Weissach Von Asien ins Schwabenland

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Sujina Shrestha (links) und Foto: factum/Bach

Weisscah - Liebevoll streicht Sujina Shrestha der älteren Dame mit dem schlohweißen Haar über die Wange, ganz leise wechseln die beiden ein paar Worte. Sie lachen, alles wirkt sehr vertraut. Dann verabschiedet sich Sujina, ihre Schicht ist zu Ende. „Bis morgen“, ruft sie fröhlich. Die ältere Dame winkt und sieht der aufgeweckten jungen Frau im grünen T-Shirt nach, bis sie durch die Tür verschwunden ist.

Sujina Shrestha kommt aus Nepal. Seit neun Monaten macht die 21-Jährige ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) im Otto-Mörike-Stift in Flacht. Genauso wie Gulzada Kudabaeva (25) aus Kirgistan. Die beiden Frauen kümmern sich um die Bewohner des Pflegeheims. Sie helfen bei der Pflege, lesen den älteren Menschen vor, gehen mit ihnen spazieren. „Und manchmal“, sagt Gulzada Kudabaeva, „hören wir auch einfach nur zu.“

In Hessen beginnt die Reise

Die jungen Frauen haben ihre Heimat verlassen, sind ins Tausende Kilometer entfernte Schwabenland gekommen, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Die ersten Brocken lernt Gulzada Kudabaeva in der Schule. Eigentlich, sagt sie, wollte sie Juristin werden. „Doch das Studium war viel zu teuer.“ Den Aufnahmetest an der Uni in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek besteht sie mit Bestnoten, bekommt ein Stipendium und studiert Germanistik und Pädagogik. Mit dem Diplom in der Tasche geht sie als Au-pair ins hessische Weilburg an der Lahn.

Sujina Shrestha studiert nach dem Abitur zunächst in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu Soziologie und Anthropologie. „Das war aber gar nichts für mich“, erzählt sie. Sie spricht, wie auch Gulzada Kudabaeva, beeindruckend gut Deutsch. Hier und da mischen sich ein paar schwäbische Worte in Sujinas ausländischen Akzent. Vor dem FSJ hat sie ein Jahr als Au-pair bei einer deutsch-kenianischen Familie gelebt, in Bad Ditzenbach bei Göppingen. „Da musste ich automatisch schwäbisch lernen“, sagt sie und grinst.

Ehrgeizige junge Frauen

Nach dem Au-pair ist beiden klar: Da geht noch mehr. Im Internet werden sie auf der Seite des Diakonischen Werks Baden-Württemberg fündig, bewerben sich für ein FSJ. In einem Telefoninterview müssen sie ihre Deutschkenntnisse unter Beweis stellen, beide bestehen. Sie werden zu einem Probetag nach Flacht eingeladen, es folgt die Zusage. Das war vor einem Jahr.

In einem Seminar wurden sie auf ihren Einsatz im Pflegeheim vorbereitet, im Herbst traten sie ihren Dienst an. Seither verstärken die beiden Frauen das Team um Heimleiterin Angelika Wenning. Und fühlen sich sichtlich wohl. „Die Bewohner interessieren sich für unsere Kulturen, wir erzählen sehr viel von Zuhause“, sagt Gulzada Kudabaeva. Überhaupt, die beiden Freundinnen scheinen sich gut eingelebt zu haben in dem beschaulichen Heckengäu-Dörfchen. Sie teilen sich eine Wohnung, die der Träger des Pflegeheims, die Samariterstiftung, angemietet hat.

Ihre Freizeit verbringen Sujina Shrestha und Gulzada Kudabaeva oft gemeinsam. Sie gehen viel spazieren, fahren nach Stuttgart ins Kino oder gehen tanzen. Oft laden sie auch Freunde zum Kochen ein. Dann kommen traditionelle Gerichte aus Nepal oder Kirgistan auf den Tisch. Gibt es denn die Zutaten überhaupt im deutschen Supermarkt? „Nicht alles, aber dann müssen wir eben improvisieren“, sagt Sujina Shrestha, die auch sehr gerne Spätzle mit Soße oder Maultaschen isst. Die Schwabenmentalität hat eben schon erste Spuren hinterlassen.

Sie wollen bleiben

Offiziell läuft ihr FSJ noch bis zum Herbst. Doch die beiden Frauen zieht es nicht zurück in ihre Heimatländer. Sie wollen in Deutschland bleiben, wollen sich weiterbilden. Sujina Shrestha würde gerne mit Kindern arbeiten, vielleicht Erzieherin werden. „Doch dafür muss mein Deutsch noch besser werden“, sagt sie. Dafür büffelt sie, zweimal die Woche besucht sie in Leonberg einen Sprachkurs. Bis sie weiß, was sie machen will, hängt sie erst einmal weitere sechs Monate im Otto-Mörike-Stift dran. Gulzada Kudabaeva ist da schon einen Schritt weiter. Sie beginnt im Herbst eine Ausbildung zur Altenpflegerin. „Und danach will ich nochmal studieren“, erzählt die Kirgisin. Und zwar in Deutschland.

Überhaupt kein Heimweh? „Eigentlich nicht“, sagt Sujina Shrestha. Fühlt sie sich hier doch sehr wohl. Nach dem schlimmen Erdbeben in Nepal vor einigen Wochen habe sie sich jedoch große Sorgen um die Familie gemacht, erzählt sie. Ihre Augen werden feucht, traurig blickt sie zu Boden.

Da kommt eine ältere Dame mit Rollator vorbei. „Hallöchen“, ruft sie den jungen Frauen fröhlich zu. „Das isch hier wie eine große Familie“, sagt Sujina Shrestha, das Schwäbisch ist nicht zu überhören. Sie lächelt, steht auf und geht begleitet die Dame zum Kaffeetrinken.

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