Weissacher Künstler Fero Freymark bekommt eigene Ausstellung zum 80.

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In der Federzeichnung „Die Ostsee bei Danzig“ erinnert sich Freymark an seine Mutter. Im Hintergrund ist ein Werk zu sehen, in dem er sich ebenfalls mit dem Meer beschäftigt, aber auf eine mehr strukturalistische Weise. Foto: /Simon Granville

Pforzheim - Die Ausstellung „Nachlese“ in der Pforzheimer Galerie spannt den Bogen vom kleinen Holzschnitt „Heilige Familie“ von 1964 bis zu aktuellen Werken. Die Pforzheimer Kunsthistorikerin Regina M. Fischer hat die Ausstellung kuratiert und erzählt, was sie an Fero Freymark fasziniert, der bis heute in Flacht lebt und in der Weissacher Ölmühle arbeitet. Die Ausstellung läuft bis Mai – falls sie bis dahin öffnen darf.

Frau Fischer, wir sehen hier Skulpturen und Gemälde. Ist Fero Freymark mehr Maler oder mehr Bildhauer?

Ich muss zugeben, ich selbst hatte ihn immer als Bildhauer im Kopf. Aber wenn man eine Auswahl für eine solche Ausstellung trifft, merkt man, wie wichtig er als Maler – und auch als Zeichner – ist. Es wurde mir jetzt selbst nochmals bewusst, dass es immer den Bezug vom einen zum anderen gibt.

Fero Freymark sagt, er ist Strukturalist. Was meint er damit?

Für ihn sind Strukturen wichtig, nicht nur die Fläche oder das Volumen. Ich würde das als Linienstrukturen oder Liniengefüge bezeichnen. Das ist eine Art von Konstruktion, die er in seinen Arbeiten etabliert. Das Motiv der Stühle taucht auch immer wieder in seinem Werk auf. Wenn man einen Stuhl von seiner Funktion des Sitzens löst, ist er genau eine solche Konstruktion: Linien und Streben, die sich durchdringen und verdichten.

Was ist sein Hauptthema?

Fero Freymark hat schon in den 70er-Jahren Frankreich entdeckt, vor allem die Provence. Er hat sich dann 1984 ein Atelier in Gordes eingerichtet und dort die Steinbrüche beobachtet – sein ganz großes Thema. In Gordes gibt es viele Sandsteinbrüche. Dort wird gesprengt und im Anschluss fallen die Blöcke übereinander. Er hat festgestellt: Wenn die Steinblöcke daliegen, ist das schon fast eine Skulptur.

Immer nur ein paar Steine. Wird das nicht langweilig?

Man könnte auch denken: Die Steine bilden immer ein Verhältnis verschiedener Volumen zueinander. Wie großartig ist es denn zum Beispiel, wenn ein großer Stein auf einem kleinen Stein balanciert? Nach solchen Beobachtungen sind viele seiner Skulpturen entstanden. Auch seine Zeichnungen dazu bilden die Verwerfungen und Vor- und Rücksprünge in den Steinbrüchen ab.

Haben Sie hier in der Ausstellung auch jüngere Arbeiten?

Ja, wir haben Arbeiten von 2020. Zum Beispiel die Spirale „Der Tanz“, die im Zusammenhang mit einem Brunnenentwurf entstanden ist. In Pforzheim war ein Wettbewerb für einen Brunnen in der Fußgängerzone ausgeschrieben, an dem sich Fero Freymark beteiligt hat. Wie Wasserstrudel oder Wellen ist diese kleine Skulptur gebogen.

„Der Tanz“ ist eine geschweißte Eisenblech-Arbeit: Macht er das alles selbst?

Ja, für Fero Freymark als Künstler ist der Schaffensprozess ganz wichtig. Die meisten seiner Skulpturen sind allerdings gegossen, und das kann er nicht selbst. Aber er ist immer in der Gießerei mit dabei, auch wenn die Arbeiten in den Werkstätten in einem weiteren Schritt mit einer Patina überzogen werden, ist er selbst Teil des Teams und legt mit Hand an.

Kann man in seinem Werk eine Entwicklung entdecken?

Ich denke, er entwickelt sich, bleibt sich aber auch treu. Das Blockhafte, das Tektonische, das Strukturale sind Elemente, die immer wieder auftauchen, und trotzdem wandelt er sich stark. Neues tritt bei ihm immer wieder hinzu, zum Beispiel sind zwischen 2007 bis 2016 ganz viele Skizzen entstanden.

Weniger bekannt sind auch Gemälde, in denen er etwa das Meer thematisiert.

Diese Arbeiten kannte ich überhaupt nicht, obwohl wir seit 2017 regelmäßig Kontakt hatten, auch schon Ausstellungen zusammen gemacht hatten. Wie ganz viele Künstler vor ihm sitzt er dann am Meer, beobachtet: Wie ist das Wetter? Wie rasen die Wolken über den Strand? So hat er angefangen, fast schon wie ein Impressionist zu arbeiten, ähnlich wie Claude Monet. Eine Arbeit ist deshalb Monet gewidmet. Fero Freymark vergisst da sein Strukturalist-Sein und wird plötzlich beobachtend.

Was hat er noch entdeckt bei seiner Beschäftigung mit dem Meer?

Es gibt einige Arbeiten, die sich auf seine Familie beziehen. Er hat erzählt, dass seine Mutter jeden Morgen in der eiskalten Ostsee gebadet hat, sommers wie winters. 2015 ist er wieder dort gewesen und hat sich an die Mutter erinnert. Entstanden ist das Bild „Die Ostsee bei Danzig“. Die Ostsee hat ja einen ganz flachen Strand – und dieses Ruhige, Weiche bringt er sehr gut rüber, finde ich.

Menschen sind nie auf seinen Bildern?

Nein, nur im Skizzenbuch. Er interessiert sich seit 40 Jahren für das Meer, für Gesteinsformationen, für Strukturen. Das beschäftigt ihn, nicht der Mensch oder Blumen und Blüten.

Unbekannt sind die Erzählkästen.

Ja, die sind wirklich ganz überraschend, witzig, humorvoll und spielerisch. Man sieht, wie Freymark fantasievoll, ganz Homo ludens, die Kästen zusammenbaut, aus dem, was er findet. Zum Beispiel diesen knallroten, schwindelerregenden Plateau-Schuh, den er im Stuttgarter Bohnenviertel entdeckt hat. Trotzdem gibt es einen ernsten Hintergrund, wenn er etwa den Tropfen Wasser thematisiert und sich fragt, wem auf der Welt Wasser zugänglich ist. Wenn man mit Freymark spricht, merkt man, dass er ein sehr politischer Mensch ist, sehr wach und bewusst.

Hat Fero Freymark auch als Architekt gearbeitet?

Ja, er war viele Jahre Mitarbeiter in einem renommierten Architekturbüro in Pforzheim, das in den 80er und 90er-Jahren die Architektur hier geprägt und zum Beispiel die Stadthalle gebaut hat. Dort war er angestellter Architekt, was ihm die Freiheit gegeben hat, etliche Wochen im Jahr in seinem Haus in Gordes zu leben.

Was ist für Sie das Faszinierende?

Das Faszinierende liegt in der Begegnung mit ihm – er ist eine unverkennbare Persönlichkeit. Es gibt Elemente, die wir ihm sofort zuordnen. Er bleibt sich treu, und trotzdem bleibt er nie stehen, sondern entwickelt sich weiter. Alles an ihm hat mit ihm zu tun – so ist er als Mensch. Er ist hundert Prozent er selbst. Das spiegelt sich in seinem Werk.

Wie bedeutend ist Fero Freymark?

Er ist ohne Zweifel ein sehr wichtiger Künstler hier in der Region. Wir in Pforzheim erleben ihn als Bildhauer, denn es gibt im öffentlichen Raum einige Arbeiten von ihm. Das zeigt auch: Welchem Künstler räumt man in der Öffentlichkeit Platz ein? Und nicht jeder bekommt zu seinem 80. Geburtstag eine Ausstellung, und schon gar nicht in diesem Umfang.

Trotzdem hat er sich in seiner späteren Heimat Weissach nie angenommen gefühlt. „Das schmerzt mich wirklich, ich bin verletzt“, hat er mal gesagt. Woran liegt das?

Immer wieder erleben wir, dass der Prophet im eigenen Land nicht erkannt wird. Fero Freymark ist weit überregional, beispielsweise auch in Frankreich, sehr bekannt. Er hatte in Paris eine Ausstellung im Grand Palais, in Frankreich hat er ganz wichtige Preise bekommen – das spricht für ihn. In unserer Region ist er ein hochgeschätzter Künstler.

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