Wilhelmine und Leopold Drescher Eine Eiserne Hochzeit ohne Umarmung

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Leopold Drescher kann seine Frau gerade nur unter erschwerten Bedingungen sehen, denn sie lebt im Pflegeheim. Foto: Brunhilde Arnold

Renningen - Feiern in Zeiten von Corona ist schwierig genug. Eine Eiserne Hochzeit zu feiern ist doppelt schwierig, wenn einer der beiden Brautleute im Pflegeheim lebt. Das sind die Rahmenbedingungen für Wilhelmine und Leopold Drescher, wenn sie heute ihr 65-jähriges Ehejubiläum begehen.

Die beiden 91-Jährigen hatten eigentlich ein richtiges Fest geplant. Doch die Ehefrau Wilhelmine lebt nach einem Sturz nun seit drei Jahren im Pflegeheim. Wegen der Corona-Beschränkungen wird es nur eine ganz kleine Zusammenkunft der engsten Familienangehörigen bei Kaffee und Kuchen geben. „Eine richtige Festtagstorte werden wir auf jeden Fall haben“, sagt die Tochter Claudia Feyl, die mit Mann und Sohn zusammen mit dem Vater im Haus in Malmsheim wohnt.

Dass Leopold Drescher überhaupt ans Feiern denken kann, dahinter stand vor gut zwei Monaten noch ein großes Fragezeichen. Denn an Ostern war bei einem Test das Corona-Virus in der Familie festgestellt worden. Leopold Drescher, Tochter, Schwiegersohn und Enkel gingen sofort in Quarantäne. Aber außer einem eingeschränkten Geschmacks- und Geruchssinn hätten sie keine Beschwerden gehabt, erzählt Claudia ­Feyl. Auch kein Fieber. Lediglich ihr betagter Vater hätte zwei-, dreimal etwas unter Atemnot gelitten. Schon seit Wochen ist die Familie wieder wohlauf.

Vor dem Lockdown waren sie täglich zusammen

Aber Leopold Drescher hadert trotzdem mit Corona. Vor dem Lockdown, bevor Krankenhäuser und Pflegeheime für Besucher geschlossen wurden, war er täglich bei seiner Frau – vom Mittagessen bis nach dem Abendessen. „Ich bin immer so lang wie möglich bei ihr geblieben, habe ihr auch beim Essen geholfen. Und wir sind viel zusammen spaziergengegangen“, erzählt er.

Seit beinahe 70 Jahren kennen sich die Eheleute schon. Sie stammen zwar beide aus der gleichen Gegend in Tschechien, die sie nach dem Krieg verlassen mussten. Aber zum ersten Mal begegnet sind sie sich bei einer Faschingsfeier in Rutesheim Anfang der 50er Jahre. Seine spätere Frau Wilhelmine hatte damals schon in Malms­heim gelebt, Leopold Drescher in Perouse. 1955 heirateten die beiden. Leopold Drescher erinnert sich noch lebhaft an die erste gemeinsame Wohnung in der Lammstraße, im ehemaligen Gasthaus Lamm in Malms­heim. „Da war es manchmal so kalt, dass der Raureif innen an den Wänden hing“, erzählt er.

Auch die Hochzeit vor 65 Jahren hat Leopold Drescher noch genau vor Augen. Weil es in Malmsheim damals noch keine katholische Kirche gab, wurde das Paar in der Kirche Peter und Paul in Weil der Stadt getraut. „An unserem Hochzeitstag hatten wir Bombenwetter. Abends zog dann ein heftiger Gewittersturm auf und der Strom fiel aus. Wir mussten für unsere Hochzeitsfeier noch Kerzen besorgen“, erinnert er sich schmunzelnd. Auf dem Hochzeitsfoto, das Leopold Drescher und seine Wilhelmine zeigt, ist der üppige Brautstrauß mit Nelken und Asparagus zu sehen. „Diesen Strauß haben wir für die Goldene Hochzeit 2005 noch einmal machen lassen“, erzählt Tochter Claudia Feyl. Und auch zur Eisernen Hochzeit wird es wieder einen solchen Strauß für die Braut geben. Ohne Corona hätte man vielleicht auch in den Gottesdienst gehen können.

Beteiligt am Aufbau der katholischen Martinuskirche

Leopold Drescher hat sich in Malms­heim am Aufbau der katholischen Martinuskirche beteiligt und war später auch bei der Renninger Krippe ehrenamtlich tätig. Er war im Kirchengemeinderat aktiv und hat eine Geschichte der katholischen Gemeinde in Malmsheim geschrieben.

Beruflich arbeitete der gelernte Wagner zunächst in Ditzingen als Glaser und Schreiner und dann 32 Jahre bei der Leonberger Firma Geze. Seine Frau war erst halbtags, später ganztags ebenfalls berufstätig. Das Ehepaar hat zwei Töchter und zwei Enkelkinder. Fast alle wohnen im Ort oder in der näheren Umgebung. „Wir sind familiär eng verbunden“, betont die Tochter Claudia. Dass ihr 91-jähriger Vater auch bald ins Heim gehen könnte, sieht sie nicht. „Er ist noch zu aktiv und muss rausgehen können.“ Und ihr Vater ergänzt augenzwinkernd: „Ich bin noch zu jung.“

Leopold Drescher hofft, dass er seine Frau Wilhelmine bald wieder regelmäßig sehen und ihr nahe sein kann. „Vor allem sollte man sich mal wieder in den Arm nehmen können“, wünscht er sich. Zur Zeit treffen sie sich in einem Raum mit einer Plastikwand dazwischen. Seine Frau, die nicht mehr gut hört und sieht, sei ziemlich deprimiert, weil sie die Corona-Situation nicht mehr so gut einschätzen könne, erzählt er. „Wenn Corona vorbei ist, versuche ich, wieder mehr Kontakt zu meiner Frau zu bekommen“, betont Leopold Drescher. Dann will er sie wieder mit dem Rollstuhl durch den ganzen Ort schieben und ab und zu mal im Café eine kleine Pause einlegen.

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