Übertragung durch Tiere Wie das Masern-Virus zu den Menschen kam

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Immer wieder gibt es auch heute noch Masern-Ausbrüche – im vergangenen Jahr etwa auf den Philippinen. Viele Menschen starben Foto: dpa/Alejandro Ernesto

Berlin - Die Covid-19-Pandemie ist keineswegs die erste Virus-Infektion, die von Tieren auf Menschen übergesprungen ist – und seither die Welt in Atem hält: Auch das Masern-Virus entstand vor bereits 2500 Jahren in Tieren, genauer: In Rindern. Das berichten Ariane Düx und Sébastien Calvignac-Spencer vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin gemeinsam mit 19 Kollegen jetzt in der Fachzeitschrift Science. Als dieses Virus damals wohl kurze Zeit später auf den Menschen übersprang, entpuppte sich die Infektion als alles andere als eine harmlos Kinderkrankheit: Vor der Zulassung der ersten Impfstoffe in den 1960er Jahren starben jedes Jahr weltweit einige Millionen Menschen an Masern.

Besonders gefährlich ist die rasche Ausbreitung des Erregers: „Ein einziger Infizierter steckt im Durchschnitt zwölf bis 18 Gesunde an“, erklärt der Masernforscher Jürgen Schneider-Schaulies von der Universität Würzburg. Beim Covid-19-Erreger SARS-CoV-2 liegt diese Rate erheblich niedriger. Ähnlich wie in der Corona-Pandemie sterben auch bei einer Masern-Infektion vor allem vorgeschädigte Menschen. Bei Unterernährten etwa fallen bis zu zehn Prozent aller Infizierten der Krankheit zum Opfer, berichtet die Weltgesundheitsorganisation WHO. Aber auch bei vorher Gesunden können Masern tödlich enden: „Rund jeder tausendste Infizierte bekommt eine Gehirn-Entzündung, an der jeder fünfte Betroffene stirbt. Sehr viele behalten bleibende Schäden“, fasst Jürgen Schneider-Schaulies zusammen.

Zusätzlich infizieren die Viren die Zellen des Immunsystems und schwächen so die Abwehrkräfte des Körpers. Daher sind Menschen kurz nach überstandener Krankheit erheblich anfälliger für Infektionen. „Obendrein können Masern-Viren einen Teil des immunologischen Gedächtnisses löschen, Betroffene sind oft noch Jahre nach einer Maserninfektion besonders anfällig für andere Erreger“, erklärt Schneider-Schaulies – und entlarvt so dieses Virus als ähnlich gefährlich wie SARS-CoV-2. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied. Während Forscher in aller Welt fieberhaft nach einem Impfstoff gegen SARS-CoV-2 suchen, gibt es eine solche zuverlässige Masern-Vaccine bereits seit Jahrzehnten. „Dadurch sterben inzwischen mit rund 100 000 jährlich viel weniger Menschen als früher an Masern“, berichtet Jürgen Schneider-Schaulies.

Forscher analysieren das Erbgut von Viren in den Überresten von Verstorbenen

Lange rätselten Wissenschaftler, seit wann das Masern-Virus bereits die Welt in Atem hält. Dazu analysieren Forscher seit wenigen Jahren das Erbgut von Erregern, das sie in den Überresten von Verstorbenen längst vergangener Epidemien finden. Dann untersuchen sie die Veränderungen zu heute zirkulierenden Viren und kalkulieren daraus die Zeit bis zum letzten gemeinsamen Vorfahren mit dem nächsten Verwandten des Erregers. Diese Methode aber hat einen gravierenden Nachteil: Genau wie bei Corona-Erregern besteht das Erbgut von Masern-Viren nicht aus DNA, sondern aus einer leicht abgewandelten Form, die Wissenschaftler „RNA“ nennen. Doch diese Form des Erbguts wird vom Zahn der Zeit viel stärker angenagt als DNA. Die Karten für das Isolieren von Masern-Erbgut aus den sterblichen Überresten von Opfern, die vor Jahrhunderten starben, stehen also schlecht.

Glück hatten die RKI-Forscher dagegen bei der Lunge eines zweijährigen Mädchens, das 1912 an einer Lungenentzündung in Folge einer Maserninfektion gestorben war. Einen Tag nach dem Tod wurde die Lunge in Formalin eingelegt – und wird seither im Archiv des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité aufbewahrt. Aus dem mehr als hundert Jahre altem Organ isolierten die RKI-Forscher genug RNA-Reste, um das Erbgut des damals zirkulierenden Virus zusammenzusetzen und es mit seinem nächsten Verwandten zu vergleichen: Dem Erreger der Rinderpest, der neben Kühen eine ganze Reihe von Paarhufern bis hin zu Flusspferden infiziert und meist tötet.

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„Der letzte gemeinsame Vorfahre des Masern- und des Rinderpest-Erregers grassierte demnach vor rund 2500 Jahren“, fasst Sébastien Calvignac-Spencer das Ergebnis dieser Untersuchungen zusammen. Das Masern-Virus könnte also rund 1400 Jahre früher als bisher vermutet entstanden sein. Aus historischen Dokumenten lässt sich das Alter der Masern dagegen aus einem einleuchtenden Grund nur schwer ermitteln: „In solchen Schriftstücken steht oft nur, dass die Menschen an hohem Fieber litten und sich ihre Haut stark verändert hatte“, berichtet Calvignac-Spencer. Diese Angaben können sowohl auf Masern, wie auch auf Pocken oder Windpocken hindeuten. So lassen solche alten Texte zwar ein Auftreten der Masern bereits im siebten und achten Jahrhundert unserer Zeit vermuten, bestätigen könnte diesen Verdacht aber erst der Fund von Virus-Erbgut. Das hoffen die Forscher vielleicht in Mumien aus dieser Zeit oder in Opfern einer Epidemie zu finden, welcher im fünften Jahrhundert vor Christus rund ein Viertel der Bevölkerung von Athen zum Opfer gefallen war.

Die große Epidemie im fünften Jahrhundert könnte auf das Konto von Masern gehen

Allerdings hielten Menschen schon Jahrtausende vorher Rinder. Weshalb ist das Masern-Virus also nicht bereits viel früher zum Menschen gekommen? „Da spielt die hohe Ansteckungskraft eine Rolle“, erklärt Sébastien Calvignac-Spencer. Dadurch ist die Bevölkerung rasch durchinfiziert, wodurch jeder Betroffene ein Leben lang immun gegen Masern wird. Mangels neuer Opfer würden die Viren dann in einer Bauernfamilie oder in einer kleinen Gemeinde rasch aussterben. Es sei denn, eine Gemeinschaft ist groß genug oder eng mit anderen verbunden, sodass sich der Masern-Erreger in einer Region gerade vermehrt, während in anderen Gebieten bereits neue Kinder geboren sind, die von einem Besucher aus einem Epidemie-Gebiet wieder angesteckt werden können. Das passiert aber nur in Städten und Gebieten, in denen mindestens 200 000 bis 500 000 Einwohner leben. Solche Kulturen mit einer entsprechend dichten Bevölkerung aber entstanden vor rund 2500 Jahren, als gleichzeitig der Masern-Erreger auftauchte.

Die große Epidemie im fünften Jahrhundert in Athen könnte also durchaus auf das Konto von Masern gehen. Dazu passt auch, dass Erreger oft besonders gefährlich sind, wenn sie erst vor Kurzem von einer Art auf eine andere übergesprungen sind und sich noch nicht an ihren neuen Wirt angepasst haben. „Allerdings sind Masern-Viren trotz ihrer langen gemeinsamen Geschichte mit Menschen auch heute noch eine wirklich gefährliche Krankheit“, sagt Sébastien Calvignac-Spencer. Erst als in den 1960er Jahren Impfstoffe entwickelt wurden, konnte die Gefahr gebannt werden. Und wenn alle Menschen geimpft wären, könnte die Krankheit sogar ganz ausgerottet werden. Das zeigt auch, weshalb ein Impfstoff gegen SARS-CoV-2 so wichtig wäre.

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