Thomas Koser-Fischer aus Leonberg Sein Abschied ist auch das Ende der Gemeinde

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Pfarrer Thomas Koser-Fischer nimmt Abschied von Leonberg. Foto: factum/Granville

Leonberg - Vor achteinhalb Jahren ist Pfarrer Thomas Koser-Fischer in die Gartenstadtgemeinde gekommen. Da war schon klar, dass der Kirchenbezirk umstrukturiert und diese Gemeinde in einer anderen aufgehen würde. Das hat die Aufgaben des scheidenden Kirchenmanns zu einer ganz besonderen gemacht, denn ein Auftrag war es, den Umbruch zu begleiten und den Übergang zu gestalten.

„Hierher zu kommen in dem Wissen, dass das Gemeindehaus aufgelöst werden wird, war eine ganz bewusste Entscheidung“, erklärt Thomas Koser-Fischer. In seinem Arbeitszimmer im evangelischen Pfarramt Gartenstadt stehen die gepackten Kartons an der Wand, es sieht nach Aufbruch aus. „Es ist nicht so einfach, gleichzeitig Arbeit und Wohnung aufzugeben“, sagt er. Es bleibt eben doch ein Stück Leben zurück, auch wenn der Ruhestand gut geplant ist. Vor zwei Jahren, sagt er, habe er sich nicht vorstellen können, aufzuhören. Heute ist das anders, er hat sich mit dem neuen Lebensabschnitt auseinandergesetzt und sich darauf vorbereitet.

Ein klarer Schnitt ist ihm wichtig

Am vergangenen Sonntag ist Thomas Koser-Fischer im Abschiedsgottesdienst entpflichtet worden, und das, betont er, ist ihm wichtig gewesen: „Ich wollte einen klaren Schnitt, denn im Ruhestand wird es noch schwerer werden, Privat- und Berufsleben zu trennen. Wo beginnt der Mensch, wo der Pfarrer Koser-Fischer? Nach der Entpflichtung bin ich kein Pfarrer mehr“, erklärt er. Das mache ihn freier in den Entscheidungen, wie er sein privates Leben und seine Berufung, für die Menschen da zu sein, in Einklang bringen werde. „Ich habe mich stets als einen Ermöglicher gesehen. Es liegt mir einfach, ein Begleiter zu sein“, reflektiert er, „ich bin jemand, der eher im Hintergrund agiert, der Wege aufzeigt, der Menschen zusammenbringt und anleitet.“

Dass der ehemalige Pfarrer Menschen zusammenbringen und Gemeinschaft schaffen kann, hat er schnell bewiesen. Kaum war er im Amt, hat er die just angekommenen Flüchtlinge mit ehrenamtlichen Helfern zusammengebracht. „Vielleicht lag es daran, dass die Menschen in der Gartenstadt sich selbst in der Gewissheit, dass sich ihr gewohntes Gemeindeleben verändern würde, besser in die Asylsuchenden einfinden konnten. Jedenfalls hatten wir in der Flüchtlingsarbeit jede Menge Hilfe“, freut sich der ehemalige Pfarrer. „Und durch die Arbeit mit den Flüchtlingen unter dem Dach der evangelischen Kirchengemeinde ist die Entfremdung zur Kirche bei vielen Helfern gemindert worden. Alle haben, egal welchen Glaubens oder Nicht-Glaubens, engagiert mitgeholfen“, hat er erfreut bemerkt.

Aufbauen, anleiten, fördern

Geboren und aufgewachsen ist Thomas Koser-Fischer in Kirchheim/Teck. Nach den ersten Studiensemestern in Tübingen hat er der Schwäbischen Alb zunächst Lebewohl gesagt und in Berlin und Heidelberg gelebt. „Beruflich hat es mich dann in den Großraum Stuttgart gezogen“, erzählt er. Die Vielfalt dessen, was er da erlebt hat, hat ihn immer wieder zum Nachdenken gebracht: „Vor allem die Arbeit mit den so genannten sozial Schwachen und Benachteiligten. Hier etwas aufzubauen, sie anzuleiten und zu fördern, das hat mir sehr viel Freude bereitet“, resümiert er.

Kurz hält er inne. „Jede Gemeinde ist anders. Was in der einen gerne angenommen wird, floppt in der anderen komplett“, hat der Pfarrer a. D. erfahren müssen. „Aber aus allem habe ich gelernt“, sagt er mit einem Schmunzeln, und erzählt begeistert von seiner Arbeit an der Haldenwangschule: „Hier ist wieder alles anders gelaufen. Die Herausforderungen unterscheiden sich stark von denen an den Regelschulen, an denen ich unterrichtet habe.“ Denn die Schüler mit Handicap sind beispielsweise völlig anders mit den Gleichnissen, die er erzählt hat, umgegangen. „Mein Blickwinkel auf viele alltägliche Dinge hat sich dadurch verändert“, sagt er, und das sei gut so.

Das Erzählen liegt Thomas Koser-Fischer sowieso am Herzen. Den Zuhörern biblische Geschichten mit den eigenen Worten nahezubringen, das ist neben dem Geigenspiel seine echte Passion. Trotzdem hat die Geige einen besonderen Platz in seinem Leben, denn Thomas Koser-Fischer wollte eigentlich Musiker werden.

Die Musik und die Liebe

Dafür war er nicht ehrgeizig genug, doch durch die Geige hat er seine Frau Angela kennengelernt. Bei einem gemeinsamen Kirchenkonzert hat es gefunkt. Ihrem bedingungslosen Einsatz hat der 65-Jährige vieles zu verdanken: „Sie hat mir immer den Rücken gestärkt, jeden Umzug mitgetragen, unsere beiden Söhne großgezogen und immer ihre ganze Kraft in die Gemeindearbeit eingebracht.“

Im Ruhestand zieht es das Paar zurück auf die Schwäbische Alb. Für die Gartenstadtgemeinde wünscht sich der scheidende Pfarrer in der Zukunft Mut und Tatkraft: „Ich habe hier so viele Talente gesehen, so viel Engagement erlebt. Es wäre schade, wenn das verloren ginge. Ich hoffe, die Menschen probieren andere Orte und andere Angebote aus und finden neue Wege, ihre Gemeinschaft zu leben.“

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