Wegen Corona Ein rotes Leuchten als Hilferuf

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Solche Lichtbilder erschafft der Künstler Laurenz Theinert mithilfe seines Licht-Pianos Foto: privat

Rutesheim/Heimsheim - Endlich gibt es wieder was zu tun“, freut sich Stefanie Kutz-Getrost. Auch wenn es eine Freude mit dickem Wermutstropfen ist. Die Leonberger Veranstaltungsplanerin beteiligt sich heute an der „Night of Lights“. Mit dieser Aktion, bei der Gebäude und andere Objekte mit rot angestrahlt werden, soll auf die Notlage der Veranstaltungsbranche aufmerksam machen. „Die Situation ist dramatisch“, sagt Kutz-Getrost, die seit 25 Jahren in der Branche arbeite, die vergangen 20 davon selbstständig mit ihrer Firma Fanal Messen und Events. Ihr Hauptgeschäft sind größere Firmenveranstaltungen und Messen. Doch die können wegen der Corona-Beschränkungen derzeit genauso wenig stattfinden wie die meisten anderen Großveranstaltungen. In Baden-Württemberg sind bislang nur kleinere Veranstaltungen mit unter 100 Teilnehmern möglich, noch dazu mit Hygiene- und Abstandsregelungen. Weitere Lockerungen sind derzeit nicht in Sicht.

Stefanie Kutz-Getrost ist zwar Soloselbstständige, arbeitet aber mit vielen weitere Selbstständigen und Kleinunternehmen zusammen. „Es gab einige Telefonate mit Kollegen, wo wir geweint haben“, berichtet sie. Die Veranstaltungsbranche ist riesig. Von Künstlern und Kulturschaffenden über Management, Logistik und Planung, Veranstaltungstechnik mit Licht, Ton, Bühne oder Video, über Ausstatter wie Floristen, Konditoren und Catering, bis hin zum gesamten Messegeschäft reicht das Spektrum. Nur in kleinen Teilbereichen läuft das Geschäft wieder.

Deshalb war die Leonbergerin gleich begeistert von der Idee der „Night of Lights“, die die „Initiative für die Veranstaltungswirtschaft“ ins Leben gerufen hat. Heute Nacht zwischen 22 und 1 Uhr sollen in ganz Deutschland Gebäude rot leuchten. „Alarmstufe Rot“ soll dies symbolisieren. Die Resonanz ist riesig. „Die Teilnehmerzahl steigt quasi stündlich“, sagt Kutz-Getrost. Am Sonntagabend waren fast 6200 Aktionen angemeldet.

Stefanie Kutz-Getrost hätte gern ein markantes Gebäude in Leonberg beleuchtet, etwa den Engelbergturm oder das Alte Rathaus. „Aber die Stadt Leonberg war dagegen. Dies sei eine politische Aktion, hat man uns gesagt“, erklärt die Eventplanerin. In Rutesheim wurde die Aktion dagegen begrüßt. Und so wird neben dem Wasserturm auch das Rutesheimer Rathaus beleuchtet. Dafür hat Kutz-Getrost den international bekannten Lichtkünstler Laurenz Theinert gewinnen können. Mit seinem Licht-Piano erzeugt er passend zur Musik eine bunte und kunstvolle Farbchoreografie.

„Es wird viele Insolvenzen in unserer Branche geben“

Den Engelbergturm hätte auch Karl-Heinz Jagusch von Sound & Licht Veranstaltungstechnik aus Leonberg gern in rotes Licht gehüllt. Doch er erhielt die gleiche Antwort der Stadtverwaltung. So wird in dieser Nacht nur das Firmengebäude in der Ulmer Straße in Rotlicht getaucht, das Unternehmen unterstützt aber weitere Aktionen etwa am Theaterhaus Stuttgart oder beim Calwer Klostersommer. „Mit der Aktion wollen wir auch sagen: Guckt her, es ist nicht nur die Lufthansa. Mit dem Verbot der Großveranstaltungen wegen der Corona-Pandemie wird es viele Insolvenzen in unserer Branche geben“, sagt der Geschäftsführer.

Schon jetzt erhalte er Anfragen, ob er Aufträge für das nächste Jahr überhaupt noch bedienen könne. Seine zehn Mitarbeiter hat er bislang noch nicht in Kurzarbeit geschickt. „Wir bauen gerade Urlaub ab.“ Doch die etwa 280 Selbstständigen, mit denen Sound & Light zusammenarbeitet, sind derzeit nicht nur ohne Job, sondern auch ohne Aufgabe. Viele stünden nicht nur vor dem finanziellen Ruin. Für Menschen, die ständig unterwegs und für Veranstaltungen pausenlos im Einsatz sind, ist der plötzliche Stillstand auch eine psychische Belastung.

„Von 100 auf Null“

In den Finanzhilfen, die Bund und Land den Unternehmen zur Verfügung stellen, sieht die „Initiative der Veranstaltungswirtschaft“ kein probates Mittel, da sie im Wesentlichen aus Kreditangeboten bestünden. „Ich bin 58 Jahre alt, ich kann keinen Kredit mehr gebrauchen“, meint Karl-Heinz Jagusch. Einige seiner größten Aufträge sind bislang lediglich ins nächste Jahr verschoben, etwa die Festivaltour der „Red Hot Chili Peppers“. Auch die Europatournee von „Metallica“ wurde in Leonberg mitgeplant. Dazu bestückt Jagusch die Stuttgarter Musicalbühnen und betreut Messeauftritte von Daimler. Im Moment backt die Firma aber vergleichsweise kleine Brötchen und stattet in vier Orten die Gemeinderatssitzungen mit Technik aus, die wegen Corona in größeren Hallen stattfinden.

Ein paar mehr Aufträge hat mittlerweile Full Range Events aus Heimsheim. Autokino in Kirchheim/Teck etwa. Aber auch die ein oder andere Hochzeit findet doch statt. „Von jetzt auf gleich ging es von 100 auf Null“, beschreibt Lukas Aldinger, einer der zwei Geschäftsführer, die Situation Mitte März. Doch auch wenn jetzt wieder kleinere Aufträge eintrudeln. „Der Aufwand ist oft zu hoch, als dass es sich finanziell lohnt“, sagt Aldinger. „Ob da nun 50 Leute bei einem Konzert sind oder 5000 macht einen erheblichen Unterschied.“ Er und Co-Geschäftsführer Matthias Weis beleuchten in Kooperation mit Niessner Eventtechnik heute Abend den Schleglerkasten und das Rathaus in Heimsheim. Weis und Aldinger können in dieser schwierigen Zeit auf andere Tätigkeiten zurückgreifen. „Aber unsere Firma könnte am Ende draufgehen“, sagt Aldinger. In der Branche gebe es viele Selbstständige, die keinen Anspruch die Soforthilfen der Regierung haben.

Ob das Geschäft im nächsten Jahr wieder anzieht, bleibt fraglich. Die Verluste werde man nicht ausgleichen können. Viele Veranstalter berichten bereits von ersten Preiskämpfen.

Erst Lockerungen könnte es für den Herbst geben. Doch die müssten jetzt schon bekannt sein, damit man ordentlich planen könne, sagt die Eventplanerin Stefanie Kutz-Getrost. „Wir halten die Richtlinien ja ein. Nur brauchen wir dafür endlich Richtlinien!“

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