Weinlese in Leonberg Echte Handarbeit für einen guten Tropfen

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Mit Scheren inmitten der Weinhänge. In den Steillagen am Ehrenberg und in der Feinau schneiden die Helfer jede einzelne Rebe per Hand ab. Foto: factum/Simon Granville (2), slo

Leonberg - Der Tag der Deutschen Einheit hat in Leonberg gleich drei Bedeutungen: Neben dem eigentlichen Anlass und dem Ehrenamtsempfang des Oberbürgermeisters ist er für viele Wengerter der Hauptlesetag. Bis zum 3. Oktober sollen die Trauben noch möglichst viele Sonnenstrahlen mitbekommen, danach ist das Risiko schlechten Wetters und des Schädlingsbefalls zu groß.

Entsprechend betriebsam geht es am Donnerstag auf den beiden Eltinger Haupthängen zu. Der Obere Feinauweg, den die meisten vornehmlich als Flaniermeile beim Wengerterfest kennen, ist zugeparkt. Alles Helfer. Denn egal ob bei Christian Bock, Werner Eckstein, Heiko Fink, Gerhard Dittrich, Thomas Friedrich, Eugen Klemke, Fritz Röckle oder Hansi Schmidt: überall wird geherbstet, wie die Weinlese hier genannt wird.

Erstmals sortenreiner Kerner

Und das bedeutet richtige Handarbeit: Mit Spezialscheren werden die Trauben von den Rebstöcken gezwickt. Die Lesehelfer müssen aufpassen, dass keine faulen Trauben dabei sind oder solche, die von der berüchtigten Kirschessigfliege oder Fäulnis heimgesucht wurden. „Stärkt euch gut“, ruft Werner Eckstein in der Mittagspause seinen zahlreichen Helfern zu, die bei einer würzigen Gulaschsuppe kräftig zulangen. „Denn danach beginnt die Feinarbeit. Und die ist anstrengend.“ Am Vormittag hatten die Frauen und Männer, die der Familie schon seit Jahren beim Herbsten helfen, die weißen Trauben geholt. Mit denen ist Eckstein so zufrieden, dass er erstmals einen sortenreinen Kerner machen will.

Doch jetzt geht es an die roten Trauben für Spätburgunder und Schillerwein. Und denen haben die Schädlinge und der Regen schon zugesetzt. Für die Helfer bedeutet das, dass sie regelrecht pulen müssen, um die schlechten Beeren auszusondern. Doch gestandene Weinleser ficht das nicht an. Noch einen Schluck vom Vorjahres-Schiller, dann geht’s los. Reger Betrieb auch drei Kilometer weiter südöstlich. Am Ehrenberg sorgen Herbert und Martin Hartmann mit ihren Helfern dafür, dass die Gäste in ihrer Weinstube Weidenbusch nicht dürsten müssen. Nebenan kümmern sich Antje und Stefan Hartmann um den Ertrag, den sie für ihren eigenen Besen benötigen.

Hohe Öchslegrade

Schon zum zweiten Mal ist am Donnerstag das Team von Axel Röckle im Einsatz. Die weißen Trauben hatte der Stadtrat und Rechtsanwalt mit Vorliebe für Wein- und Landwirtschaft schon am Samstag geerntet. Mit dem Ergebnis ist er zufrieden. Die Öchslegrade, die Röckle mit einem Refraktometer misst, gehen in Richtung Hundert. Die Maßeinheit, benannt nach dem Erfinder der Mostwaage Ferdinand Öchsle, gibt Auskunft über den Zuckergehalt der Trauben: Um die Hundert, darauf lässt sich aufbauen.

Wie die meisten Wengerter hat auch Axel Röckle seit Jahren ein festes Helferteam. Menschen, die die Arbeit in der Natur mögen, die die ökologische Einzigartigkeit eines Weinberges begeistert und die zumeist auch einen guten Tropfen zu schätzen wissen. Und die halbwegs sportlich sein sollten. Die Arbeit am Steilhang ist anstrengend, der Weg die Stäffele rauf und runter geht in die Beine.

Mit der Butt durch die Weinhänge

So gesehen ist die Lese auch ein gutes Training, das fit hält. Peter Bäuerle etwa schleppt schon seit Jahren die Butt aus den Weinhängen zum Maischewagen, der am unteren Ende steht. Da kommen schon allerlei Kilos zusammen, die der Rentner auf dem Rücken hat. Ermüdungserscheinungen lässt Bäuerle aber nicht erkennen. Im Gegenteil. Immer wieder fragt der Buttenmann, wie er genannt wird, die Leser nach neuen Trauben. Müßiggang ist seine Sache gewiss nicht.

Ist die Butt leer und der Maischewagen voll, ist für Axel Röckle und seinen Neffen Marc Sattler noch lange nicht Feierabend. Es geht in den Keller. Der Wein wird abgepresst, dann beginnt die Gärung. Nach vier Wochen lässt sich die Qualität erschmecken. Röckle ist zuversichtlich.

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