglichen Materialien und Farben. Heiderose Schenk hat sich auf Naturfasern spezialisiert. Kaschmir, Mohair, Merino, Kamel, Seide, Hanf oder Baumwolle. Die edelste Sorte stammt von einem Vicuña, das zur Familie der Kamele gehört und in den Hoch-Anden Südamerikas zuhause ist. Vicuñas haben ein besonders weiches, seidig glänzendes Fell, das in seiner Feinheit sogar Kaschmirwolle übertrifft. Beim Scheren kommen je Tier nur etwa 150 Gramm Wolle zusammen, von denen nur wenig genutzt werden kann, was wiederum den hohen Preis der Vicuña-Wolle bestimmt. „25 Gramm kosten 198 Euro“, sagt Schwenk und öffnet ein Kästchen mit zwei dieser besonderen Knäuel. Da beim Färben oder Bleichen die Qualität der Fasern leiden würde, gibt es die luxuriöse Wolle nur in einer fast weißlichen Farbe vom Bauchhaar sowie in Hellbraun vom Rückenhaar.

Die teuerste Wolle kostet 198 Euro

Zum Thema Internet-Konkurrenz hat Schwenk ihre eigene Philosophie. „Wer sich bei mir Wolle in dieser Qualität aussucht, möchte sie spüren, die Originalfarben unmittelbar sehen.“ Auf ihrem Verkaufstisch experimentiert die Geschäftsfrau gerne mit den Knäueln, immer auf der Suche nach den besten Farbkombinationen. Heiderose Schwenk hat viele Stammkunden – von der Schweiz bis in den Norden Deutschlands – auch schon in dritter Generation. „Leider fehlt mir seit Corona die Laufkundschaft im Leo-Center.“ Andererseits hat sie durch die Pandemie auch wieder neue Kunden gewonnen. Etwa Abiturienten, die mit dem Stricken begonnen haben. Und das Thema Nachhaltigkeit hat eine große Bedeutung gewonnen. „Gestrickte Kleidung für Babys und Kinder ist wieder im Kommen.“

In diesem Jahr blickt Heiderose Schwenk auf 45 Jahre in ihrem Woll-Studio zurück. Wie lange sie noch für ihre Kundinnen da sein wird, weiß nur sie allein. Schon jetzt ist sich die Geschäftsfrau ganz sicher: „Ich werde die Begegnungen mit den Menschen vermissen, wenn ich meinen Laden irgendwann schließe.“

Tierschutz an erster Stelle

Prädikat
Ihre Ware bezieht Heiderose Schwenk ausschließlich von einem Schweizer Lieferanten, der die Wolle in europäischen Spinnereien produzieren lässt. Enorm wichtig ist der Geschäftsfrau das Prädikat ihrer Merino-Wolle. „No mulesing“ ist ein Nachweis dafür, dass keinem Schaf die Haut rund um den Schwanz in einem schmerzhaften Verfahren entfernt wurde, um einen Befall mit Fliegenmaden zu verhindern.

Natur „Die Ansprüche der Kunden sind gestiegen, da akzeptieren sie den entsprechenden Preis“, sagt Schwenk. Selbst die Stricknadeln, die sie verkauft, sind Naturprodukte aus Bambus oder Olivenholz.

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