Ultramarathon In der Not hilft die gute alte Landkarte

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Jörg Finkbeiner nimmt sich auch für ein Erinnerungsfoto genügend Zeit. Foto: privat

Rutesheim/Perouse - Eines hat der Perouser Jörg Finkbeiner bei seinem sportlichen Hobby längst gelernt: er kann mit seinen Kräften gut haushalten. „Ich habe da eine etwas andere Einstellung, ich will nicht vorne mitmischen, sondern die Herausforderung gut meistern“. Und so ist der 56-jährige Läufer wieder mächtig stolz, dass er den 140 Kilometer langen Ultramarathon von Koblenz nach Bonn gepackt hat. Dieser führt überwiegend auf dem Rheinsteig-Wanderweg und ist mit 4446 Höhenmetern gespickt.

Der Sieger war bereits nach 15:17 Stunden im Ziel. Finkbeiner ist 28:17 Stunden unterwegs gewesen und landete am Ende auf Rang 33. Zwei weitere Finisher erreichten nach ihm noch das Ziel, dann war das Zeitlimit erreicht. Aufgegeben bei dem sogenannten „Kobolt“ haben 19 von insgesamt 55 Startern. „Wenn man die ganze Nacht durchläuft, ist das auch eine Kopfsache, vor allem wenn sie in der Winterzeit 15 Stunden dauert“, weiß Jörg Finkbeiner, der bei Extremläufen zum einen das Abenteuer sucht, sich dabei aber auch richtig gut erden kann. „Und ich habe gemerkt, dass ich Kräfte mobilisieren kann. Wenn’s sein muss, gebe ich Gas, und bevor ich meine Grenzen überschreite, laufe ich einfach langsamer.“

Der Ingenieur für Versorgungstechnik bevorzugt kleinere, familiäre Einladungsveranstaltungen. „Am besten nicht so weit weg. Ich finde es toll, auf diese Weise das Land kennenzulernen.“ Seit diesem August weiß er beispielsweise, wo die Stadt Kirn im Landreis Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz liegt. Dort nahm er beim 62 Kilometer langen Landschaftslauf teil. Wenn es mal weiter weg sein soll, dann zieht es ihn immer wieder auf seine Lieblingsinsel Korsika, wo er schon mehrfach beim Coast Race teilgenommen hat. Mit seiner Partnerin ist er zudem gerne auf Fernwanderwegen unterwegs.

Jörg Finkbeiner ist ein Spätstarter, was seinen Sport betrifft. Mit 19 war er mal bei den Leichtathleten des TSV Eltingen und ist Mittelstrecke gelaufen. Dann machte der vierfache Vater jahrelang gar nichts, was mit Bewegung zu tun hatte. Erst der schlechte Gesundheitszustand seines Vaters, der vor zehn Jahren verstorben ist, rüttelte ihn wach, da war er 39. „Da habe ich gemerkt, dass man was tun muss“, sagt Finkbeiner. Im Schnitt trainiert er seitdem dreimal pro Woche, eine Runde von gut 20 Kilometern. „Diese Umfänge reichen für mich aus. Bei den langen Strecken ist auch die mentale Stärke entscheidend.“ Und vielleicht die eine oder andere Gesellschaft auf der langen Strecke. Beim Kobolt-Ultramarathon hat er sich beispielsweise zwei Teilnehmern aus Dänemark angeschlossen. „Die liefen genau mein Tempo, das hat gut gepasst.“

Eine große Herausforderung sei die Wegfindung. Vor allem nachts. „Da hilft mir mein GPS-Gerät weiter“, sagt der Ultra-Läufer. Allerdings halte der Akku nur fünf Stunden. Nach 80 Kilometern war auch die nachladende Powerbank leer. „Aber irgendwie geht es immer, richtig extrem verlaufen haben ich mich noch nicht.“ Für die allergrößte Not hat er auch die gute alte Landkarte dabei.

Wichtig sei bei diesem Abenteuer die richtig Ausstattung. In erster Linie zählten gut gedämpfte Schuhe dazu, vielleicht noch Stöcke sowie ein Rucksack mit dem Nötigsten: eine Wind- und Regenjacke, eine Mütze und Handschuhe, ein Erste-Hilfe-Set und eine Rettungsdecke, eine Stirnlampe, ein Ladegerät samt Kabel, eine Trinkflasche, ein Trinkbecher für die Verpflegungsstationen, und je nach Bedarf auch was Essbares, um die Energiespeicher wieder aufzufüllen.

Nach den 140 Kilometern von Koblenz nach Bonn wird sich Jörg Finkbeiner erst einmal erholen. Denn das nächste Abenteuer kommt bestimmt. Was es sein wird, darüber hat er sich noch keine Gedanken gemacht.

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