Theater in Leonberg Etwas Selbstironie hat noch nie geschadet

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Niemand nimmt sich in diesem Stück zu ernst. Foto: factum/Jürgen Bach

Leonberg - Gratulation? Nein, Integration!“ Mit dieser Antwort auf das Lob bei der Überprüfung der Deutschkenntnisse türkischer Mitbürger zwecks Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft zeigt das Theater Ulüm im Spitalhof, wie sicher es mit der Sprache des Gastgeberlandes geworden ist. So sehr, dass man mit ihr spielen kann, etwas, was „Biodeutsche“ häufig nicht können.

Das neue Stück bietet einen bunten Abriss der (vermeintlichen) Integration in die deutsche Gesellschaft in humorvoller Art und Weise, die von Anfang an entspannte Lacher bringt. Es hätte noch mehr geben können. Undine Thiel vom Integrationsbüro, das zum Amt für Jugend, Familie und Schule gehört, ist überwältigt: „Wir hätten noch deutlich mehr Karten verkaufen können“, erzählt sie angesichts des voll besetzten Theatersaals. Ein richtiger und wichtiger Erfolg der Aktion der Initiative „Meine Deine Eine Welt“. Sie freut sich: „Die interkulturelle Woche war durch die sichtbare Teilnahme der ausländischen Mitbürger sehr fruchtbar.“ Auch Mehmet Köksal, Vorstandsvorsitzender der Ditib, die an der Organisation beteiligt war, strahlt über das ganze Gesicht: „Ich bin sehr zufrieden“, erklärt er angesichts der Massen, die an einem verregneten Nachmittag hereinströmen.

Gefüllte Weinblätter neben Kartoffelsalat

Freundliche Mienen auch bei den Damen, die ein mehr als reichhaltiges Büffet für die Pause aufbauen. Alles selbst gemacht und vor allem ein Beispiel für gelungene Integration: traditionelle Speisen aus zwei sehr verschiedenen Ländern, friedlich vereint nebeneinander auf einem prächtigen Tisch. Gefüllte Weinblätter neben schwäbischem Kartoffelsalat, knusprige Börekvariationen neben köstlichem Käsekuchen – der Andrang in der Pause ist ungeheuer.

Doch vorher kommt die Arbeit: Atilla Cansever, Hatice Onar, Tuncay Colak, Arda Erdogan, Rüya Kahraman, Aylin Ergün, Allan Ahmad und Murat Karlıbel bringen lust- und humorvoll ihr Können an ein Publikum, das erfreulich gemischt war. Ängste und Vorurteile werden mit viel Humor unter die Lupe genommen, auch Selbstironie fehlt neben dem gerne einmal kräftig überzeichneten Vorurteilen Deutschen gegenüber nicht. So ist die deutsche Ärztin, die die beiden frisch angekommenen türkischen Männer auf ihre Arbeitstauglichkeit hin untersucht, ein rechtes Mannweib, das die verschüchterten Vertreter des starken Geschlechts begutachtet wie Vieh. Schnell wird klar: nicht Fachwissen und Intelligenz sind hier gefragt, sondern Kraft und Ausdauer. „Gut“ ist das erste deutsche Wort, und „langsam“ das zweite, mit dem man die Kollegen nicht in die Pfanne hauen will, die sehr gemächlich nach Befehl von oben an der Werkbank Schrauben drehen.

Auch ernsthafte Töne

Niemand nimmt sich zu ernst, weder die Eingliederung in die deutsche Gesellschaft noch die damit verbundenen Schwierigkeiten und ebenso wenig das allmähliche Ankommen in Deutschland, das so recht nie gelingen wird. Dennoch gelingt es, ernsthafte Töne durchscheinen zu lassen. Wenn während des Vortrags zur Überprüfung des ausreichenden Sprachkenntnisse Sätze fallen wie: „Wir haben dieses Land nach dem Krieg mit aufgebaut“, was dem Rezitator Atilla Cansever tosenden Beifall einbringt.

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