Windkraft Im Heckengäu weht es stärker als gedacht

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Die Bedingungen für Windkraft ändern sich derzeit. Foto: dpa

Stuttgart - Das Aufatmen der Heimsheimer war bis Weil der Stadt zu hören. Erst vor zwei Monaten hatte der Weiler Gemeinderat von seinem Ansinnen Abstand genommen, im Merklinger Wald, direkt auf der Grenze zur Nachbarstadt, Windkraft-Anlagen zu errichten.

Dieses Kapitel könnte nun doch nicht ganz abgeschlossen sein. Denn der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) hat sich jüngst ebenfalls des Themas Windkraft angenommen. Und das birgt einige Überraschungen – sowohl das Potenzial der Windkraft als auch den Artenschutz betreffend.

Auf den Artenschutz hatte sich der Weil der Städter Gemeinderat bezogen. Ein Gutachten wies den Rotmilan nach, der bislang noch streng geschützt ist und eine Genehmigung verunmöglicht hätte.

Dass daran viele Windanlagen scheitern, hat nun offenbar auch Unterstellers Haus festgestellt. „Es gibt aktuelle Hinweise darauf, dass die Bestände dieser Vogelart höher sind“, berichtete der Umweltminister jüngst vor Fachvertretern.

Wie viele Rotmilane gibt es tatsächlich?

Seine Landesanstalt für Umwelt prüfe deshalb derzeit die tatsächliche Milanpopulation im Land. Sollten sich dann viele Vögel finden, könnten sich die Regelungen ändern, sagte der Minister und kündigte an: „Damit würde neuer Raum für die Realisierung von Windenergieprojekten entstehen.“ Wann die Prüfung fertig ist, konnte Unterstellers Sprecher auf Nachfrage unserer Zeitung nicht konkretisieren.

Und das ist nicht das einzige, was sich in Sachen Windkraft derzeit tut. Noch mehr Auswirkungen könnte der neue Windatlas haben, den Franz Untersteller ebenfalls vergangene Woche vorgestellt hatte. Auf Basis der neuen wissenschaftlichen Methoden ist darin dargestellt, an welchem Punkt im Land wie kräftig der Wind weht.

Der vorige Atlas stammte aus dem Jahr 2011. Zuständig für die Ausweisung von Gebieten, die für Windkraft geeignet sind, sind in Baden-Württemberg die Regionalverbände. Und dort brüten nun seit einer Woche die zuständigen Experten an dem neuen Windatlas. „Der bringt einige Neuerungen mit sich“, sagt Thomas Kiwitt, der Technische Direktor des Verbands Region Stuttgart. „Vor allem für die Kreise Böblingen und Ludwigsburg sieht er sehr viel mehr Potenzial vor.“

Das ist eine große Änderung im Vergleich zu 2011. Denn damals hatte man gedacht, dieser nord-westliche Teil der Region Stuttgart liege im Windschatten des Schwarzwaldes. Das scheint nicht so zu sein. „Vor allem entlang der Kreisgrenze Böblingen-Ludwigsburg gibt es jetzt einige Standorte, die für uns in dieser Qualität neu sind“, berichtet Kiwitt.

Wie es weitergeht, steht noch nicht fest

Seit 2012 sitzt sein Verband an der Suche nach Windkraft-Gebieten. 96 Standorte wurden damals ins Auge gefasst, davon sind mittlerweile nur noch 34 übrig geblieben. Der einzige im Kreis Böblingen ist jener Merklinger Wald, der allerdings seit dem Rotmilan-Gutachten ebenfalls fraglich ist.

Ob nun das Verfahren komplett neu aufgerollt wird und der Verband Region Stuttgart die Suche nach den sogenannten „Windvorranggebieten“ von vorne beginnt, kann Thomas Kiwitt noch nicht sagen. Er werde das prüfen, im Herbst werden sich dann die jetzt neu gewählten Regionalräte mit dem Thema befassen, kündigt er an.

Ähnliches sagt auch Matthias Proske, der Direktor des Nordschwarzwälder Regionalverbands, zu dem der Enzkreis gehört. Auch in seinem Bereich gibt es Veränderungen. „Die Höhenlagen des Schwarzwaldes sind nun noch interessanter als zuvor“, sagt Proske.

Aber auch im westlichen Enzkreis gebe es einige, sehr interessante Flächen, berichtet er nach einem ersten Blick in den neuen Windatlas. Das gelte auch für Heimsheim. Großen Protest gibt es dort. Die Kritiker betonen unter anderem, in einem windschwachen Gebiet zu leben. 215 Watt ist die Grenze zur Wirtschaftlichkeit. Dort wehen bis zu 250 Watt. „Dass der Standort also geeignet ist, hat sich bestätigt“, sagt Proske. Das Rotmilan-Gutachten habe er zur Kenntnis genommen. „Wir weisen natürlich nur Gebiete aus, die Aussicht auf Genehmigung haben“, sagt er dazu. „Deshalb ist jetzt die Frage, ob das Land die Bewertungskriterien für den Milan ändert.“

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