Weil der Stadt Mit Dreifachwumms geht die Fasnet los

Von Sophia Herzog
Wenn das Hexle aus der Kiste springt, ist endlich wieder Fasnet in Weil der Stadt. Dieses Mal war die sechsjährige Joleen Hexe. Foto: Simon Granville

Da sag noch mal jemand, Weil der Stadt hätte keine Strahlkraft: Zur Eröffnung der neuen Fasnetsaison auf dem Marktplatz begrüßt Zunftmeister Daniel Kadasch nicht nur die örtliche, sondern auch die internationale Presse zur „Zunft-Pressekonferenz“ mitsamt FND – dem Fasnet-Nachrichten-Dienst. Auch das Radio ist zu Gast beim Spektakel, um, so verkünden es die Narren, die Stimmung in der Keplerstadt mit der in der Karnevals-Hochburg Köln zu vergleichen. Ob die Rheinländer am Elften im Elften besser drauf sind als die Weiler? Es könnte ein Kopf-an-Kopf-Rennen werden: „Ich bin sicher, dass wie Weil der Städter dene Kölner mal richtig zeiget, was Fasnet ist“, verkündet Kadasch von der Narrenzunft AHA mit seinem Siebenerrat. Und erntet dafür auch prompt einen saftigen Applaus.

Nicht Doppel-, sondern Dreifachwumms

Und auch sonst brauchen sich die Weiler im nationalen Vergleich nicht zu verstecken. Denn während Bundeskanzler Olaf Scholz in Berlin den Doppelwumms verkündet, legen die Weiler Narren nach. „Bei uns lautet ab sofort die Devise: Nur mit Dreifachwumms geht’s aus der Krise!“ Nach der Krise muss der Zunftmeister nicht lange suchen: „S’ ganze Ländle steckt tief in roten Zahlen, Gelder fließen, die wir eigentlich gar nicht haben.“ Dass Weil der Stadt ebenfalls nicht gerade mit prallvollen Stadtkassen prahlen kann, ist kein Geheimnis.

Und so nehmen die Narren bei der Fasneteröffnung die Geld- und Energiesparmaßnahmen der Stadt kräftig aufs Korn. „D’ Straßenlampen schaltet Verwaltung jetzt no schneller aus. Und sogar der Christbaum fliegt aus der Budgetplanung eiskalt naus.“ Auch kreative Lösungsansätze kommen um die kritische Betrachtung von Kadasch nicht herum: „Dr’ Schultes und sein grüner Rat machet im Häugern gar Bohrungen zur Prob, ich glaub die suchet koi Wasser, sondern Öl, so groß isch die Not! Und auch die Computer im Rathaus brauchet Strom ohne Ende, drum rüstet man um auf Schreibmaschinen, das spricht Bände!“ Aus der Krise hilft eben nur: Der Dreifachwumms.

Auch das Hexle darf wieder aus der Kiste

Ein wenig hakt es aber gleich bei Wumms Nummer Eins. Das traditionelle Hissen der Fasnetfahne verzögert sich kurz – technische Schwierigkeiten. „Da isch ja Fasnet bald rum“, kommentiert ein Zuschauer. „Das hat den Hintergrund, dass der Schlüssel net richtig gepasst hat“, verkündet der Zunftmeister vom Wagen aus. War es die Stadtverwaltung, mutmaßt er. „Oder die Merklinger?“ Wumms Nummer zwei folgt aber gleich: Denn die Narren haben zur Fasneteröffnung eine handbetriebene Sirene dabei, „für Stromsparer der letzte Schrei“. Der Stadt, die derzeit Standorte für neue Warnsirenen sucht, wollen die Narren damit vormachen, wie es besser – und obendrein ganz ohne Strom und Gas – geht.

Dann fehlt nur noch Wumms Nummer drei: „Des Hexle isch fit für die Fasnet und holt uns jetzt alle aus der Krise“, sagt Kadasch. Prompt öffnet sich die Box, das Hexle winkt, Fasnet kann losgehen. In die Rolle der Hexe ist dieses Jahr die sechsjährige Joleen geschlüpft, Tochter des zweiten AHA-Vorstandsvorsitzenden Simon Pfau. „Auf unser Hexle, auf unsere Fasnet 2023, die isch endlich wieder da“, schließt der Zunftmeister ab, es folgen drei donnernde „AHA AHA AHA“.

Fasnet 2023 kann kommen

Für die Weiler Narren ist die diesjährige Fasnetseröffnung doppelter Grund zum Feiern. Der Fasnetverein schaut nicht nur auf eine neue Saison – sondern auch auf die erste seit 2020. Seitdem konnte zumindest der große Umzug im Frühjahr nicht mehr stattfinden, der 11.11. wurde derweil im vergangenen Jahr nur mit wesentlich kleinerem Publikum und 3G-Kontrolle gefeiert. „Die Freude war noch nie so groß wie jetzt“, berichtet Narren-Vorsitzender Frank Gann. „Aber keiner traut sich wirklich zu sagen, dass das zu hundert Prozent klappt.“ Der Verein mit rund 1400 Mitgliedern steckt schon in der Planung für die Fasnet im Frühjahr, die dieses Jahr mit Start im Februar besonders früh liegt. „Wir versuchen, einiges noch ein wenig hinauszuzögern“, berichtet Gann. „Falls doch noch was kommt.“ Das eine oder andere enthusiastische Vereinsmitglied müsse man deshalb noch ein wenig bremsen.

Aber auch, wenn die Coronapandemie im kommenden Jahr wohl kein Hindernis mehr für die Narren wird – an Krisen mangelt es in dieser Zeit nicht, und auch der Weiler Verein bekommt diese zu spüren. Material, das für den Wagenbau benötigt wird, ist deutlich teurer geworden. „Unsere Materialbestellungen sind fünfstellig“, berichtet Gann. Weil Kohlensäure – ein Nebenprodukt der Düngemittel-Produktion, die wegen steigender Gaspreise heruntergefahren wurde – knapp wurde, fiel bei den Weiler Narren eine Getränkelieferung für ein Fest aus. Und nicht zuletzt sind auch die Anforderungen an die Organisation stark gestiegen, besonders mit Blick auf Sicherheit. „Das sind Themen, die hatten wir vor zehn Jahren nicht.“

Trotz allem ist dieser Aufwand für Gann „positiver Stress“, sagt er. „Wir freuen uns alle sehr.“ Für die Besucherinnen und Besucher soll sich bei der kommenden Fasnet nichts ändern: „Es wird eine traditionelle Fasnet, wie wir sie früher gefeiert haben“.

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