Weil der Stadt Es flattern weniger Fledermäuse als angenommen

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Der Hirsauer Tunnel ist vergittert, nur oben gibt es eine kleine Öffnung. Wenn die Fledermaus dort durchfliegt, wird sie fotografiert – und gezählt. Foto: Landratsamt Calw

Weil der Stadt - Zielsicher trifft Andreas Knörle mit dem Stecken in die kleine Pforte am Tunneleingang. Nein, zu schnell hat er nicht geworfen, trotzdem blitzt es plötzlich. Denn zwei Kameras sind hier, am Eingang zum Hirsauer-Tunnel, nordwestlich von Calw, installiert und fotografieren alles, was in die lange, finstere Röhre hereinfliegt. „Das ist unsere Fledermaus-Monitoring-Anlage“, erklärt Knörle, der Verkehrsdezernent im Calwer Landratsamt.

Zwei alte Tunnel stehen auf der Strecke der historischen Schwarzwaldbahn von 1872. Seit der letzte Zug dort 1988 abgefahren ist, ist in den alten Tunnelgemäuern ein Eldorado für Fledermäuse entstanden. Aber wie viele davon? Und welche Arten? Diese Fragen soll das umfangreiche Fledermaus-Monitoring beantworten, das seit September 2015 ein Marburger Tier-Beobachtungsunternehmen für den Kreis Calw unter seinen Fittichen hat.

Ein ganzes Jahr lang steht die Monitoring-Anlage jetzt vor den vier Eingängen der beiden Tunnel. „Jede einzelne Fledermaus, die hier in den Tunnel fliegt, wird fotografiert“, erklärt Michael Stierle, der Abteilungsleiter für öffentlichen Nahverkehr beim Kreis Calw und Hesse-Bahn-Chefplaner. „Das ist wichtig, denn dann können wir sie nicht nur zählen, sondern auch die Fledermaus-Arten bestimmen.“

Nur etwa 1000 Tiere

Erste Ergebnisse dieser Untersuchung liegen jetzt vor. Man habe nur etwa 1000 Tiere gezählt – und nicht etwa 7000, wie ursprünglich angenommen. Auch bei den verschiedenen Fledermausarten spricht Michael Stierle von einer „wesentlich geringeren Zahl“. Vorgeschrieben ist eine solche umfangreiche Untersuchung, die den Kreis Calw einen sechsstelligen Betrag kostet, nicht. „Nein, den Aufwand nehmen wir auf uns, weil wir belastbare Daten schaffen wollen, damit man uns am Ende von keiner Seite angreift.“ Denn genau damit haben die Hesse-Bahn-Planer im Augenblick zu kämpfen.

Die Stadt Weil der Stadt hat schon vor einiger Zeit Klage gegen einen Brückenneubau eingereicht, im August hat der Naturschutzverband Nabu nachgezogen. Der Nabu wollte zwar seine Klage erst im April 2017 einreichen, die hat der Verwaltungsgerichtshof Mannheim jetzt aber abgelehnt. „Wir vermuten, dass das Gericht alle Klagen gegen das Projekt zusammenfassen will“, sagt Hans-Peter Kleemann, der stellvertretende Nabu-Landesvorsitzende.

Jetzt muss der Nabu seine Klage bis 21. Oktober einreichen – und er will dies auf jeden Fall tun. „Wir wollen die Fledermäuse vor der Tötung bewahren“, erklärt Hans-Peter Kleemann. Denn da sei der Landkreis Calw bis jetzt noch eine Lösung schuldig, sagt der Naturschützer. Das will Michael Stierle vom Landratsamt Calw so nicht stehen lassen.

Einige Ersatz-Winterquartiere wurden geschaffen

„Unser Ansatz ist es, dass wir so wenig Tiere wie möglich im Tunnel haben möchten“, sagt er. Deshalb sei man gerade dabei, einige Ersatz-Winterquartiere zu schaffen, zum Beispiel zwei Stollen in Neubulach und Liebelsberg und einen alten Bunker in Bad Teinach.

Ohnehin wird die Frage noch zu klären sein, wie sich aktiver Bahnverkehr und Fledermäuse vertragen. Von einer „jahrzehntelangen, problemlosen Koexistenz auf rege befahrenen Bahnstrecken“ spricht zum Beispiel die Bürger-Aktion „Unsere Schwarzwaldbahn“, die sich pro Hesse-Bahn engagiert.

Solche Erkenntnisse liegen dem Nabu-Landesvorsitzende Hans-Peter Kleemann noch nicht vor, sagt er: „Uns konnte der Landkreis Calw noch keine in Betrieb befindlichen Tunnel nennen, in denen Fledermäuse leben.“ Der Nabu-Mann will das aber auch nicht ausschließen. „Wenn uns eine Lösung vorliegt, die die Tötung der Fledermäuse verhindert, sind wir bereit, über die Rücknahme der Klage zu sprechen.“ Und genau daran arbeitet Michael Stierle, der Projektleiter, momentan. in einem Tunnel der Kulturbahn im Nagoldtal wurden schon Messungen anberaumt. „Dort konnten auch Ultraschall-Aktivitäten von Fledermäusen nachgewiesen werden“, berichtet er.

Unterdessen geht es in seiner Behörde jetzt um weitere Ausschreibungen und Vergaben. Fast 20 000 Bäume und Sträucher stehen zum Beispiel noch auf den brach liegenden Schienen. Diese Fäll- und Rodungsarbeiten sollen schon in diesem Winterhalbjahr beauftragt werden, die Ausschreibung dazu ist bereits veröffentlicht. Darüber hinaus ist der Landkreis derzeit mit den drei anliegenden Kommunen Calw, Althengstett und Ostelsheim dabei, einen Zweckverband zu gründen. Von Januar an soll der den Hesse-Bahn-Bau dann regeln.

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