Wahl in Weissach Das Image der Unregierbarkeit

Von Thomas K. Slotwinski
Kurz vor der Entscheidung stellten sich die Bewerber beim Kandidaten-Talk unserer Zeitung. Foto: Simon Granville/ 

Gut 7600 Einwohner hat die Gemeinde Weissach. Der Doppel-Ort am Strudelbach ist also nicht ganz klein, aber eigentlich nicht groß genug, um bei einer Bürgermeisterwahl eine besondere mediale Aufmerksamkeit zu erzielen. Und doch richten sich viele Augen an diesem Sonntag nach Weissach, wo der neue Rathaus-Chef vom Volk bestimmt wird. Das Interesse an der Entscheidung, wer das Porsche-Dorf in der Zukunft maßgeblich lenken wird, ist überdurchschnittlich groß.

Das mag einerseits am eben erwähnten Autobauer liegen, der am Ortsrand ein großes Forschungszentrum betreibt und damit den Namen der Gemeinde immer mal wieder in die Schlagzeilen der technologieaffinen Motorwelt bringt. Vor allem aber liegt es an einem politischen Grund: Weissach gilt, salopp gesagt, als unregierbar.

„Ideologie statt Sachpolitik“

Selbst Daniel Töpfer, der 2014 als kraftstrotzender 25-Jähriger im Rathaus aufräumen wollte, hat nach acht Jahren genug. In einem Interview, das er unserer Zeitung im April anlässlich seiner Verzichtserklärung gegeben hatte, spricht der Christdemokrat von einer „unglaublich hohen Anspruchshaltung“, die er sowohl bei der Bevölkerung als auch im Gemeinderat festgestellt haben will. Anstatt sich mit „wichtigen Themen“ zu beschäftigen, „irrt der Gemeinderat ständig in ideologischen Fragestellungen umher.“

Letzteres Phänomen trifft gewiss auf nicht wenige politische Gremien zu, Fakt ist allerdings, dass die Lage in Weissach eine spezielle ist. Und das längst nicht erst seit Daniel Töpfer. Sämtliche Bürgermeister der vergangenen Jahrzehnte hatten Probleme. Wiederwahlen gab es keine, und die Gefahr, eine zweite Amtszeit von der Wählerschaft verwehrt zu bekommen, war wohl auch dem machtbewussten Jungpolitiker zu groß. Ein Engagement jenseits der Weissacher kommunalen Niederungen schien Töpfer die weitaus verlockendere Berufsalternative.

Jetzt soll also ein Neuer den Neuanfang wagen. Genug zu tun gibt es. Im Grunde muss die gesamte Verwaltung reorganisiert werden, ein konstruktives Arbeitsverhältnis mit dem durchaus eigenwilligen Gemeinderat hergestellt und ein anderer Dialog mit der Bürgerschaft entwickelt werden.

Der schien gerade in jüngster Zeit nachhaltig gestört. Die Vereine fühlen sich vernachlässigt oder ungerecht behandelt. Und die Eltern fühlen sich in ihrer Sorge um die Kinderbetreuung von der amtierenden Verwaltungsspitze nicht ernst genommen.

Zwei Favoriten

Der Neue, es haben sich tatsächlich nur Männer beworben, hat also jede Menge extrem dicker Bretter zu bohren. Man muss kein Prophet sein, um dem externen Verwaltungsprofi Jens Millow und dem internen Grünen-Gemeinderat Pierre Michael die besten Chancen zu attestieren.

Für ersteren spricht seine große Rathauserfahrung. Als Hauptamtsleiter in der etwas kleineren Gemeinde Löchgau sitzt Millow in der Kommandozentrale der dortigen Verwaltung. Ihm ist zuzutrauen, die Strukturen im Weissacher Rathaus in die richtige Richtung zu lenken, frei von internen Abhängigkeiten.

Alle sind gefordert

Eine gute Innensicht ist der Pluspunkt von Pierre Michael. Der Gemeinderat von den Grünen hat in der Aufarbeitung der Greensill-Affäre Profil gezeigt. Seine pädagogische Erfahrung als Gymnasiallehrer in Leonberg ist sicherlich kein Nachteil beim Thema Menschenführung.

Wichtig ist, dass alle in Weissach und Flacht, nicht nur in Rat und Verwaltung, bereit zu einem Neustart sind und dem künftigen Bürgermeister eine echte Chance gebe, das Image der Unregierbarkeit zu revidieren.

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