Tag des offenen Denkmals in Leonberg Die dunklen Tage des Engelbergtunnels

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Die Trassierung der neuen Reichsautobahn mit Blick vom Nordportal des Engelbergtunnels in Richtung Heilbronn im Jahr 1939. Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg

Leonberg - Rund 110 000 Fahrzeuge durchqueren täglich den Engelbergtunnel, ohne zu ahnen, dass 60 Meter über ihnen ein trauriges Kapitel deutscher Geschichte geschrieben wurde. Um den alten Engelbergtunnel ranken sich Mythen und Legenden wegen der schrecklichen Tragödien, die sich dort abgespielt haben.

Im Jahr 1938 wurde der Tunnel nach dreijähriger Bauzeit fertiggestellt – ein Prestigeobjekt der NS und Teil der Reichsautobahnstrecke 39. Wegen der Luftangriffe der Alliierten wurde die Herstellung der Tragflächen des Düsenjäger ME 262 in den stillgelegten, bombensicheren Engelbergtunnel verlegt. Über 3000 KZ-Zwangsarbeiter aus ganz Europa arbeiteten dort in zwölfstündigen Schichten unter unmenschlichen Bedingungen. Ein schrecklicher Wandel hatte sich vollzogen. Das ehemalige Prestigeobjekt war nun zum regionalen Symbol der NS-Gewaltherrschaft geworden. Ein Massengrab auf dem Blosenberg ist Zeugnis der katastrophalen Haft- und Arbeitsbedingungen der zu Tode gekommenen Gefangenen. Nachgewiesen wurde der Tod von 389 KZ-Häftlingen, aber es dürften wohl weit mehr gewesen sein.

„Bauwerke können Geschichten erzählen“

„Sein und Schein“ heißt das diesjährige Motto zum Tag des offenen Denkmals, an dem in Leonberg viele offene Fragen zu dem alten Tunnel besprochen werden. Aufbereitet durch eine Power-Point-Präsentation informiert Holger Korsten von der KZ-Gedenkstätteninitiative am Sonntag über die Hintergründe des Tunnelbaus. So existiert eine alte Karte mit zwei Bebauungsvarianten. Eine davon führt um Leonberg herum, die andere zeigt den Tunneldurchstich. Die Umgehungsstraße wurde künstlich hochgerechnet, der Tunnelbau dagegen protegiert.

„Der Reichsautobahntunnel war natürlich toll für die Nazis, ein Vorzeigeobjekt“, erläutert Korsten. Damit setzten sich die Nazis vor der Welt in Szene und wollten dem deutschen Volk und der Welt beweisen, wie „großartig“ sie waren. Die tatsächliche Notwendigkeit des Tunnels wird gleichzeitig hinterfragt. Nüchterne Fakten wie Verkehrsinfrastruktur und die Darstellung von Planung und Bau des Engelbergtunnels fließen ebenso in die Präsentation wie die spätere Nutzung – die sehr dunkle Seite dieses Imageobjekts.

Noch immer umgibt den alten Engelbergtunnel eine düstere Atmosphäre. Das unfassbare Leid, welches die KZ-Zwangsarbeiter ertragen mussten ist deutlich spürbar, visualisiert durch die vielen Schautafeln. Durch diese Präsentation wird der einzelne Mensch als dieser wahr genommen, versinkt nicht in der anonymen Masse von Namen. Die grauenvolle Geschichte bekommt ein Gesicht, wird sichtbar.

Samuel Pisar gibt der Geschichte ein Gesicht

Der bekannteste ehemalige KZ-Insasse ist Samuel Pisar. Er ist der Stiefvater des jetzigen US-Außenminister Antony Blinken, erzählt Ingeborg Böhme, eine der vielen Freiwilligen des KZ-Gedächtnisstättenvereins. Sie haben viel zu erzählen – viel mehr als in diesen Artikel hineinpassen würde. Der Antrieb der Freiwilligen ist jedoch der Grundgedanke, dass sich diese dunkle Epoche niemals mehr wiederholen, dass sie nie vergessen werden dürfe. „Denn nur wer die Geschichte kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten“, sagte einst der Politiker August Bebel.

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