Volleyball Frauen Der TSV Flacht strebt in die zweite Liga

Von Jürgen Kemmner
Freudige Blicke auf das, was kommen möge: Bürgermeister Jens Millow und die TSV-Macher Michael Kaiser und Yannic Hofmeister (v. li.). Foto: Simon Granville

Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen. Helmut Schmidt, der einstige Bundeskanzler, hat vor vielen Jahren diesen Rat erteilt. Michael Kaiser und Yannic Hofmeister haben sich noch keinen Termin bei ihren Hausärzten besorgt, obwohl sie seit geraumer Zeit von einer Vision umgetrieben werden. Die Macher der Volleyball-Abteilung des TSV Flacht haben es sich in den Kopf gesetzt, eine Frauen-Mannschaft in der neuen Zweiten Bundesliga Pro an den Start zu schicken. „Als wir davon gehört haben, waren wir begeistert“, sagt Michael Kaiser euphorisch, „wir wollten schon lange in diese Richtung und hatten deshalb ein Konzept in der Schublade – nun kommt die Chance, die wollen wir ergreifen.“

Die Volleyball-Bundesliga (VBL) plant eine Strukturreform bei den Frauen: Zur Saison 2023/2024 soll die Einführung einer eingleisigen Liga zwischen Bundesliga und den beiden zweigleisigen zweiten Ligen erfolgen. Die Zweite Bundesliga Pro. Ziel der Reform ist es, den Clubs ein attraktives Wettbewerbsumfeld zu bieten, in dem sie sich besser entwickeln können als derzeit. Die Leistungslücke zwischen Bundesliga und zweiter Liga soll so verringert werden, bislang war es für Aufsteiger so schwer sich in der Beletage zu halten wie für einen Freizeit-Kletterer den Mount Everest zu erklimmen.

Vor den Flachtern um Kaiser und Hofmeister liegt ein Berg von Aufgaben, die sie nun zügig abarbeiten müssen, nachdem der Club den Antrag auf eine Wildcard gestellt hat. Bis zum 1. Februar 2023 muss der TSV nachweisen, dass er den wirtschaftlichen Anforderungen der neuen Liga gewachsen sein wird – ein wirklich ambitioniertes Unterfangen, aktuell kämpft das Frauen-Team in der siebtklassigen Bezirksliga um Punkte. „Dieser Nachweis besitzt für uns Priorität eins mit Stern“, betont Abteilungsleiter Hofmeister, der den Posten vor vier Monaten von Kaiser übernommen hat. Geplant ist, einen Etat von 60 000 bis 70 000 Euro für die erste Saison zu stemmen, der soll dann sukzessive auf eine sechsstellige Summe aufgestockt werden. Keine Sache, die man mit links im Halbschlaf erledigt in Nach-Corona-Zeiten samt Energiekrise und Inflationsdruck – es klingt fast, als plane ein Streichelzoo künftig auch Großkatzen in artgerechten Gehegen präsentieren zu wollen.

Den größte Posten im Budget nehmen die Reise- und Übernachtungskosten ein, die dürften bei etwa 35 000 Euro pro Saison liegen, weil in der Zweiten Bundesliga Pro eine Deutschlandreise ansteht – so haben sich etwa die Stralsunder Wildcats und der ETV Hamburg sowie die Nachwuchsstützpunkte in Berlin und Dresden um einen Startplatz beworben. Dazu kommen Kosten für die Sportausstattung von rund 10 000 Euro sowie Lizenzgebühren und laufende Ausgaben für Mannschaft, Teamarzt, Physiotherapeuten. „Wir sind zuversichtlich, dass wir das wuppen“, sagt der 38 Jahre alte Kaiser, „wir sind gut vernetzt und haben positive Signale von den Unternehmen empfangen – und sollten wir sehen, dass das Ziel nicht erreichbar ist, ziehen wir die Reißleine.“ Außer zahlreichen vergeblichen Arbeitsstunden und einen überschaubaren Betrag hätten die Flachter nichts in den Sand gesetzt – die übrigen Abteilungen wären nicht tangiert. Doch daran denken die Visionäre Kaiser und Hofmeister nicht, sie haben den Meilenstein am 1. Februar fest im Blick.

Eine Perspektive für eigene Talente

Es geht aber nicht allein um Geld, die Flachter sind zudem gefordert, einen konkurrenzfähigen Kader zu basteln und ein Trainerteam zu installieren. Bei den Spielerinnen rechnen sie damit, dass die Attraktivität der Liga dafür sorgt, dass Volleyballerinnen sich beim Club bewerben. Zudem wollen Kaiser und Hofmeister ihr Netzwerk aktivieren, um auch selbst aktiv zu werden. „Wir haben einen guten Namen in der Szene“, betont Hofmeister, der in diesem Anwerben keine Absage an die eigene Jugendarbeit sieht, sondern eher einen Katalysator, um den ambitionierten Talenten des TSV eine Perspektive zu bieten, professionell einzusteigen.

Einen wichtigen Fan haben die Volleyballer bereits gewonnen, Bürgermeister Jens Millow drückt die Daumen. „Es erfüllt mich mit Stolz, dass der TSV diesen Schritt wagt“, sagt der Verwaltungschef, „es freut mich, dass ein Sportverein in diesen Zeiten so positiv nach vorn blickt.“ Da ist der Bürgermeister von anderem Schlag als der 2015 verstorbene Ex-Kanzler – für ihn sind Visionen nicht gefährlich, sondern sie bedeuten ein uneingeschränktes Ja zur Zukunft.

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